Die Priester des silbernen Drachen

Grundsätzlich orientiert sich die Kultur von Vinland am Vorbild der historischen Wikinger und Normannen. Die Sprache entspricht (überwiegend) dem sog, Altnordischen, d.h. der skandinavischen „Ursprache“, die sich später in (Alt-) Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Isländisch etc. aufteilte. Diese Sprache ist also älter als die Kultur, weshalb sie auch im Spiel für die Vinländer als altehrwürdig gilt, im Alltag nicht mehr benutzt wird und den meisten auch recht unverständlich geworden ist (etwa wie das Latein den Römern in „Asterix“). Kein SC / NSC braucht also „vinländisch“ als Sprache zu beherrschen (tut der Verfasser ja selbst nicht!).

Dementsprechend heißt „Mönch“ auf vinländisch „Pâpar“ und Kloster „pâpan“ (eigentlich die Mehrzahl von „pâpar“, also „Mönche“ und somit „Gruppe“ bzw. „Ansiedlung von Mönchen“). Das ist natürlich real-historisch abgeleitet vom lateinischen „Pater“ / „Vater“ bzw. der Koseform „Papa“, welche ja gerade in germanischen Sprachen nicht nur Zuneigung, sondern vor allem auch Ehrfurcht ausdrückte (wie z.B. auch „Väterchen Frost“ zu verstehen ist).

Beim Benutzen der vinländischen Bezeichnungen sollte das „â“ auch korrekt lang ausgespro-chen werden, um die Assoziation mit dem heute ja wenig ehrerbietigen „Pappa“ zu ver-meiden.

Nun sind die einzigen (zumindest allgemein bekannten) Klöster bzw. Mönche auf Vinland die drei des Roten, Silbernen und Goldenen Drachen und da diese zudem ausgesprochen wenig Außenkontakt haben, kann der normale Vinländer mit den entsprechenden Begriffen auch ziemlich wenig anfangen. Typische Bezeichnungen bzw. Ämter des Mönchswesens wie „Abt“, „Novize“, „Klausner“ o.ä. sind weitestgehend unbekannt und daher ungebräuchlich. Vielfach, ja schon regelmäßig wird ein Mönch eher als „Priester“ bezeichnet, denn diese sind eine zwar auch nicht gerade häufige, aber immerhin vertrautere Erscheinungsform, vor allem auf Norglaw, wo sich ja im Gebiet von Helgeheim mehrere altehrwürdige Tempel und Heiligtümer befinden. Ein Priester dient „hauptberuflich“ einer Gottheit und wohnt normalerweise auch in oder bei deren Heiligtum, was aber grundsätzlich auch für Mönche zutrifft. Insofern ist die Benutzung des etwas vertrauteren Begriffes verständlich und die Mönche wehren sich auch üblicherweise nicht dagegen, als Priester bezeichnet zu werden, obwohl das natürlich nicht korrekt ist.

Nach dem Untergang des großen ursprünglichen Vinlandes haben sich Elben wie Angehörige des „Alten Volkes“ der Tuatha als die älteren und eigentlichen Träger des Drachenkultes fast ausnahmslos nach Hae Brâsil zurück gezogen und seither (zumindest vorläufig noch) praktisch keinerlei Kontakt mehr zu den Vinländern. Daher wurden seit nunmehr 1.000 Jahren die Mönche der Drachenklöster ausschließlich von Vinländern gestellt.

Die zuletzt auf Vinland eingetroffenen und (selbstverständlich nur damals noch) barbarischen Nordleute hatten aber wenig Zeit und Gelegenheit, wirklich tief oder erschöpfend das Wesen und die Lehre der Drachen zu erfassen und zu begreifen. Wenn auch die Klöster tatsächlich der Überlieferung gemäß an den Orten liegen, wo sich einstmals die Nester und die Eier befanden, aus denen die Drachen schlüpften, so ist auch hier nach der Entrückung der Drachen leider kaum mehr von ihnen zu spüren und zu empfangen als auch im sonstigen Vinland. Keine noch so intensiven Gebete, Meditationen oder Rituale vermögen so etwas wie einen „Direktkontakt“ oder gar ein „Zwiegespräch“ mit diesen Wesen herzustellen. Insofern empfangen auch hier die Mönche keinerlei „Kontrolle“ oder „Unterweisung“. Bei theologischen Diskussionen u.ä. müssen sie das auch mehr oder weniger zugeben, doch vertreten sie den Standpunkt, daß die besondere Lage und die dadurch gegebene besondere „Aura“ zusammen mit ihrer natürlich besonders intensiven Versenkung in diese Dinge ihnen dann doch ungleich tiefere und wahrere Erkenntnisse ermöglicht.

Dessen ungeachtet stellt aber ihr „erweitertes“ Bild von den Drachen in der „Realität“ schlicht eine Verfälschung dar. Denn es ist allzu menschlich nichts weiter geschehen, als daß sie Elemente der „alten Götter“, d.h. des ursprünglichen Glaubens der Vinländer (und damit real-historisch der nordisch-wikingischen Götter) mit den Drachen verbunden haben. Kurioserweise ist daher außerhalb der Klöster durch die recht bewußt beachtete Trennung der drei Kulte (Drachen, Alte Götter, Neue Götter) die Drachenlehre getreuer bewahrt worden.

Hierdurch ist auch ein Konflikt der Klöster mit der vinländischen Inquisition geradezu vorprogrammiert, da zu deren wichtigsten Aufgaben ja die Bewahrung der verschiedenen Glaubenslehren und die Bekämpfung gerade solcher Vermischungen und Verfälschungen gehört. Da die Mönche ihre Lehren aber nicht als Missionare verbreiten, sondern eher etwas arrogant und eigenbrötlerisch als nur den „Erleuchteten“ (d.h. mehr oder weniger ihnen selbst) vorbehaltenes „Geheimwissen“ und ja auch grundsätzlich nur wenig Außenkontakt pflegen, gibt es außerhalb der Klöster nur einige wenige und normalerweise (!) ebenfalls sehr zurückhaltende Anhänger dieser Vorstellungen und sind diese im übrigen Vinland weitestgehend unbekannt. Insofern ist eine grundsätzliche Konfrontation mit der Inquisition bisher vermieden worden, obwohl bereits ein gesundes gegenseitiges Mißtrauen besteht und das bei Gelegenheit durchaus zu äußerst heftigen, allerdings bisher rein verbalen Auseinandersetzungen führen kann.

DER SILBERNE

Der Silberne Drachen wurde als dritter geboren, nach dem Grauen und dem Grünen (das mit dem Grauen ist natürlich allerneueste Erkenntnis auf Vinland). Er kam nicht allein auf die Welt, sondern gleichzeitig mit dem Roten, so daß die beiden als Zwillings-brüder anzusehen sind.

Seine Eigenschaften werden durch Klugheit und Gerechtigkeit geprägt. Er strebt nach Wahrung des Rechtes, Schutz der Schwachen und entsprechend auch nach (gerechter) Rache und Vollstreckung.

Seine Hauptaspekte sind daher
Klugheit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Recht, Rechtsordnung, Rechtsausübung, Pflicht, Schuld, Treue, Freiheit, Sippe, Thing


Hieraus ergeben sich als „positive“ Aspekte
Klugheit, Recht, Brauchtum, Gewohnheit, Gesetz, Anklage, Gerechtig-keit, Gerichtsbarkeit, Richter, Eidschwur, Zeuge, Erbe, Erbschaft, Mün-del, Mündigkeit, Gast, Gastrecht, Gefolgschaft, Sippe, Thing, Schutz, Gnade, Pflicht, Pflichterfüllung, Treue, Freiheit, Verantwortung, Geduld

sowie als „negative“ Aspekte
Dummheit, Lüge, Frechheit, Unrecht, Rechtlosigkeit, Rache, Vergeltung, Verbannung, Hilflosigkeit, Schande, Trotzigkeit, Untreue, Verrat, Pflichtvergessenheit, Unbesonnenheit, Korruption, Verbrechen, Unfrei-heit, Befangenheit, Herablassung.


Der Silberne Drachen steht somit vor allem für Gerechtigkeit bzw. eine gerechte Ordnung und definiert das weniger mystisch – abstrakt, sondern schlicht als ein Gebot der Klugheit. Da die vinländische Gesellschaft traditionell keine schriftlich fixierten bzw. kodifizierten Gesetze kennt, basiert dies grundsätzlich auf Brauchtum, mündlicher Überlieferung und Gewohnheit, was als im Ergebnis vernünftig und gerecht angesehen wird und daher vom Prinzip her auch nicht mehr „diskutierbar“ ist. Der Silberne und seine Anhänger sind insofern streng konservativ und erbitterte Verteidiger der traditionellen vinländischen Rechts- und Gesellschaftsordnung.

Naturgemäß bestehen daher ein besonderes Interesse und sogar eine regelrechte Schutzherrschaft über die Institutionen, die diese Elemente besonders widerspiegeln bzw. verkörpern.

Dies ist zunächst die Sippe als „Keimzelle“ der vinländischen Gesellschaft. Sie gilt ja als unauflösliche und engste, über alles andere zu stellende blutsmäßige Bindung. Die Treue zur Sippe steht also unter besonderem Schutz des Silbernen und Verstöße hiergegen bekämpft bzw. verfolgt er mit besonderer Härte und Erbarmungslosigkeit.

Nebenbei erwähnt sei noch die uralte und magisch-mysteriöse Bindung an den Clan bzw. ein Totemtier, welche ja in seltsamer Weise unabhängig von den Sippen existiert und sogar stark von diesen abweichende seltsame Zusammenhänge aufweisen kann. Diese beruhen wahrscheinlich auf alten „Kultgemeinschaften“ der „Alten Götter“ und da diese ja auf Vinland nicht mehr als übergreifende „Staatsreligionen“, sondern nur noch zusammenhanglos als lokale Orts- oder Gruppengottheiten verehrt werden, besitzt auch der Clan faktisch keine Bedeutung mehr und ist als gesellschaftliche Einrichtung weitestgehend außer Gebrauch gekommen, ja nahezu vergessen worden. Hier ist eher eine „Reservemöglichkeit“ gegeben, ansonsten unlösbare Konflikte elegant zu beheben (oder auch vielleicht erst zu produzieren), und ein Priester des Silbernen als Bewahrer letztendlich auch solcher uralten Einrichtung könnte hierbei durchaus aktiv werden.

Daß er sich hingegen weniger für Ehe und Familie interessiert, liegt einfach daran, daß diese Verbindungen auf Vinland eher als geschäftliche bzw. vertragliche Verbindung zweier Sippen betrachtet werde. Zudem sind die damit verbundenen Gefühle positiver wie gegebenenfalls negativer Art ja Domäne des Roten Drachens. Der Silberne beobachtet allerdings aus seiner Zuständigkeit für Recht, Rechtsbrauch und Rechtswahrung heraus eher die „formale“ Abwicklung, also Verlöbnis und Heirat ebenso wie eine eventuelle Scheidung und auch die gesamten erbrechtlichen Zusammenhänge. Hierbei überschneiden sich seine Kompetenzen naturgemäß mit denen des Goldenen Drachens, wobei die Unterscheidung etwa dahingehend zu sehen, ist, daß sich der Silberne weniger für das Zustandekommen und das „Inhaltliche“ als vielmehr für die ordnungsgemäße äußere, eher „technische“ Abwicklung zuständig fühlt.

Weit größere Bedeutung für den Silbernen besitzt natürlich das Thing als die zentrale, traditionell bzw. theoretisch ja sogar die einzige Einrichtung auf Vinland, wo Gesetzgebung, Rechtsprechung und ausübende Gewalt – also politische, juristische wie militärische Entscheidungen und Handlungen – stattfinden. Ein Priester des Silbernen wird also gerade Things ebenso fachkundig wie aufmerksam verfolgen, was Einberufung, formale und inhaltliche Durchführung sowie die dabei herauskommenden Entscheidungen und Urteile betrifft, ob denn auch alles mit Brauchtum und überkommener wie vernünftiger Gerechtigkeit übereinstimmt.

Obwohl ihn sein Amt ja geradezu prädestiniert, hierbei eine aktive oder zumindest beratend begleitende Funktion wahrzunehmen, stellt ein Priester des Silbernen aber im vinländischen Alltag eine viel zu seltene Erscheinung dar, als daß dies allgemein üblich wäre. Daher wird der zuständige Adelige bei Bedarf oder grundsätzlich bei bedeutenderen Gelegenheiten typischerweise einen Lôgmann oder ersatzweise auch einen Goden heranziehen. Er kann jedoch einen dann eher zufällig aufgetauchten Silbernen Priester durchaus um zusätzliche offizielle „Amtshilfe“ bitten (was allerdings die Ausnahme wäre, denn die meisten Adeligen denken und handeln inzwischen doch recht autokratisch, so daß es mit einem solchen Erzkonservativen doch leicht zu Problemen kommen kann).

Bekanntlich leiten und gestalten die Adeligen die Things inzwischen doch schon eher autoritär als demokratisch und pflegen sowohl Beschlüsse wie auch Gerichtsurteile selbstherrlich in eigener Person zu fassen bzw. zu fällen. Wirkliche Abstimmungen kommen zumeist nur noch zustande, wenn der Adelige bei schwierigen oder sehr bedeutsamen Angelegenheiten die klare und ausdrückliche Zustimmung der Versammlung gleichsam als offene Rückendeckung wünscht.

Besonders problematisch erscheint hierbei natürlich die inzwischen weitverbreitete Gepflogenheit, daß Adelige Gerichtsverhandlungen losgelöst von einem Thing als gleichsam eigene Veranstaltung ansetzen und durchführen und hierbei dann auch auf jeden Fall in eigener Person als „unabhängiger Richter“ auftreten, also es schon überhaupt nicht mehr zu einer Abstimmung über das Urteil kommen lassen.

Scheinbar überraschenderweise hat ein Priester des Silbernen Drachens hiermit aber weit weniger Probleme, als zunächst zu vermuten wäre. Das liegt aber konsequenterweise gerade in seinem sehr konservativen Denken begründet. Denn in alter Tradition ist ja ein Adeliger allein deshalb in seiner Position, weil er individuell und persönlich tatsächlich den besten und fähigsten Anführer seiner Gruppe darstellt und dies ja auch einer ständigen Kontrolle unterliegt bzw. bei fehlerhaftem Verhalten durch Entzug der Gefolgschaft prompt geahndet und die Machtposition damit aufgelöst werden würde. Dies steckt gleichsam fest im Hinterkopf und daher können solche autoritären Tendenzen durchaus als praktische und vernünftige „Vereinfachungen“ und „Straffungen“ des Verfahrens angesehen werden – schließlich steht der Silberne ja gerade auf Klugheit und Vernunft. Ein Silberner Priester wird also zunächst instinktiv oder automatisch bei einem Adeligen die entsprechende Befähigung und damit rationale Berechtigung für solch autoritäres Verhalten unterstellen und sogar relativ großzügig über kleinere „Formfehler“ und sonstige „Ausrutscher“ hinwegsehen können. Denn schließlich werden ja auch die „neumodischen“ Things sowieso und vor allem auch die gesonderten Gerichtsverhandlungen durchweg noch vor versammelter Öffentlichkeit abgehalten (und diese wird ja normalerweise auch angemessen vorab informiert und geladen), so daß die natürlich unverzichtbare „demokratische Kontrolle“ grundsätzlich noch gegeben ist. Allerdings wird der Priester sich sehr wohl zu unter Umständen heftigstem Eingreifen gezwungen sehen, wenn der Adelige eindeutig gegen vinländisches Brauchtum und altüberliefertes Recht verstoßen sollte oder gar trotz unmißverständlich geäußerter anderer Meinung der Versammlung seine eigene Auffassung durchzusetzen sucht, also nunmehr offensichtlich die äußerlich noch vorhandene „Demokratie“ außer Kraft gesetzt bzw. traditionelles vinländisches Rechtsempfinden fundamental verletzt wird.

Diese Einstellung gilt natürlich nicht nur diesen speziellen Funktionen und Machtpositionen der Adeligen gegenüber, sondern deren „Regierung“ insgesamt. Allerdings sind ja die allermeisten Adeligen in der Praxis klug und geschickt genug, „sanft“ mit den Traditionen umzugehen und ihre zusätzlich praktisch hinzugewonnenen autoritären Positionen sowohl zu verschleiern als auch vor allem durch wirklich „gute Arbeit“ zu rechtfertigen (unterstützt dadurch, daß die Realitäten auf Vinland inzwischen die Machtmittel gegen Amtsanmaßungen der Adeligen drastisch eingeschränkt haben – Gefolgschaft aufkündigen und sich einfach einem anderen anschließen oder gar Neuaufbau durch „Landnahme“ funktioniert praktisch kaum noch).

Daher leisten die meisten Adeligen auch in den Augen eines Silbernen Priesters im Ergebnis ordentliche Arbeit. Selbst wenn ihm das eine oder andere nicht so sehr gefällt, ist für ihn aus seiner tiefverwurztelten „demokratischen“ Rechtsauffasung heraus neben seiner eigenen Meinung vor allem die Reaktion der betroffenen Gefolgschaftsleute doch sehr wichtig. Halten diese aber Ruhe, ist er zunächst einmal auch selbst befriedigt, denn gerade sein idealistisches konservatives Denken läßt ihn zunächst einmal nur schwer begreifen, daß diese scheinbare Zustimmung durchaus mehr auf dem Zwang der tatsächlichen äußeren Verhältnisse als auf wirklicher innerer Zustimmung beruhen könnte.

Wenn also ein Silberner Priester mit den regierenden Adeligen und den vorhandenen Verhältnissen trotz tatsächlich gegebener doch schon bedeutender Abweichungen von der „reinen Lehre“ traditioneller vinländischer Denkweise durchweg überraschend gut klar kommt, liegt das zu einem guten Teil auch schlicht an einer gewissen „Weltfremdheit“ oder besser daran, daß er die konkreten Gegebenheiten gleichsam durch eine idealistische „rosarote Brille“ betrachtet. Dies ist natürlich zum allergrößten Teil einfach dadurch begründet, daß die Mönche der Drachen ja ein weitestgehend abgeschottetes Leben in ihren Klöstern führen und diese ja sehr behutsam und langsam erfolgenden Veränderungen kaum erkennen können. Dies würde entweder eine ständige und scharfe Beobachtung voraussetzen oder aber eine bereits so weit fortgeschrittene Entwicklung und Verfestigung, daß die bisher praktizierten Bemäntelungen und Verschleierungen - insbesondere also die äußerlich scheinbar beibehaltenen traditionellen Strukturen – offen fallengelassen werden könnten. Beides ist aber auf Vinland zumindest bisher noch nicht der Fall, nicht einmal in Leif Erik`s Kronland (obwohl hier ein Silbermönch natürlich doch manchmal recht heftig schlucken muß).

Das gilt grundsätzlich wohl auch für einen Priester, der nicht nur vorübergehend zur Wahrnehmung einer besonderen Aufgabe sein Kloster verläßt, sondern langfristig ein „weltliches“ Leben führen will oder sogar schon eine Zeitlang geführt hat. Aber hier ist es natürlich möglich und wohl auch zu erwarten, daß er früher oder später dann doch die Realität erkennt.

Dies mag allmählich Schritt für Schritt, in mehreren heftigen Schüben oder aber auch auf einen Schlag erfolgen und kann unterschiedliche, vermutlich aber sehr heftige Reaktionen zur Folge haben. Insbesondere wäre natürlich so eine Geschichte im Zusammenhang mit Leif Erik von besonderem Interesse, wobei allerdings von Bedeutung ist, wieviel der betreffende Spieler des Priesters nun über den (jetzt so selbstbenannten) „Herzog“ real weiß bzw. erfährt – immerhin dient Leif Erik selbst ebenfalls und auch gewissermaßen „hauptberuflich“ einem Drachen...

Ganz allgemein und grundsätzlich ist das Verhalten eines Silbernen Priesters natürlich stark geprägt durch die Besonderheiten „seines“ Drachens, wobei es in der Natur der Sache liegt, daß es sich hierbei zunächst um die „positiven“ Aspekte handelt. Er wird also stets die Wahrheit sagen, kann diese jedoch – schließlich verkörpert der Silberne auch die Klugheit – je nach Situation durchaus zurückhalten oder unterdrücken. Allerdings dürfte es mit der vornehmen Zurückhaltung auf jeden Fall vorbei sein, wenn ein anderer wichtiger Bezugspunkt heftig berührt wird, also tatsächlich schwere Verstöße gegen Gesetz und allgemeine Gerechtigkeit, Pflichterfüllung und Treue, Gastrecht oder gar Sippentreue vor-liegen – also im Prinzips alles das, was zu den besonders grundlegenden Pfeilern der traditionellen vinländischen Gesellschaftsordnung gehört. Unabhängig hiervon wird er auch immer zugunsten der Schwachen und Hilfsbedürftigen eingreifen, auch wenn der sonstige Zusammenhang eher allgemeiner Art ist (es sei denn, diese haben selbst einen solchen schweren Verstoß begangen und hierdurch ihre Not bewirkt!).

Hat er sich aber erst einmal zum Handeln entschlossen, will er also einen „Verstoß“ verhindern oder bestrafen, kommen auch weitestgehend die „negativen“ Aspekte des Silbernen zum Tragen, die ja nicht im eigentlichen Sinne als einseitig „böse“ oder „unmoralisch“ gewertet werden. Sie sind zwar unter normalen Bedingungen zu vermeiden, aber zum Schutz des „höheren Rechtsgutes“ kann der Silberne Priester ohne Probleme und dann auch heftigst und brutal Rache und Vergeltung üben, wobei er auch Rechtsbrüche und Verrat in Kauf nimmt. Er wird also im Zweifelsfalle selbst (scheinbar, s.u.) gegen „silberne“ Rechtsprinzipien verstoßen – also auch Mord und Totschlag begehen – und selbst sonstige höchste Güter vernachlässigen, also auch dann rücksichtslos gegen den Übeltäter vorgehen, wenn er zu diesem in irgendeinem Treue- oder Pflichtverhältnis stehen oder sein Gast sein sollte. Da die „negativen“ Aspekte ja letztendlich nicht mehr und nicht weniger als die „Spiegelbilder“ der „positiven“ umfassen, wird er in diesem Zusammenhang praktisch sämtliche seiner Prinzipien „verletzen“ können und müssen.

Ausdrücklich „genehmigt“ ist dann sogar ausgesprochen „dummes“ Verhalten, da dann ja lediglich der Gegenaspekt der ansonsten ja hochwichtigen „Klugheit“ zum Tragen kommt, der Priester also immer noch „im Rahmen“ bleibt. Exakt aus dem gleichen Grund dürfte er dann ebenso hemmungslos lügen. Allerdings dürfte beides zugleich kaum funktionieren – entweder bekämpft er das Übel offen und ehrlich oder aber still und heimlich mittels Verstellung. Ist der Gegner zu stark, wäre Lügen klug und Ehrlichkeit dumm, ist er jedoch offensichtlich besiegbar, wäre Offenheit angesagt und Lügen insofern sogar besonders dumm, als ein Intrigengespinst ja wahrscheinlich gegenüber der „Hau-drauf-und-Schluß“-Taktik Zeitverlust bewirken würde. Aber ein Silberpriester darf sich eben wie gesagt notfalls ausgesprochen „dumm“ verhalten...

Insofern entspricht ein Priester des Silbernen Drachen eigentlich ziemlich genau einem klassischen Fantasy – Paladin. Er tritt rückhaltlos für „das Gute“ ein, kämpft für Recht und Ordnung, beschützt Witwen und Waisen, verkörpert eben einfach die „guten alten“ Ideale. Wenn es jedoch zu einer schweren Konfrontation kommt, kann er zwar, muß sich aber keineswegs wie so ein Paladin verhalten (also blöderweise bis zum notfalls bitteren Ende edel, gut, selbstaufopfernd und auch dem fiesesten Feind gegenüber ritterlich sein). Seine ganz besondere Art der „Prinzipientreue“ erlaubt ihm je nach Lage das gesamte Spektrum von offener und für seine Mitmenschen (-elfen, -zwerge-, -dämonen etc.) sogar erschreckend brutaler, rücksichtsloser Gewalt und Grausamkeit bis hin zu abgrundtief gemeiner intriganter List und Lügenspinnerei, je nach Einschätzung der Lage und entsprechend geschickter Kombination passender „positiver“ und „negativer“ Aspekte des Silbernen Drachens.

Denn wohlgemerkt, diese „hellen“ und „dunklen“ Seiten sind eben nicht grundsätzlich oder im moralischen Sinne eindeutig bzw. einseitig „gut“ oder „böse“. Sie ergänzen und bedingen einander und werden eher dahingehend beurteilt, ob ihre jeweilige „Anwendung“ dem Ziel (was natürlich bei einem Silbernen Priester grundsätzlich „in Ordnung“ sein muß) eher nützt oder schadet. Daher sind sie eher als „konstruktiv“ oder „destruktiv“ zu werten und ihr Einsatz eben je nach Situation auch allein in diesem Sinne zu beurteilen.

Solange das Umfeld „in Ordnung“ ist, wird sich der Priester natürlich ausschließlich an den „positiven“ Aspekten orientieren, aber eben nur deshalb, weil sie dann tatsächlich „konstruktiv“ und die negativen Aspekte tatsächlich schädigend wirken. Wird dieses Umfeld aber „unordentlich“, würde stures Beharren auf den „positiven“ Aspekten ja den Schaden unter Umständen noch vergrößern und dienen die „negativen“ dann der Wiederherstellung der „guten Ordnung“, wirken also tatsächlich jetzt „konstruktiv“.

Das ist natürlich letztendlich nur eine verklärte Version des altbekannten Prinzips, daß der Zweck die Mittel heiligt. Dies funktioniert aber tatsächlich ohne innere Zweifel, wenn man nur inbrünstigt daran glaubt, ein (von wem auch immer) „auserwähltes Volk“ oder auch „Gottes (der Götter, der Drachen etc.) eigenes Land“ (oder besser: Gesellschaftssystem) zu repräsentieren – und so lange keiner da ist, der stark genug und auch willens wäre, das aus einem herauszuprügeln. Wir müssen doch wahrhaftig nur kurz in die reale Geschichte oder Gegenwart schauen, um reichlich Völker, Staaten und Herrschende zu finden, die exakt solche Prinzipien vertreten, bei Bedarf ohne Zögern mit brutalster Gewissenlosigkeit danach handeln und sich auch noch tatsächlich zutiefst überzeugt als Retter der Welt sehen. Immerhin haben wir hier den „moralischen“ Vorteil, daß kein Vinländer und auch kein Silberner Priester über die Inseln hinaus irgendwelchen missionarischen Eifer entfaltet.

Wie auch jeder sonstige erzkonservative Vinländer vertritt somit auch ein Priester des Silbernen Drachens die Meinung, daß die alte Gesellschafts- und Rechtsordnung für alle Zeiten und unter allen Umständen die denkbar beste darstellt. Und da die solche Ordnung repräsentierenden Aspekte ja interessanterweise eben nicht mit „Glauben“, „Göttern“, ominösen „Naturgesetzen“ oder einer mystischen „Weltordnung“, sondern eben mit Klugheit und Vernunft kombiniert sind, gilt das für ihn als besonders unerschütterlich. Götter und Glaubensprinzipien ebenso wie auf solcher religiösen Basis entwickelte Vorstellungen von Sitte und Moral können sich ändern, das wissen auch Vinländer. Außerdem wirkt ganz im Inneren ein von irgendeinem Gott aufgedrücktes System doch nicht ganz so hundertprozentig überzeugend wie eines, das völlig auf reiner Vernunft und Logik, letztendlich auf wirklich unveränderbaren „mathematischen“ Prinzipien aufgebaut ist. Und da ja auch die Drachen nicht die eigentlichen „Erfinder“ Vinlands sind, sondern nur die „Wächter“ und „Bewahrer“, sich also eigentlich genau so dieser „höchsten Wahrheit“ unterworfen haben, kann es kaum einen besseren „wissenschaftlichen“ oder „logischen“ Beweis für die Richtigkeit dieser Überzeugung geben – für einen Anhänger gerade des Silbernen schließt sich hier der hauptsächlich aus Klugheit und Vernunft einerseits wie auch Brauchtum, Sitte, Gesellschaftsnorm und „Glauben“ andererseits gebildete „Kreis“ und damit auch der „Kreislauf“ des Drachens in geradezu vollendeter Weise....


Bremse! Natürlich wird sich kaum ein Vinländer und wahrscheinlich nicht einmal ein Ade-liger mit Abitur in solch abstrakte philosophische bzw. theologische Regionen begeben, aber ein Drachenmönch, der ja mangels jeglicher direkter Drachenaktivitäten und –kontakte viele Jahre lang nichts besseres zu tun hat, als eben immer weiter und weiter zu spintisie-ren, kann durchaus so weit kommen....


Da dies eben allein auf Vernunft beruht, gilt besonnene Klugheit als Grundgedanke dieser Weltanschauung und damit auch als Basis des menschlichen Miteinanders. Ein Priester des Silbernen ist daher durchaus fähig und bemüht, anderen Meinungen mit sachlicher Argumentation zu begegnen. Allerdings wird er bei fortdauernder Uneinsichtigkeit seines Diskussionspartners dann schon bald dessen Verhalten als sturköpfige Dummheit werten. Da er selbst ja Klugheit und Weisheit gepachtet zu haben glaubt und daher geistige Beschränktheit geradezu als Makel oder gar Sünde betrachtet (unbeschadet dessen, was von anderer Seite oder auch objektiv über seine eigenen intellektuellen und rhetorischen Fähig-keiten zu sagen wäre), kann er dann jedoch regelrecht aus der Haut fahren und sich ausgesprochen unduldsam, ja fanatisch geben (wie wir das ja auch von einem gewissen, leider zwischenzeitlich dem – allerdings einem höchst beeindruckenden - Heldentod zum Opfer gefallenen „Hauptmann“ so kennen und lieben).

Wie bereits erwähnt, war es wohl in allen Drachenklöstern unvermeidbar, daß die Mönche im Laufe der Jahrhunderte bei der Vertiefung und Weiterentwicklung ihrer jeweiligen Lehren ganz allmählich – und wahrscheinlich von ihnen selbst gar nicht so recht bemerkt – Inhalte und Elemente einbrachten, die tatsächlich nicht von den Drachen stammten, sondern den uralten (auch in den Mönchen durchweg noch unbewußt und tief verwurzelten) Vorstellungen über die Alten Götter der vinländischen Urheimat entsprangen. Auch der Silberne Drachen blieb erwartungsgemäß hiervon nicht verschont.

„Seine“ Mönche haben ihn seither vor allem (und recht naheliegend) mit dem vinländischen Gott Tyr verbunden bzw. entsprechend umgedeutet. Real-historisch handelt es sich um eine uralte und ausgesprochen rätselhafte Gottheit, die als „Tiu“, „Tiuz“, auch „Irmin“ (die „Irminsul“!) sowie „Eru“ (richtig, daher hat Tolkien den Namen seines „Urgottes“) vor allem von den mittel- und niederdeutschen Germanen verehrt wurde, während er in Skandinavien offenbar zunächst unbekannt war (es gab ebene keinen „universelle“ germanische Religion). Die Angelsachsen nahmen seine Verehrung mit nach England und dort lernten ihn dann die Wikinger kennen, die ihn auch als „Tyr“ übernahmen. Der Einbau in die vorhandene nordische Götterwelt erfolgte allerdings ziemlich lustlos, und Tyr blieb eine ziemlich uninteressante und farblose Nebenfigur (er opfert zwar seine rechte Hand, damit der schreckliche Fenriswolf überlistet und gefesselt werden kann, um erst bei der „Götterdämmerung“ wieder loszukommen, aber das ist auch schon praktisch die einzige Geschichte im Norden, in der er überhaupt irgendetwas tut).

Tyr bzw. Tiu muß ein ursprünglich zentraler Hoch- und Schöpfergott gewesen sein. Denn immerhin blieb sein Name im „Dienstag“ bzw. „Tuesday“ erhalten und ist er neben dem gleichermaßen rätselhaften „Ing“ der einzige Gott, dem im Futhark-Alphabet eine eigene Rune „gewidmet“ ist. Leider ist „aus deutschen Landen“ wie auch aus England weitaus weniger als aus Skandinavien an alten heidnisch-germanischen religiösen Vorstellungen erhalten – streng genommen nahezu nichts wirklich Greifbares und Zweifelfreies. Immerhin ist man sich darüber (weitgehend) einig, daß er wahrscheinlich einer der Schöpfer, zumindest aber ein Wächter und Bewahrer der Welt und ihrer „guten“ Ordnung war. Er ist Gott bzw. Verkörperung der Sonne und Herr des Things, also der Ratsversammlung als höchstem und entscheidendem Institut der menschlichen Gesellschaft und ihrer Struktur. Zugleich ist er Herr des Krieges und Gott des Sieges (weshalb „seine“ T-Rune auch gerne auf Waffen als Glücksbringer eingeritzt wurde). Die Verlierer fielen ebenfalls in seine Zuständigkeit, denn er war auch Herr und Anführer des gespenstisch durch die Wolken reitenden „Totenheeres“ (die spätere „Wilde Jagd“ des Odin; aber auch die Vorstellung von Walhall scheint damals noch nicht existiert zu haben).

Die berühmten Heiligen Haine und die Heiligen Pferde der Germanen scheinen vor allem ihm geweiht gewesen zu sein. Zur „Atmosphäre“ sei noch darauf hingewiesen, daß solche Naturheiligtümer oft dunkle, ja schaurige Urwälder waren, unberührt und verwachsen, oft bewacht von mit Stöcken aufrecht stehend gehaltenen mumifizierten toten Pferden und sogar Menschen.

Wie leicht zu erkennen ist, wurde er in den meisten seiner Funktionen später bzw. bei den Wikingern von Odin / Wotan verdrängt (ein tatsächlich jüngerer „Nachrücker“ bei den germanischen Göttern). Man hat ihn dann wohl eher abstrakt und unpersönlich gesehen, gleichsam als „Urkraft“ und „Urprinzip“ im Hintergrund, der die „Alltagsarbeit“ anderen nachgeordneten Wesen überläßt (die dann nach und nach „wichtiger“ und die „eigentlichen“ Göttern wurden).

Auch auf Vinland hat Tyr hat dieses Schicksal erlitten. Und da auf den Insel die Alten Götter ja insgesamt nicht mehr zentral gesteuert oder organisiert, sondern nur noch in unterschiedlichster und mehr oder weniger lokaler Weise verehrt werden, gibt es wohl nur noch einige wenige Vinländer, bei denen genauere Kenntnisse oder gar ein besonderer Kult des Tyr bestehen.

Seine Herrschaft über das Thing und die Rechtsordnung ließen eine Verbindung des Tyr mit dem Silbernen Drachen natürlich besonders leicht zustande kommen. Das Totenheer verursachte eigentlich kein Kopfzerbrechen, da es ja auch im Glauben an die Alten Götter selbst als ein Wesenzug des Tyr bereits verschwunden und durch Odin´s „Wilde Jagd“ ersetzt worden war.

Problematisch war Tyr natürlich als Personifikation der Sonne sowie als Schlachtengott und Herr über Tapferkeit und Sieg. Dies waren und sind ja ziemlich genau die herausragenden Bereiche des Roten Drachen, also des Zwillingsbruders des Silbernen.

Die Silbernen Mönche fanden eine recht einfache und naheliegende Lösung nach dem (modern ausgedrückten) Prinzip, daß Krieg eine viel zu wichtige Sache ist, um ihn allein den Militärs zu überlassen. Ein „anständiger“ vinländischer Krieg – also mehr oder weniger die formelle Fehde – wird „rechtswirksam“ ja über das Thing sowohl verkündet wie auch beendet. Und zweifelsohne werden Kriege nicht allein durch Tapferkeit und Mut, sondern in allererster Linie durch die Klugheit und Geschicklichkeit der Befehlshaber entschieden. Zumindest besitzt ein kühl rechnender, beherrschter, kalt entscheidender Feldherr bei gleicher Heeresstärke grundsätzlich weitaus bessere Siegesaussichten als sein temperament-voller, hitziger und unüberlegt stürmischer Gegner, und das ist natürlich auch den Vinländern trotz oder vielleicht auch gerade wegen des ja wohlbekannten Berserkertums u.ä. völlig klar.

Die Mönche des Silbernen zogen hieraus den einfachen Schluß, daß dieser der ÄLTERE der beiden Zwillinge ist und daher seinen jüngeren roten Bruder kontrolliert, überwacht und anleitet. Der Rote ist also gleichsam der „Juniorpartner“ des Silbernen, sein „auf Anweisung“ handelnder „Assistent“. „Vinländischer“ wäre das Bild des Kettenhundes, der seinem Herrn und Meister grundsätzlich gehorcht, tatsächlich an der Leine liegt und nur bei gegebenen Anlaß losgelassen und auf einen Gegner gehetzt wird – und hierbei natürlich leider ab zu und zu einmal durchgehen kann, so daß er außer Kontrolle gerät und mühsam wieder gebändigt werden muß - der Rote ist also quasi der „Schläger“ und manchmal der „Berserker“ des Silbernen.

Natürlich beruht dies zu einem guten, wenn nicht gar entscheidenden Teil auch auf der allzumenschlichen (und wohl in jedem der anderen Klöster auf entsprechend andere Weise umgesetzten) Absicht der Mönche, „ihren“ Silbernen zum höchsten oder zumindest „wichtigsten“ der Drachen zu stilisieren. Durch diesen geschilderten konstruierten Alters- und Rangunterschied ist dies bezüglich des Roten insoweit gelungen. Daß dieser die ja immerhin ausgesprochen „prestigeträchtige“ Sonne verkörpert und beherrscht, ist nicht weiter tragisch. Schließlich ist das hierdurch symbolisierte „Feuer“ ja unersetzlich, um in den Kriegern die wilde und wütende Kampfeswut zu entfachen, die zwar sehr nützlich sein kann, wegen ihrer Gedankenlosigkeit und Selbstgefährdung aber der ständigen Steuerung durch den klugen Silbernen bedarf. Daher betrachtet man dessen „Kühle“ als viel wichtigeres und weniger „entbehrliches“ Element. Gleiches gilt natürlich auch für die unbestreitbar größere körperliche Stärke des Roten.

Das Verhältnis der beiden Drachenbrüder erinnert in dieser Ausformung natürlich überdeutlich an das der Alten Götter Odin und Thor. Auch hier beherrscht und kontrolliert der kluge und weise „Allvater“ ja unbestritten den wilden und nahezu unbesiegbar starken, aber eben auch nicht mit besonders viel Gehirnmasse gesegneten „Donnergott“. Selbstverständlich sind die Mönche zutiefst davon überzeugt, daß hier nicht etwa „abgeschrieben“ wurde, sondern vielmehr umgekehrt in der Gestaltung der Alten Götter sich etwas von der „wahren“ und „höheren“ Herrschaft der Drachen schwach erahnt und in Ansätzen übernommen widerspiegelt.

Der Schwarze und der Goldene bereiten bei der Hervorhebung des Silbernen eigentlich überhaupt keine Probleme, da sie ja später geboren wurden und schon aus diesem Grund als „schwächer“ und „niedriger“ angesehen werden können. Und natürlich kann leicht argumentiert werden, daß die wichtigsten Bereiche dieser Drachen – insbesondere natürlich Magie, Handel, Verträge, aber eben auch Verbrechen – gerade dann am besten gelingen und gedeihen, wenn die entsprechenden Handlungen mit Klugheit und kühler Vernunft geplant wie auch ausgeführt, damit also letztlich einer Art Oberherrschaft des Silbernen unterstellt werden.

Geht man von den bis vor kurzem bekannten lediglich Fünf Drachen aus, verbleibt nur noch der Grüne, jedoch stellt dieser für die Anhänger des Silbernen eine wirklich harte Nuß dar. Schließlich ist er zweifelsfrei älter und seine Herrschaft über den gewaltigen Naturkreislauf und damit auch den allumfassenden Wechsel von Leben und Tod ist doch zu erhaben und übergreifend, um ihn so einfach der Klugheit des Silbernen zu unterstellen.

Hier half dann aber die ausgeprägt rationale und „verstandesorientierte“ Sichtweise der Silbernen Mönche, die letztendlich zu einer kritischen Distanzierung von den „emotionalen“, ja „animalischen“ Naturkräften führte. Daher wird der Grüne Drache als Verkörperung der „reinen“, aber eben noch „triebhaften“, „tierischen“, „wildwuchernden“ und „instiktgesteuerten“ Natur gesehen, die noch der „Vergeistigung“ durch den Verstand bedarf. Ohne diesen würde die ungehemmte animalische Natur einen zwar „lebenden“, letztendlich aber „nicht entwicklungsfähigen“ und „stagnierenden“, also ungeordneten und auch weiterhin noch chaotischen „Urzustand"darstellen. Der Grüne verkörpert somit zwar das Leben und die Natur an sich, aber diese konnte und kann erst durch die Verstandeskraft des Silbernen und durch seine „geistige Lenkung" zur vollendeten wirklichen Schöpfung, also zum geordneten „Kosmos“ werden.

Neu und gerade auch für die Silbernen Mönche beunruhigend, ja verunsichernd sind natürlich die Geschehnisse auf Gronland beim Sommerfest zu Hartenfels im achten Mond des Jahres 1.000 von Vinland. Was bisher unbeweisbares Gerücht und bestreitbare Denkmöglichkeit war, hat sich nunmehr als unwiderlegbare Wahrheit erwiesen und gar wieder vollendet. Der sechste, der Graue Drachen war und ist der älteste und mächtigste aller Drachen und hat sich nach der Überwindung und dem Tod seiner „Nexxon“ genannten irdischen Verkörperung und der Befreiung seines Geistes von den Gespinsten des „Täuschers“ wieder mit seinen Brüdern vereinigt.

Der Graue aber beherrscht das Wissen und die Weisheit, das Lehren und Lernen, das Erfor-schen und die Wahrheit. Natürlich kommen auch bei ihm die Gegenelemente des Vergessens, der Lüge etc. zum Tragen, aber dennoch ist klar, daß hier Eigenschaften und Herrschaftsbereiche vorliegen, welche seine Mönche naturgemäß dem Silbernen Drachen zurechneten und weiter zurechnen wollen. Ihre Reaktion auf den Grauen bzw. ihre Interpretation der Zusammenhänge ist naturgemäß etwas spontan und improvisiert und von daher vielleicht noch nicht als endgültiges Weltbild, sondern eher als „vorläufig“ zu sehen.

Der tatsächliche Unterschied zwischen Grauem und Silbernem liegt ja offenkundig darin, daß letzterer zunächst einmal die Gesellschafts- und Rechtsordnung vertritt, d.h. in erster Linie den „Kosmos“ der Menschen, also einen „Ausschnitt“ der gesamten Schöpfung bzw. Existenz (daß die Silbernen Mönche da auch die „Ordnungen“ der Elben, Zwerge, Orks und der sonstigen „denkenden“ Wesen mit einbeziehen, versteht sich von selbst und spielt hier keine entscheidende Rolle). Da dies aber vor allem auf „gesundem Menschenverstand“ und natürlich auch auf Brauchtum und Gewohnheit beruht, also auf klug bewahrter und umgesetzter „Überlieferung“, ergeben sich zwangsläufig Klugheit und „Wissen“ als unverzichtbare Bestandteile der „Ordnung“. Der Unterschied zum Grauen (und tatsächlich auch der „geringere Rang“) liegt natürlich darin, daß hier nur ein kleinerer Teil des gesamten „Wissens“ und der gesamten „Weisheit“ benötigt wird. Zudem basieren die dem Silbernen mit angehörenden Teile nahezu vollständig auf rationaler Logik, was aber weder für „Wissen“ noch für „Weisheit“ in der jeweiligen Gesamtheit zutrifft – beides enthält viele, ja sogar überwiegend Elemente, die nicht mit „mathematischer Nüchternheit“ erklärbar oder auch nur faßbar sind.

Daher war und ist es die vorläufige Tendenz der Silbernen Mönche und eine nachvollziehbare Konsequenz aus ihrem „Rationalismus“, den Grauen ähnlich zu sehen wie den Grünen, also als Verkörperung eines noch ungeordneten „Urzustandes“. Der Graue Drachen steht in ihren Augen für unendliches, „freies“ und ungehemmtes Fliegen der Gedanken und des Denkens an sich, also für Wissen und Weisheit in einer zwar unbegrenzten und universalen, aber eben „ungeordneten“ Fülle, die so allein aber noch keinen „konstruktiven“ Nutzen besitzt. Bildlich gesprochen verkörpert der Graue also eher das geniale, fantasievolle, aber eben völlig lebensfremde und lebensuntüchtige „Universalgenie“, also etwa den „zerstreuten Professor“. Somit war und ist auch im geistigen Bereich – wie in der „ungebändigten“ Natur – der kluge Verstand des Silbernen unverzichtbares und entscheidendes Element, um aus der „Rohmasse“ des Grauen erst die geordnete Welt, eben den „Kosmos“ zu erschaffen und die Schöpfung zu vollenden.

Den Grauen wie den Grünen sehen die Silbernen Mönche daher weniger als „aktive“ Herrscher und Lenker an, sondern eher als schon „abstrakte“, „unpersönliche“ Urmächte, Urkräfte oder „Quellen“, aus denen stetig und ungeordnet „geistige Energie“ bzw. „Naturkraft“ hervor strömt, die aber erst geordnet, gelenkt und klug eingesetzt werden muß. Grauer wie Grüner sind daher auch eher „weltentrückt“ und nicht eigentlich „handelnd“, d. h. sie greifen eigentlich überhaupt nicht direkt in die Geschehnisse auf Vinland ein. Somit rückt der Silberne als erster und wichtigster „Aktiver“ und unter „Nachordnung“ der übrigen Drachen im oben geschilderten Sinne als „eigentlicher Herrscher“ von Vinland in die erwünschte Führungsposition.

Natürlich ist dies nach der Entrückung der Drachen eine eher relative Angelegenheit, aber das Grundgerüst der „Silbernen Weltordnung“ soll ja de ursprünglichen Zustände im noch unzerstörten Vinland widergeben und natürlich auch heute noch in zugegebenermaßen insgesamt „abgeschwächter“ Form weiter bestehen. Hierbei sind es dann eben die Menschen, die bewußt und selbständig diese „Ordnung“ beachten und verwirklichen, also verstärkt „vertretungsweise“ bewahren müssen, da der Silberne selbst eben nur noch indirekt wirken kann.

Nexxon bzw. der durch diesen personifizierte Graue dienen jetzt den Silbernen Mönchen sogar regelrecht als „Argumentationshilfe“. Denn nunmehr kann ja gezeigt werden, zu welch katastrophalen Zuständen es führen kann, wenn der Graue ohne die ordnende Kontrolle des Silbernen wirkt. Nexxon, Voltar und die damit zusammenhängenden Schrecklichkeiten hätten sich niemals entwickeln oder zumindest die fürchterlichen Ausmasse annehmen können, wenn der Silberne durch einen eigenen Avatar o.ä. den gleichen direkten Einfluß hätte nehmen können.

Hierbei wird die Verführung durch den Täuscher und die daraus entstandene Verblendung des Grauen denn auch konsequenterweise nicht als Ursache des Unglücks gesehen – das würde ja bedeuten, daß vom Silbernen gelenkte Elemente wie Klugheit, kluge Argumentation und eben auch Lüge direkt so etwas Schlimmes bewirken können! Vielmehr ist es der eigentliche „Fehler“ gewesen, daß der Graue eben allein und ohne Kontrolle des Silbernen über Nexxon auf Vinland herrschen konnte und seine „chaotische Gedankenflut“ sich ungesteuert und entsprechend verderblich ergießen konnte. Der „böse Intellekt“ Nexxons und seiner voltarischen Diener und – jawohl! – das ja ausgesprochen kluge Intrigantenspiel des Täuschers sind keine „Produkte“ des Silbernen selbst, sondern eher Ergebnis von „amateurhaften Eigenversuchen“ des Grauen im eigentlichen Herrschaftsbereich des Bruders, gleichsam eine Art „Amtsanmaßung“ mit entsprechend katastrophalen Ergebnis-sen.

Einfach ausgedrückt sind die Drachenkriege überhaupt nur durch gewaltsame Auflehnung seiner Brüder gegen die gerechte und weise Herrschaft des Silbernen zustande gekommen und hätte später auf den Inseln weder ein „böser“ Nexxon noch ein „böses“ Voltar etc. entstehen können, wenn statt des Grauen der Silberne eine Verbindung besessen hätte oder wenn er zumindest neben dem Grauen selbst ebenfalls eine solche hätte aufrecht erhalten und über diese seinen „chaotischen“ Bruder direkt kontrollieren und steuern können (daß der Silberne vorher, also vor den Drachenkriegen auch unter „Normalbedingungen“ seine Brüder ja schon nicht mehr beherrschen und den Krieg eben nicht verhindern konnte, ficht die Mönche nicht an – wie gesagt, hier handelt es sich um eine im „Schnellschuß“ als Reaktion auf den realen Beweis für die Existenz des Grauen entwickelte Theorie oder besser Theologie...)


Tracht und Ersacheinungsbild

Grundsätzlich sei auf die Ausführungen im Abschnitt „Priester“ des Bandes „Adel und Gesellschaft“ der Vinland-Veröffentlichungen verwiesen. Demnach trägt ein Priester bzw. Mönch grundsätzlich die normale vinländische bzw. wikingische Tracht. Er kann, muß aber keineswegs die ja etwas „ehrwürdiger“ wirkende waden- oder knöchellange Version der Tunika benutzen.

Die gesamte Kleidung sollte aber in der Farbe des betreffenden Drachens gehalten sein, was natürlich beim Silbernen etwas schwieriger ist. Hier sind aber weiße und hell- bis mittelgraue Farbtöne völlig ausreichend, die zudem ja je nach Material des Stoffes, Webart etc. durchaus „silbrig“ wirken können – schließlich wur-de ja auch im realen Mittelalter das heraldische „Silber“ überwiegend durch „Weiß“ wiedergegeben. Dies ergibt aber selbst bei verschiedenen Abstufungen doch ein irgendwie tristes Bild. Daher sollte und könnte in natürlich gemäßigter Weise durch ein Kleidungsstück bzw. dessen Muster eine Kontrastfarbe ins Spiel gebracht werden.

Rot, Schwarz und Grün sind natürlich die Farben anderer Drachen und damit nicht so sehr geeignet. Blau könnte hingegen gut passen, zumal gerade „stahlblaue“ oder „metallische“ hellere Töne wieder eine Asso-ziation zur silbernen Farbe enthalten. Alternativ wäre eigentlich auch Grün tragbar, da es in diesem Zu-sammenhang weniger auf den gleichfarbigen Drachenbruder anspielen als vielmehr die vinländischen „Nationalfarben“ repräsentieren soll (etwa zu verstehen als „grüne Wiesen und Wälder unter schnee- und eisbedeckten Bergen“ oder so). Sowohl durch die zivile Tracht an sich wie auch die andersartige Kombina-tion und Trageweise der Farben (eben nicht als Wappenrock) kann es wohl kaum zu einer Ver-wechslung mit der kronländischen Garde oder der „Legion“ kommen. Braun und Gelb hingegen dürften wohl optisch nicht besonders glückliche Kombinationen ergeben.

Das Schuhwerk muß nicht weiß oder gar silbern sein und kann natürlich in Braun oder Schwarz gehalten werden, selbst rotbraune oder richtig rote Farben sind unproblematisch (schließlich muß ein Silbermönch seinen geliebten Drachen nicht farbsymbolisch mit den Füßen treten).

Bei Waffen, Schmuck, Gürtelschnallen, Metallbeschlägen etc. ist hingegen Silber bzw. Stahl / Eisen (Zinn, Pewter u.s.w.) zwingend vorgeschrieben und jegliches Zeug aus Gold oder Messing streng verboten - na ja, eine ganz klitzekleine Verzierung oder auch etwas in Kupfer oder Bronze ginge gerade noch. Eigentlich selbstverständlich wären natürlich Amulette, Beschläge oder Schmuck in Drachenform.

Die bei den Priestern erwähnten hölzernen Perlenketten müssen natürlich nicht unbedingt sein. Sie sollen ja angeblich die innere Hierarchie der Klöster widerspiegeln und jeder „Wandermönch“ kann vorgeben, in diese „draußen“ eben nicht mehr eingebunden zu sein bzw. diese Funktionen konkret ja nicht mehr auszu-üben und daher auch keine „Dienstgradabzeichen“ mehr zu benötigen. Ähnlich optional ist der typische fransenverzierte (also für den betreffenden Spieler aufwendiger und teurer zu beschaffende) Kapuzen-mantel und auch sonstige Trachtenbestandteile im irisch-keltischen (also „altvölkischen“) Stil. Dies kann immer als eigentliche „Klostertracht“ betrachtet werden und muß daher nicht unbedingt auch für langfris-tige Außenaufenthalte vorgeschriebene Reisekleidung sein.


DIE LEHRE VOM SILBERNEN DRACHEN

Am Anbeginn der Welt wogte der gähnende Abgrund von unnennbarer und unmeßbarer Tiefe, erfüllt von den kochenden Massen der Metalle, der Erden, der Steine, der Luft, des Feuers und des Wassers. Kein Anfang war und kein Ende und kein Leben und kein Denken.

Doch dann verband sich die Luft mit dem Feuer und der erste Gedanke entzündete sich hell leuchtend. Und es verband sich die Erde mit dem Wasser und das Leben wurde schäumend geboren. Und der Gedanke verband sich mit dem Leben und es erschuf sich selbst der Hohe Geist.

Und der Geist trennte die wogenden Massen und mischte sie neu und geordnet nach seinem Willen und formte sie und erschuf die Mittlere Welt mit Ländern und Meeren und die oberen und unteren Gewölbe des Himmels und die Niederwelt. Und er sandte aus das Leben und den Gedanken, um die Welt zu bevölkern mit allerlei Wesen.

Und nach Vinland kamen der Graue Drachen und der grüne Drachen und es erblühten Pflanzen und Tiere und sonstige Wesen in mannigfaltigster Form mit wenig oder viel Stärke des Lebens und mit wenig oder viel Stärke des Denken. Doch wild und wuchernd waren die Lebensformen und keinerlei Verständigung und gedeihliche Verbindung war zwischen den Wesen wegen ihres ungeordneten Denkens und ihrer ungeordneten Arten.

Und so kam der Hohe Geist selbst herab als Silberner Drache und er ordnete das, was der Graue und der Grüne erschaffen hatte, zu Pflanzen und Tieren und denkenden Wesen auf zwei Beinen mit zwei Händen zu geschickter Arbeit und mit obzwar unterschiedlichem Verstande. Und er sandte aus Gedanken seines Geistes und so kamen der Rote Drache und der Schwarze und der Goldene, um jeder in seiner Art und auf seine Weise die Vielfalt des Lebens und der Dinge und ihren Umgang miteinander gut zu gestalten und rätliche Regierung und richtiges Recht zu geben.

Und als Silberner Drache nahm der Hohe Geist der Welt seinen Thronsitz ein hoch in den Wolken auf dem höchsten Gipfel des mächtigen Eisenzaunes und blickte herab und erfreute sich am Vinland und an den Völkern der Elben und Zwerge, der Orks und der Trolle und der Menschen vom Alten Volke der Tuatha. Und die Völker ordneten sich in ihrer jeweiligen Weise und lebten danach, und manches gefiel dem Silbernen wohl und manches wenig und er ließ es geschehen, denn jedes Volk lebte recht nach der Art seines Wesen und seines Denkens.

Und doch betrübte es ihn, daß keines dieser Völker den wahren und inneren Weg der Klugheit und des Rechtes beschritt und auch keines die Natur dazu zu besitzen schien. Und er gedachte der Nordvölker, wo der Silberne Weg so häufig und so gut befolgt wurde, und sein Geist fuhr aus über das Meer zum Festland in den Norden und dort erweckte er unruhigen Sinn in den Gedanken einiger Sippen und Träume von schiffbergenden schönen Gestaden und wohlnährenden Weiden und wurzeltiefen Wäldern unter braunschattigen Bergen. Und so rüsteten sie schwarzbugige Schiffe mit Gesippen und Gerät und Gewaffen und fuhren fahrtgerecht durch Wind und Wogen und kamen nach Vinland. Und sie sahen das liebliche Land und mit hohem Herzen setzten sie Siedlung mancherorts. Und sie ordneten Besitz und Beziehung von Sippen und Satzungen in der Art des Silbernen und der Drache des Hohen Geistes sah es und war zufrieden.

Die Menschen mehrten sich und liebten das Land und fuhren auf Viking und verkehrten mit vielen Völkern. Doch die anderen Lebewesen beachteten nicht den Silbernen Weg und die anderen niederen Drachen wie auch der Alte Graue und der Alte Grüne vergaßen die rechte Richtschnur. In Zorn und Zerwürfnis zerfielen sie und sonder der Satzung des Silbernen regte sich kein Ratschluß noch Regelung der Rauhsitten. Fehde folgte Fehde und Krieg kroch klagebringend über Küsten und Klippen und Klüfte. Und da auch die Drachen donnernd sich Haß und Hieben hingaben und die Gewalt ihrer Glieder riesenhaft und ruchlos war, brannten die Berge und loderten die Lichtungen zwischen berstenden Bäumen und wälzten sich Wogen tief in die Täler und tauchten die Triften in strömende Strudel. Und das verlorene Vinland verging und zuletzt zerfiel es zerstört und zerüttelt und es blieben bebend nur noch die Inneren Inseln und Stille kam.

Denn der Silberne riß aus den Hirnen und Seelen der Drachen die bösen und dunklen Gedanken, die sie verwirrt hatten und die der Grund für ihren Streit waren und die schrecklichen Folgen. Und er warf sie zurück in den Grauen, denn dieser war der Vater und Ursprung alles guten und bösen Wissen, aber nicht der Vernunft. Und so waren sie von ihm ausgegangen ohne Ordnung und ohne Mäßigung in wilder Leidenschaft und hatten nur Elend erzeugt, denn der Graue hatte die weisen Wege des Silbernen vergessen und so brachte sein Wissen nur Wehleid und Wirrnis.

Und der Silberne Geist warf alle Drachen aus Vinland und aus der Mittleren Welt und brachte sie in eine Halle der Höheren Himmel und er zog selbst fort mit ihnen, um sie zu heilen und zu ermahnen und sie auf ihre rechten Wege zurück zu führen.

Doch siehe, der Graue hatte eine seiner Pranken fest in die Erde von Vinland geschlagen und mit schwarzer Albenkunst vermochte er einen Teil seines Selbst dort zu belassen und hieraus erschien einer, den man Nexxon nannte und der zum Finsterfürsten heranwuchs. Zornig wurde der Silberne Drachen und wollte sich erheben und wieder herabfahren mit fürchterlichen Schlägen.

Doch er erkannte, wie sehr das Vinland schon gelitten hatte und wie gering die Reste waren und wie leicht auch diese vergehen könnten wie auch sein geliebtes Volk, wenn noch einmal sich Drachenkampf erhöbe. Und so beschloß er, nicht mehr zurückzukehren in die Kreise der Welt und die Drachen zu heilen und sie wieder mit seinem Weg zu verbinden. Den Teil des Grauen aber, der als Nexxon in der Mittelwelt verblieben war, überließ er seinen getreuen Anhängern unter den vinländischen Menschen und beauftragte sie, ihn heimzuführen zu den anderen Drachen.

Und so nahmen die Vinländer tatenfroh und treusorgend die ehernen Eilande wieder zu Eigen und Erbgut. Siedlung und Saatgut belebten kahle Klippen und Klüfte und Hersire hoben ihr Haupt über Gesippen und Gefolgen. Familien fanden sich und fochten füreinander und Alte wie Ahnen erwarben Achtung von allen. Hage aus Hasel hegen heilige Haine, wo Hersire herrschen und Horsamkeit heischen und richten nach richtigem Recht und gebieten Genossen und Gesippen und Gefolgen nach der Götter gutem Gebot und sorgen für Segen und Sieg. Stolz steht der Stein und hütet den Hof auf der Heide und gebietet Gefährten das Gastrecht. Fernhin Fahrende verkünden Fremdlanden die Freude von Vinland und Barden bewahren Bericht und Lieder loben das Land, wo gut und gerecht und glückglänzend gedeihen die Diener der Drachen.

Groß war die Liebe und das Vertrauen des Silbernen Drachen und weitschauend sein Plan, daß die Vinländer als sein wahres Volk die Inseln in Besitz nehmen und dort ihre Herrschaft errichten nach seinen Gedanken und unter seinen Weisungen, um das Land zu erfüllen mit seinem Geist und seiner Gerechtigkeit und seiner Klugheit. Nichts wäre geblieben, kein Kieselstein und keine Erdkrume und kein Wassertropfen, an dem sich auch nur die kleinste Kralle der Pranke des Grauen noch hätte klammern können, und seine wilden Gedanken wären verweht worden und die Gestalt und der Name des Nexxon verflogen wie schwacher Rauch eines sterbenden Feuers.

Aber nicht alle folgten dem Silbernen Weg. Voltar gar stritt offen dagegen und unterwarf sich sklavisch dem Grauen und dem Nexxon als ergebener Diener. Und die Voltarier zogen in den Krieg gegen Vinland und forderten Unterwerfung und empfingen lieber den Tod als Überwin-dung und Belehrung. Und die Elben und das Alte Volk und die Orks und die anderen denkenden Völker zogen auf ihre eigenen Inseln und gingen ihre eigenen Wege und vergaßen den Silbernen. Und selbst unter den Vinländern gab es manche mit Gedanken und Plänen und Taten anderer Art als der Silbernen. Und so war der Kampf schwächer und langwieriger und reicher an Rückschlägen als wenn dem rechten Pfad gefolgt worden wäre. Widersprüchliches und Wirres geschah und selbst unter Gutgesinnten erhoben sich manch Zagen und Zweifel über den rechten Weg.

Tausend Jahre vergingen und der Hohe Geist im Silbernen Drachen heilte den Roten, den Schwarzen, den Goldenen und den Grünen und selbst den Grauen, obwohl diesem ein Teil seines Wesens und seines Geistes und seiner Kraft noch nicht in die Höheren Himmel heimgekehrt war, sondern auf Vinland tobte oder in finsteren Abgründen brütete und sich immer mehr verfing in den wirren Windungen seiner eigenen Gedanken und vom Wahnsinn umfangen wurde.

Und der Silberne Herr erhob sich und sagte, daß es ein Ende haben muß. Und er nahm einen scharfen Teil seiner Klugheit und warf ihn nach Vinland wie einen lodernden Blitzschlag. Und siehe, die Mauern der Unwissenheit zerfielen und die Nebel zerrissen und die alten Schriften erschienen wieder im Licht und die guten Menschen erhoben ihre Köpfe und blickten ins Licht und sie sahen die Wahrheit und den rechten Pfad. Und die Auserwählten erschienen und sammelten sich und erkannten ihren Auftrag und sie schritten ihren Weg. Und die Schwerter und Schilde und Speere der Guten und Tapferen geleiteten sie und schützten sie und sie waren gut für die Schlacht und doch nicht tauglich für den Sieg.

Denn hier nun zeigte sich allen Verständigen klar und offen, daß die Waffen des Roten und des Schwarzen und des Goldenen und die Kräfte des Grünen und des Grauen nur die Diener sind des Silbernen Drachen und des Hohen Geistes. Denn mit nichts anderem gerüstet als dem mächtigen Blitz des Silbernen traten die Auserwählten an zur Letzten Schlacht, und siehe, diese Waffe schnitt schärfer als jedes Schwert, wehrte härter als jeder Schild und stieß heftiger als jeder Speer. Und so siegten die Auserwählten und vertrieben die Wolken und Nexxon wurde erlöst aus seiner Umnachtung und starb in guten Gedanken und der Graue Drachen gewann wieder seine vollständige Gestalt zurück im Höheren Himmel und alle Dunkelheit verging.

Und so sind die Drachen wieder vereint zu segensreicher Herrschaft unter dem Silbernen und voll von wieder ungebrochener Kraft wölbt sich ihr Schutzschild über die Inseln von Vinland. Jetzt ist es die Zeit, zu reinigen und zu heilen und wieder zusammen zu fügen das Zerbrochene. Denn noch steht die Silberne Herrschaft nicht unbestritten und noch folgen nicht alle wieder dem Silbernen Weg der Gerechtigkeit und der Klugheit. Die Herren und Diener von Voltar blicken in das Licht und sie verstehen nicht und sie vermissen ihren alten Herrscher und seine Weisungen und sie fragen sich, was geschieht und was sie tun sollen. Und viele andere dunkle Wesen wollen nicht aufgeben und sich nicht unterwerfen noch von dannen weichen oder sterben und sie sammeln sich zu neuem Kampf und folge nun dem Täuscher oder manch anderen Schrecklichkeiten, die sich verborgen hatten und nun erscheinen, da sie Vinland ohne Schutz wähnen.

Doch nichts werden sie erreichen und Unsieg erhalten und jammern und fliehen und sich in die tiefsten Tiefen sterbend verkriechen, wenn Vinland über die Waffen und die Tapferkeit und Gerechtigkeit seiner Menschen hinaus die Ordnung und die Klugheit und die Gerechtigkeit des Silbernen Hohen Drachen als die stärkste aller Waffen aufnimmt und führt und den Silbernen Weg geht. Niemand und nichts kann diese mächtigste aller Wehren überwinden und wenn der Weg bereitet ist und die Ordnung errichtet, dann mag es geschehen, daß der Hohe Geist erneut das Vinland als seinen Thron und seinen Garten erwählt und die Drachen zurückkehren.

Und höret und sehet, Ihr Menschen von Vinland, die Diener des Silbernen Drachen und des Hohen Herrn des Geistes verkündigen Euch diese Wahrheit und sie öffnen die Pforten des Hohen Klosters auf dem Eisenzaun zu Gronland und laden die Wissenden und die Wißbegierigen ein, zu kommen und zu lernen und zu erkennen. Und da es nun an der Zeit ist, haben manche der Silbernen Mönche den Entschluß gefaßt, die Bürden und Unzulänglichkeiten der Welt auf sich zu nehmen und hinauszugehen und über die Inseln zu ziehen, um zu helfen, zu raten und zu richten, auf daß der Silberne Garten bereitet wird und nicht Hochmut und Stolz noch Dummheit und Begierde die Herrschaft trübt, sondern alles Recht und alle Ordnung, alles Richteramt und alle Regierung, alle Herrschaft und alles Handeln wieder geschieht nach uralter und urweiser Richtschnur und in wahrer Klugheit und wahrer Gerechtigkeit nach dem Brauch der Ahnen, die unter den Drachen lebten, auf daß auch Ihr wieder unter den Drachen leben könnt.