Botschaft der Lôgmänner und Weisen von Vinland über den Täuscher

Botschaft der Lôgmänner und der Weisen von Vinland
an den Fürstenrat und die Hersire von Gronland, Norgay und Norglaw

Edle Herren,

wir haben die Berichte gehört, welche uns Kjartan, Khagan-Rus von Gardariki, Ulfard, Jarl von Skollfjord, Hroc, Hetmann von Geiranger, Godwin, Hetmann von Elliskolf sowie manche ihrer Gefolgen und Gefährten über ihre Fahrt gegen Albyon und die hierbei ge-schehenen Ereignisse gegeben haben. Diese sowie die von dort mitgebrachten Dokumente haben wir sorgfältig geprüft und mit dem verglichen und ergänzt , was auf Vinland an alten Aufzeichnungen und Erzählungen besteht und mit diesen ebenso seltsamen wie be-sorgniserregenden Geschehnissen in Zusammenhang zu stehen scheint.

Daß es möglich ist, durch die Zeit eintausend Jahre in die Vergangenheit zu reisen und auch wieder zurück zu kehren, ist uns allen völlig unerklärlich. Ebenso ist es zwar bekannt, daß in wenigen bestimmten Fällen es möglich ist, vom Tode wieder erweckt zu werden und wirklich erneut zu leben, anstatt eine untote wiedergängerische Daseinsform zu erlangen und einige wenige von uns könnten dies auch unter Anrufung und Mitwirkung der Götter vielleicht vollbringen. Daß eine ganze Kriegerschar aber im Kampf getötet wird und dann im Wirbel der Zeit ohne erkennbares Ritual oder ähnliche Einwirkung gesamt dem Leben zurückgegeben wird, erscheint uns nur wunderbar und kann nicht erklärt werden.

Weiter seid Ihr der Gottheit in leibhaftiger Gestalt begegnet, welche Euch als „die Morrigan“ gedeutet wurde. Wie Ihr wohl selbst wisset, ist diese auch auf Vinland bekannt als eine der Gottheiten, welche das Alte Volk verehrte und die nun als „Neue Götter“ bezeichnet werden ob ihrer in neuerer Zeit erst aufgekommenen Verehrung durch uns Vinländer selbst. Nach dem, was Ihr berichtet habt, sind auch wir der Überzeugung, daß es sich tatsächlich um die Morrigan gehandelt haben muß.

Sie ist die Alte Göttin des Todes, jedoch nicht allgemeiner Art, sondern die des Krieges und der Schlachten und erfreut sich am Anblick der Toten, deren Blut sie trinkt und deren Fleisch sie verzehrt, wozu sie oft die Gestalt eines Raben annimmt, wie sie auch unserer Meinung nach in der Vision mit dem Schaf und der Grünen Schlange erschienen ist und wohl zu Recht so gedeutet wurde. Ansonsten jedoch bevorzugt sie die Gestalt einer mensch-lichen Frau, wobei sie sowohl jung und schön wie auch alt und häßlich erscheinen mag. Wenn sie Euch gegenüber auch in grüner und schwarzer Gewandung aufgetreten zu sein scheint, pflegt sie doch ansonsten rote Farben zu bevorzugen und wurde auch schon in besonders vielfarbiger Kleidung gesichtet. Rote und vielfarbig schillernde, aber auch weiße Färbung des Kleides wie des Körpers ist jedoch in diesen Vorstellungen allgemein Zeichen von göttlichen oder sonstwie übermenschlichen Wesen.

Der Name „Morrigan“ bedeutet wohl „Große Königin“ wie auch vielleicht „Königin des Schreckens“. Weitere bekannte Namen sind „Badh“, welches „Rabe“ bedeutet, „Nemain“, was man mit „Kampfesrausch“ oder „Kriegswut“ übersetzen kann, „Cailb“, welches „Alte“ meint, „Caillech“, wörtlich „Verschleierte“ im Sinne von „Ehrwürdige Frau“, sowie „Ma-cha“, über dessen genaue Bedeutung die Gelehrten uneins sind, in deren Namen aber wohl das uralte Wort “magh-„ für „Kampf“ enthalten sein dürfte.

Aus den Überlieferungen scheint hervorzugehen, daß sich das Alte Volk keineswegs sicher war, ob es sich tatsächlich stets um ein und dieselbe Göttin handelt in verschiedenen Er-scheinungsformen oder aber um mehrere unterschiedliche Wesenheiten. Manchmal stellte man sich wohl drei göttliche Schwestern vor, aber solche Dreiheiten sind eine häufig zu bemerkende und beliebte Vorstellung des Alten Glaubens.

Bisweilen erwählt sie sich bestimmte Krieger, die sie mit übermenschlicher Kraft und Un-verwundbarkeit in einem Maße ausstattet, daß sie schrecklicher als Berserker unter ihren Feinden wüten, ganz wie es einem Mitglied Eurer Streitschar wohl widerfahren ist. Doch pflegt sie diese Gabe früher oder später wieder zu entziehen und dem Auserwählten sogar bewußt in seinem nächsten Kampf dem sicheren Tod zu überantworten. Mit einigen beson-ders hervorragenden Helden soll sie sich aber sogar in körperlicher Liebe vereinigt und diesen ein langes Leben mit friedvollem Tod gewährt haben.

Obwohl ihre Gabe somit zwar Ruhm, aber zumeist sicher auch den baldigen Tod bedeutet, sollte ein Auserwählter sie nicht zurückweisen. Denn dies erregt ihren schrecklichsten Zorn und verursacht widernatürliche Schmerzen oder sonstige Strafen und Foltern. Zudem wird sie den Verweigerer beim nächsten Kampf in seinen Untergang zu treiben versuchen. Sollte dieser jedoch schier unüberwindlich oder besonders geschickt und vorsichtig sein, kann sie auch in menschlicher oder sonstiger körperlicher Gestalt eingreifen und ihn selbst zu töten oder aber so sehr zu behindern versuchen, daß er die anderen Feinde nicht mehr wirksam abzuwehren vermag.

Oft erscheint sie in verschiedenster menschenfraulicher Gestalt vor einer Schlacht und kündigt in dunkler Weise von Tod und Niederlage. Ein besonders schlimmes Zeichen ist es wohl, wenn sie als alte und zumeist ausgesprochen häßliche Frau in einem Fluß oder See blutige, schrecklich zerhauene und zerrissene Leichname, Kleider und Rüstungen wäscht, denn dies deutet auf besonders schreckliche Bluternte und sicheren Tod hin. Oft sind es die Körper und Besitztümer der sie befragenden Krieger selbst, die sie dann auch offen so be-zeichnet, aber deren Zustand ist derart verstümmelt und unkenntlich, daß sie nicht mehr erkannt werden können. Daher haben kühne Streiter oft diese Prophezeiungen über ihren bevorstehenden Tod mißachtet oder gar verlacht, aber ihr Schicksalsspruch hat sich stets als unerbittlich und unentrinnbar herausgestellt. Noch grauenerregender ist ihr Anblick, wenn sie sich nach der Schlacht zeigt, denn in menschlicher wie in Rabengestalt scheut sie sich nicht, vor aller entsetzten Augen die Toten zu zerreißen und zu fressen und ihr Blut zu trinken, obwohl dies wohl seltener zu sehen ist wie ihr Erscheinen vor dem Kampf.

Trotz solcher schrecklichen Züge ist die Morrigan keineswegs als einfach nur grausam, blutgierig oder böse anzusehen. Sie verkörpert nur den Aspekt des gewaltsamen Todes im Kampf als Teil des großen Kreislaufes und der untrennbaren Verbundenheit wie gegensei-tigen Abhängigkeit von Leben und Sterben. Denn ohne Dunkelheit und Grausamkeit wären auch kein Licht, keine Liebe und keine Schönheit möglich. Daher ist sie ein notwendiger und natürlicher Bestandteil der Weltordnung und so ist es auch kein Widerspruch, daß sie Kriegern eben nicht nur Vernichtung, sondern zugleich auch unendlichen Sieg und Ruhm bereiten kann. Daher denken auch viele, daß sie tatsächlich keine eigenständige Göttin darstellt, sondern nur eine von vielen Erscheinungsformen der Allmächtigen Großen Mutter der Welt, die als Herrin der Natur und in ihrer nur gütig erscheinenden Erscheinungsform als Spenderin von Leben und Fruchtbarkeit unter dem Namen der Brigid auch zu den Neuen Göttern von Vinland zählt.

Wie Ihr berichtet habt, hat der von ihr erwählte Krieger in schrecklichster Weise unter den Pikten gehaust und viel zu deren Vernichtung beigetragen, was wir als großes Unglück ansehen, da dieses Volk ja das Königsgrab eben gegen den Täuscher beschützte und bei friedfertigem Ausgang Euch wohl hätte wertvolle Unterstützung gewähren können. Dies jedoch ebenso wie der später von Euch beobachtete scheinbar friedliche und vielleicht sogar freundschaftliche Umgang mit der bösen Gottheit scheint uns jedoch keineswegs zu beweisen, daß die Morrigan tatsächlich den Täuscher unterstützt oder auch nur seine Ziele gutheißt. Ihrem Wesen nach fördert sie einfach nur Kampf, Krieg, Blut und Tod als not-wendigen Ausgleich für Leben und Geburt und ihre Art verbietet es ihr, hierbei nach ge-rechtem oder verdammenswertem Anlaß zu fragen oder zu unterscheiden.

So wird ein sie verehrender Krieger sie auch nur deshalb anrufen und um Hilfe bitten, weil er ihr besonders viel Tod, Blut und damit Nahrung bereiten möchte. Sie hingegen vom ge-rechten Anlaß seines Kampfes überzeugen und allein aus solchem Grund ihre Hilfe erlan-gen zu wollen, wäre ebenso vermessen wie sinnlos. Ebenso vermag zwar Heldentum und Waffentüchtigkeit eines Kämpen diesem sehr wohl die Gunst der Morrigan zu verschaffen, aber nur, weil sie sich dadurch besonders reiche Todes- und Bluternte erhofft. Ob dieser aber auch eine edle Sache vertritt oder als schlimmster Unhold dunkelste Ziele verfolgt, kann und darf wegen ihres Wesens für sie keinerlei Bedeutung haben.

Dieses soll hier genügen. Sollten mehr Nachrichten zur Morrigan und den mit ihrer Gestalt zusammenhängenden Lehren gewünscht werden, so können diese auf Wunsch durchaus noch umfangreicher erteilt werden. Das Wesentliche und Wichtigste wurde Euch jedoch vorstehend bereits mitgeteilt.

Weitaus gewichtiger, aber leider auch bedrohlicher und bedenklicher ist jedoch zu werten, was Ihr von dem göttlichen Wesen zu berichten hattet, welchem Ihr gleichfalls leibhaftig begegnet seid und welches Euch solch Ungemach bereitete und uns allen noch in viel grö-ßerem Maße bereiten mag.

Es wurde Euch gegenüber zumeist als „Täuscher“ bezeichnet, ebenso aber auch als „Bes-tie“ oder „Biest von Cunagh“ und die Benennung wie auch visionäre Erscheinung als „Grüne Schlange“ scheinen recht sicher eben dieses Wesen zu meinen.

„Cunagh“ ist uns aus den Überlieferungen des Alten Volkes zumindest dem Namen nach bekannt, welcher auch in den Formen „Conagh“, „Connacht“ und ähnlich erscheint. Je-denfalls scheint diese Bezeichnung grundsätzlich etwa „Hundeland“ oder „Land der Hun-de“ zu bedeuten. Dieses Land soll eines der sogenannten „Fünf Fünftel“, in die das Alte Volk in uralter Zeit unser ursprüngliches und noch unzerstörtes Vinland eingeteilt hat. Lage und Umfang dieses und der übrigen Teilgebiete sind uns ebenso wenig bekannt wie ja auch die Gesamtgestalt dieses ursprünglichen Vinlandes.

Beim Alten Volk galt die Bezeichnung „Hund“ als höchst ehrenwerter Titel für besonders herausragende Krieger. Die Überlieferungen weisen darauf hin, daß solche „Hundekrieger“ unabhängig ihrer oft sehr unterschiedlichen bluts- und stammesmäßigen Herkunft eine seltsame gemeinsame Verbindung besaßen, obwohl sie zum Teil sogar gegnerischen Kriegsparteien angehören und einander tödlich bekämpfen konnten.

Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine magische oder sonstige geheimnisvolle gemeinsame Zugehörigkeit zu einem Heiligen Tier, denn in diesen Fällen wird durchweg berichtet, daß solche Krieger dem Hund gegenüber besondere Tabus und sonstige Verhal-tensweise zu beachten hatten. Hier liegt wohl ähnliches vor wie bei den alten Clans und ihren Totemtieren, die wir als geheimnisvolle magische Bindung auch von unseren Vor-fahren her kennen, auch wenn sie heute gegenüber den Sippen, Gefolgschaften und sons-tigen Einrichtungen eigentlich keine Rolle mehr spielen und auch wohl den meisten unserer Landleute kaum noch bekannt sind.

Die sich abzeichnende Verbindung zu einem alten „Kriegerland“ scheint sich auch dadurch zu bestätigen, daß gemäß Euren Erlebnissen der große Piktenkönig mit seinen sieben „Auserwählten“ der unheilvollen Gottheit ja offenbar allein als Kämpfer gegenübertrat und ihm wohl auch lediglich mit Waffen eine Niederlage beibringen konnte, ohne daß magische oder sonstige übernatürliche Mittel eine besondere Rolle gespielt haben.

Die Erscheinungsform als „Grüne Schlange“ bedarf auch einer Erwähnung. Denn eigent-lich war die Schlange dem Alten Volk ein Heiliges Tier, welches wohl durch seine jährliche Häutung den Kreislauf von Leben und Tod wie die Wiedergeburt verkörperte, auch große Heilkraft besaß und oft heilige Stätten beschützte. Hier scheint sie aber einseitig und allein als dunkles und zerstörerisches Wesen des Todes zu erscheinen, wohl ganz wie die „Morrigan“ ja auch die grausam blutige Seite des großen Kreislaufes der Natur und der Großen Mutter verkörpert.

Keine der von Euch übermittelten Namen und Bezeichnungen konnten wir in unseren ei-genen Dokumenten und Überlieferungen sicher feststellen. Vieles spricht jedoch dafür, daß es sich bei diesem „Täuscher“ um eine Gottheit handelt, die in den Aufzeichnungen des Alten Volkes unter dem Namen „Finn Bolg“ erscheint. Dieses bedeutet soviel wie „Beutel-Mann“ und spielt wohl auf die zumeist aus Fell gefertigte Tasche an, die vorne vom Gürtel herabhing und zur Tracht des Alten Volkes oder zumindest einiger der Stämme in der da-maligen Frühzeit gehörte. Solche auffälligen Taschen werden wohl noch heute von einigen der ebenfalls vom Alten Volk oder deren Verwandten abstammenden Stämmen getragen, namentlich denen, welche sich „Scotti“, „Schotten“ oder ähnlich nennen.

Dieser Finn Bolg erscheint in den Überlieferungen als vielleicht göttlicher, aber jedenfalls übermenschlicher und übermächtiger König des Volkes der „Formoran“. Der Name be-deutet wohl etwas wie „Meeresvolk“, aber ein solches, das nicht „im“ oder „auf dem Meer“ lebt, sondern eines, welches „am Meer“ wohnt oder „über das Meer“ in seine neue Heimat gelangt ist. Er hat auch die abfällige Bedeutung von „Seeräuber“, aber dies mag eine spä-tere Sinnesänderung widerspiegeln, da diese Wesen zu den mächtigsten und gefährlichsten urzeitlichen Gegner des Alten Volkes zählten.

Ursprünglich waren die Formoran sehr enge Verwandte oder eher noch ein Teil des Alten Volkes selbst, also der „Tuatha“, also des „Volkes“, welcher sich abspaltete, nachdem die Tuatha vor undenklichen Zeiten in ihr Neues Land gekommen waren, da auch das Alte Volk nicht erdgeboren war. Damals waren wohl selbst die Drachen noch nicht geboren, sondern warteten in ihren Eiern und in ihren verborgenen Nestern noch auf ihr Erwachen. Während jedoch die Tuatha selbst in Verbindung mit den Elben immer mehr Wissen und Macht erlangten, verbanden sich die Formoran wohl mit uralten Kräften der ungebändigten Natur. Jedenfalls bildeten sie dann ein zwar auch in magischer Hinsicht sehr mächtiges, zugleich aber äußerst primitives und in vieler Hinsicht zügelloses Volk, das wie eine Verkörperung des alten Chaos wirkt, aus welchem die Welt ursprünglich bestand, bevor die ersten Götter erschienen und sie bändigten und formten.

Nur weniges wird über die Formoran, den Finn Bolg und den Kampf gegen die Tuatha berichtet, aber dieses ist wahrhaft schrecklich und vor allem noch unverständlicher und verwirrender als die sonstigen Götter- und Heldensagen des Alten Volkes, die ja insgesamt so unglaubliche und auch nicht mehr vorstellbare wüste Übertreibungen und wilde Verzer-rungen enthalten, daß unsere vinländische Denkweise diese Dinge kaum begreifen und noch weniger deren Hintergrund und Bedeutung zu erkennen vermag.

Daher sei hier nur berichtet, daß der König Finn Bolg von riesiger, aber weniger muskel-starken als vielmehr unglaublich fettleibigen Gestalt gewesen sein soll, was sicherlich die ebenfalls zügellose Freßsucht seines Volkes als besonderes Zeichen ihres urtümlichen und chaotischen Zustandes in überzogenster Weise widerspiegeln soll. Daher konnte er sich zwar kaum bewegen, war aber dennoch äußerst gefährlich, da der Blick eines seiner riesenhaften Augen jedermann versteinerte und vernichtete. Daher hielt er dieses eine Auge stets geschlossen und blickte nur mit dem anderen, also einäugig in die Welt. Das Lid es Todesauge aber erschlaffte durch seine Untätigkeit und wurde so fett und schwer, daß es Finn Bolg selbst nicht mehr zu öffnen vermochte. Daher gab es zwanzig ausgesucht starke Männer, die sich ständig in seiner Nähe und bereit hielten, mit mächtigen langen Stangen und Gabeln das Lid emporzustemmen, damit das Auge seine tödliche Vernichtungskraft einsetzen konnte.

So war es denn auch in der größten und entscheidenden Schlacht gegen die Tuatha. Finn Bolg saß auf einem Hügel und etliche Diener hielten Stangen und Heugabeln bereit, um zum rechten Zeitpunkt das gewaltige Augenlid empor zu stemmen, damit sein Blick die feindlichen Heerscharen vernichten konnte. Die Tuatha griffen jedoch so schnell und ge-schickt an, daß einige ihrer Helden dicht an Finn Bolg heran vordringen konnten, noch bevor das Lid genügend geöffnet war. Ein gewaltiger Steinwurf aber traf das Todesauge mit solcher Kraft, daß es durch den gesamten Schädel getrieben wurde und am Hinterkopf wieder austrat. Und so erblickte und vernichtete es statt der Tuatha die großen Scharen der Formoran, die hinter dem Hügel als Verstärkung bereitstanden und so vermochten die Tuatha ihre hierdurch stark geschwächten Feinde endgültig zu schlagen und zu vernichten. Dies Beispiel mag Euch zeigen, wie seltsam verworren, überzogen und kaum verständlich die Alten Geschichten sind.

Zwei Dinge scheinen uns hierbei besonders bemerkenswert. Zunächst einmal besagen die Überlieferungen eindeutig, daß die Formoran vor allem als Schafzüchter und Schafhirten lebten, und daher kann die von Euch geschilderte Vision, in der ja ein Schaf Euch, Eure Schar oder vielleicht die Menschen insgesamt verkörperte, sehr wohl als gewichtiger Hinweis auf einen Zusammenhang mit diesem Urvolk gewertet werden. Weiterhin konnte bei diesen und auch den sonstigen, hier nicht weiter genannten Völkern der Vorzeit niemand eine königliche oder sonstige Herrschaft innehaben, der nicht körperliche Vollkommenheit oder genauer körperliche Unversehrtheit besaß. Nun scheint uns aber vieles sehr deutlich dafür zu sprechen, daß es sich bei dem eigentümlichen Zepter in Form einer verdorrten, krallenartigen Hand, welcher der Täuscher so heftig aus dem Hügelgrab zu erlangen be-gehrte und vollbrachte, nicht um irgendeine, sondern tatsächlich um seine eigene Hand zu handeln, die ihm wohl der dort bestattete König abzuhauen vermocht hatte.

Denn bei solchen uralten und magischen Gesetzen der körperlichen Unversehrtheit als unausweichlicher Voraussetzung zu wirklicher Macht und Herrschaft hätte tatsächlich der Verlust der Gliedmaße auch für eine solche Gottheit eine weit gewaltigere und wirksamere Hemmung für seine Absichten und Taten dargestellt als die aus unserer Denkweise heraus entstandene rein körperliche Beeinträchtigung. Die ja offensichtlich eifrigen und aufwen-digen Bemühungen des Täuschers zum Wiedererhalt seiner Hand wie auch sein ebenso offensichtlich besonders jubelndes Gefühl von Triumph sowie erneut gewonnener unendli-cher Macht beweisen wohl überzeugend, daß er ganz im Sinne dieser uralten magischen Gesetze und Vorstellungen denkt und wirkt und zu diesen uralten Wesen gehört.

Sehr wohl jedoch gibt es in den Lehren über unsere eigenen Alten Götter ein Wesen, daß in ebenso deutlicher wie erschreckender Weise hieran erinnert, wie es Euch selbst ja wohl schon aufgefallen ist. Auch wir sind übereinstimmend alle der Meinung, daß wir hierdurch zumindest die besonderen Kenntnisse unserer eigenen Vorfahren über eben diese Gottheit erfahren, welche Euch tatsächlich begegnet ist.

Ja, wir denken, der „Täuscher“ ist eben die Gottheit, die in unserem alten Glauben als der Gott LOKI erscheint. Uralt ist dieses Wesen und aus einer uralten Form unserer vinländischen Sprache stammt auch noch sein Name, den die meisten Weisen als „Vollen-der“ oder „Beschließer“ deuten. Denn wie er zur Beginn der Zeit zu den Schöpfern der Welt gehörte, wird er den Prophezeiungen zufolge auch deren Untergang vollenden.

Er wird auch mit den ebenfalls sehr alten Namen „Logi“, also „Feuerlohe“, „Lodurr“, das heißt „Gluthitze“ und „Loptar“ bezeichnet, welches „Luftiger“ oder „Luftwesen“ bedeutet. Niemand weiß mehr, ob es sich hier um ältere Namen handelt, bevor er sich wandelte und den Untergang der Welt zu betreiben begann, denn einstmals soll er zusammen mit Odin und Hönir die Welt erschaffen und allen belebten Dingen wie auch den Menschen Luft und Wärme eingehaucht haben. Doch ebenso mögen ihm diese Namen erst später gegeben worden sein, nachdem er sich zum finsteren Dämon wandelte, denn deren Leiber sind ja alten Vorstellungen zufolge allein aus Luft und Feuer gestaltet.

Sein Vater soll der Riese „Farbauti“ gewesen sein, also der „Sturmwind“, und für seine Mutter werden die Namen „Nâl“ oder „Laufey“ genannt, was ersteres die „Nadel“ der Tannen, Fichten und sonstiger Nadelhölzer bezeichnet und letzteres eine „Insel mit Laub-wald“ meint. Und manche sagen, so wie der Sturmwind Funken und Feuer aus den Bäu-men schlägt, so wird einst aus Loki der Weltbrand sich entzünden.

Schon immer und auch als noch gutartiges Wesen war Loki geschickt und verschlagen, ein Meister der Listen und Verwandlungen. Jeden vermochte er zu täuschen und jegliche menschliche oder tierische Gestalt annehmen und auch solche von weiblicher Art. So soll er als Stute den Sleipnir geboren haben, das mächtige Streitroß des Odin. Aber hierdurch wurde er zugleich auch den anderen Göttern schon unheimlich, als er noch völlig ihrer Sache diente.

Mit einer Riesin, nicht umsonst „Angarboda“, also „Kummervolle“ genannt, erzeugte er drei große Ungeheuer, nämlich den „Fenrir“ oder „Fenriswolf“, die Schlange „Jormungand“, die ihren Namen „Riesiges Ungeheuer“ mit gutem Grund trägt und das „Hel“ genannte Wesen. Obwohl Loki sie den Göttern zur Stärkung ihrer Macht gezeugt haben wollte, erschauerten diese vor ihren vorgeblichen Helfern und fürchteten sie, als sie zu immer mächtigeren Größe und Stärke heranwuchsen. Den Wolf fesselten sie mit unzer-störbaren Ketten und doch wird er sie eines Tages zerreißen und die Sonne wie den Vater Odin verschlingen. Die Schlange warfen sie in das Meer, aber dort wuchs sie immer weiter und nun umschlingt sie die Welt und beißt sich in den eigenen Schwanz. Die Hel aber stürzten sie in den Abgrund und dort herrscht sie seither über das finstere Reich der Toten, deren abscheuliche Heerscharen sich am Ende der Tage über die Welt ergießen werden.

Zu umfangreich und Euch zumeist ja auch wohlbekannt sind die weiteren Untaten des Loki und sollen hier nicht weiter geschildert werden. Schließlich jedoch überwanden ihn die Götter und fesselten ihn und warfen ihn hinab in eine finstere Höhle, wo er wartet auf das Ende der Welt und sein Loskommen. Und wenn er sich in ohnmächtigem Zorn haßvoll windet, dann bebt die Erde und grollen die Feuerberge. Seine Fesseln sind die Gedärme seines Sohnes Nari, auch Narfi genannt, und seinen zweiten Sohn Wali verwandelten sie in einen Wolf und jagten ihn in die Wälder, und so wurde er zum Vater aller Warge und Werwölfe. Aber seine schöne und gutherzige Gattin Sigyn harrt unbeirrt aus in den von Rauch und Gestank erfüllten Tiefen und sucht dem gräßlichen Ungeheuer in seiner Fesse-lung und Folter mit schwachen Kräften Linderung zu verschaffen.

Nichts wissen unsere Überlieferungen davon, daß er vor seiner Zeit seinem Kerker ent-kommen konnte. Zwar soll es ihm gelungen sein, die Sehnen zu zerreißen, mit denen ihm sein Mund zugenäht worden war, doch vermag seine Stimme nicht, aus den unendlichen Tiefen der Abgründe seines Kerkers bis zur lebenden Welt zu dringen.

Wahrhaftig müssen wir jedoch bedenken, daß er in Wahrheit und Wirklichkeit schon lange aus seinem Kerker entwichen und in die Welt zurückgekehrt ist. Dann aber besteht diese nur deshalb noch fort, weil seine großen Verbündeten, der Fenriswolf, die Jormungand oder „Midgardschlange“, wie man sie heute auch nennt, die toten Heerscharen der Hel wie auch die Riesen des Feuers und des Eises für sich noch gebunden sind und ihre Zeit erwarten. Denn ohne deren Hilfe vermag Loki allein wohl nicht den Göttern standzuhalten und sehr wohl daher als „Täuscher“ statt mit offener Gewalt mit heimlicher List und Grausamkeit wirken.

Was er genau anstrebt, vermögen wir nicht zu erkennen oder auch nur zu erahnen, außer dem Ziel, die Schöpfung zu vernichten. Vielleicht will er durch immer neuen Trug und mannigfache Bosheit die Menschen und vielleicht auch die Götter so hart und häufig ge-geneinander hetzen, daß sie selbst vielleicht schon Untergang und Zerstörung bewirken oder zumindest sich so sehr schwächen, daß sie seinem offenen Angriff keinen wirksamen Widerstand mehr entgegensetzen können. Vielleicht dienen seine Taten aber auch auf ge-heime Weise dazu, die bekannten und genannten Ungeheuer oder andere Monströsitäten schon vor ihrer Zeit zu lösen und auf die Welt zu hetzen. Er mag aber auch gänzlich andere Pläne verfolgen und den Untergang auf uns nicht vorstellbare Art und Weise herbeiführen wollen oder vielleicht wartet er auch nur geduldig die vom Schicksal bestimmte Zeit ab und dienen seine Taten wenig mehr als seinem boshaften Vergnügen und grausamen Zeit-vertreib, was zwar noch nicht den Weltenbrand selbst auslösen, bei seiner Macht aber durchaus völligen Untergang und Zerstörung ganzer Länder und Reiche und damit viel-leicht auch unseres Vinlandes bedeuten könnte.

Um so denkwürdiger und ruhmvoller erscheint auch aus diesem Blickwinkel die Heldentat des piktischen Königs und seiner sieben Auserwählten, die den Täuscher zumindest teilweise besiegen und schwächen und damit für lange Zeiten von der Verfolgung seiner Pläne zwar vielleicht nicht abhalten, aber wohl doch hierbei wirksam behindern konnte, denn sonst wären kaum seine ja offenbar erheblichen Bemühungen in dieser Hinsicht zu erklären. Daher muß noch mehr der tragische Kampf der Pikten und ihr Untergang durch Eure Hände bedauert werden, denn über alle direkte Hilfe bei den dortigen Ereignissen selbst hinaus hätten sie uns vielleicht noch mancherlei Wertvolles mehr über die Botschaft der Grabsteine und des Hügelgrabes berichten können.

Schwer zu erahnen ist es, welche Gefahren unserer Heimat und unserer Zeit drohen, denn wenn der Täuscher Loki ist, dann denkt er über Zeitalter hinweg und über alle Länder die-ser Welt, wo es wahrhaft größere und wichtigere Reiche gibt wie Vinland. Bedenklich stimmen jedoch die bei Eurem ersten Ansturm mit erschlagenen Voltarier sowie andere von uns bemerkte schwache Hinweise auf auch sonstige Anteilnahme von Verehren Nexxons an Euren Erlebnissen. Dies mag Zufall sein, jedoch wäre der Schatten Vinlands ein wohl wahrlich über vieles hinausragender Verbündeter im Unheil und könnte daher eine beson-dere Aufmerksamkeit und leider auch ein besonderes Wirken des Täuschers gerade auf Vinland und gerade zu unserer Zeit zur Folge haben. Zudem mag die uns erfreulicherweise gelungene doch wohl nachhaltige Schwächung von Nexxon diesen oder die Voltarier durchaus bewegen, sich besonders unheilvolle und später wohl auch für sie selbst hoch gefährliche Verbündete zu suchen. Wir jedenfalls wollen unablässig weiter suchen und forschen und bitten auch Euch alle, sorgfältig auf derlei Anzeichen zu achten und einander wie auch uns schnell und getreulich zu berichten.

Erwähnen wollen wir noch ein anderes Ergebnis Eurer merkwürdigen Fahrt, daß mit die-sen Dingen zwar nicht direkt in Verbindung steht, aber vielleicht doch mancherlei und auch tiefe Bedeutung besitzen mag. Die Kenntnis der Göttin Morrigan und des Volksnamens der „Tuatha“ auch im Albyon der Gegenwart wie der Vergangenheit und vieles anderes, was Ihr von Sprache, Tracht, Glauben und sonstiger Kultur der dort von Euch in beiden Zeiten getroffenen Pikten, Schotten, Kelten und anderen Gruppen berichtet habt, überzeugt uns ebenso wie bei Euch schon geschehen, daß es sich hierbei um enge Verwandte unseres vinländischen Alten Volkes handeln muß.

Dies mag allein darauf zurückzuführen sein, daß es sich nur um ein besonders großes und weitverzweigtes Volk handelte, dessen Stämme unabhängig voneinander viele Länder be-siedelten und noch immer bewohnen. Doch spricht die große Ähnlichkeit in vielen Dingen doch sehr gegen einen Zufall, allein schon, wenn man die Größe und Breite des Meeres zwischen Vinland und Albyon bedenkt sowie die Offensichtlichkeit, daß die heutigen Ver-treter oder Nachfahren des Alten Volkes dessen große Fähigkeit zu Schiffsbau und Seefahrt nicht bewahrt zu haben scheinen.

Daher verfolgen und bewahren wir auch den Gedanken einer direkteren Gemeinsamkeit und die Möglichkeit, daß das ursprüngliche Drachenland weit mehr umfaßte als das heutige Gebiet von Vinland, Moriat und anderer Inseln und vielleicht auch Albyon und womöglich noch anderes einschloß. Dies aber würde vielem Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen andere, größere und neu zu bedenkende Bedeutung geben.

Beraten, beschlossen und niedergeschrieben
im Frühling des Jahres 1000
auf Vinland