3-Bevölkerung

Vorab sei darauf hingewiesen, daß zur Erleichterung die neuen und wohl den meisten Lesern besser vertrauten gemeinsamen Maße des Festlandes benutzt werden, also die sogenannten Meter und Kilometer („Tausend Meter“) sowie deren Quadrate als Flächenmaß. Die vinländischen Einheiten werden an anderer Stelle in der ausführlichen Darstellung der dortigen Kultur genauer beschrieben.

Vinland ist vergleichsweise nur dünn besiedelt. Die Bevölkerungsdichte beträgt im Schnitt nur 2 bis 2,5 Menschen pro Quadratkilometer. Dies ist außerordentlich wenig, wenn man bedenkt, daß in gut entwickelten festländischen Gebieten die entsprechende Kopfzahl bei 30 bis 40 liegen kann.

Hierbei ist aber zu bedenken, daß ja auf allen Inseln verhältnismäßig große Flächen von hohen Gebirgen bedeckt oder aus anderen Gründen unfruchtbar beziehungsweise unbewohnbar sind. Weiterhin sind viele der erschossenen Gebiete lediglich für die Viehzucht geeignet, nicht jedoch für Ackerbau und taugen daher nur zum Unterhalt von vergleichsweise weniger Menschen. Auch werden die noch bestehenden Wälder wegen des Holzbedarfes nicht nur für den Schiffsbau, sondern auch für den überwiegend dieses Material benutzenden Hausbau nur sehr zurückhaltend eingeschlagen und kaum noch zur Gewinnung neuen Ackerlandes gerodet, obwohl sich hierdurch zum Teil wohl recht guter Boden gewinnen ließe. Schließlich muß noch darauf hingewiesen werden, daß die Vinländer aus Gewohnheit und gemäß ihrer bisherigen Entwicklung noch zum überwiegenden Teil als Bauern in weit verstreuten Einzelhöfen und eher kleinen Dörfern und Weilern leben. Größere Ortschaften bestehen fast gar nicht, und Tranavard auf Gronland kann allein als wirkliche Stadt bezeichnet werden. Bei den hier lebenden rund 5 – 6.000 Menschen aber handelt es sich wiederum zu einem großen Teil um Ausländer, von denen auch keineswegs alle dort einen ständigen Wohnsitz dort unterhalten.

Die nachfolgend genannten Bevölkerungszahlen beziehen sich ausschließlich auf die menschlichen Vinländer. Die Zahlen für Elben und auch eventuell noch vorhandene Angehörige des Alten Volkes sind kaum zu schätzen, da diese beiden Gruppen ein eher abgesondertes und wenig seßhaftes Leben bevorzugen und bei Elfenwesen zudem meist unklar ist, ob es sich um Einheimische oder fremde Wanderer handelt. Die Zahlen der Orks sind ebenso unmöglich sicher zu ermitteln, und selbst von den freundlichen Grünen Orks lebt nur ein so kleiner Teil in wirklich fester Gemeinschaft mit Menschen, daß sich hier eine besondere Erwähnung nicht lohnt. Gleiches gilt für die nur an einigen wenigen Plätzen und in sehr kleiner Zahl fest angesiedelten Zwerge.

Die Gesamtbevölkerung an menschlichen Vinländern auf Norgay, Norglaw und Gronland – was praktisch ihre einzigen Wohngebiete sind - beträgt rund 144.000 Menschen, wovon etwa 27.000 die bewaffnete Streitmacht bilden. Diese wird aber so oder auch nur in annähernd dieser Stärke wohl niemals aufgeboten werden. Die weiteren näheren Angaben zu den militärischen Verhältnissen bei den einzelnen Inseln sollen daher vorab kurz erläutert werden, wobei auf die ausführlicheren Beschreibungen an anderer Stelle verwiesen wird.

Die oben genannte Gesamtzahl verkörpert den Leiding, also das Aufgebot aller Waffenfähigen zwischen 16 und 6o Jahren einschließlich der bei dieser Gelegenheit herangezogenen hinreichend zuverlässigen Unfreien, also mehr oder weniger vinländischen Schuldsklaven und nur in wohl sehr geringem Umfang ausländische Kriegsgefangene. Ein solches Aufgebot würde aber naturgemäß nur dann überhaupt zum Tragen kommen, wenn die Inseln selbst durch einen fremden Angriff mit großer Macht in höchste Gefahr geraten würden.

Für einen eigenen Kriegszug gegen die Mittellande oder anderswo hin würde bestenfalls der Halfleiding aufgeboten werden. Hierbei handelt es sich schlicht um die Hälfte dieser Gesamtzahl, wobei die genannten Unfreien natürlich nicht mehr einbezogen werden, was aber bei den hier gebotenen recht runden Schätzungen meist keine Rolle spielt. Der vernünftige Gedanke dabei und auch bei der sonstigen militärischen Organisation liegt natürlich darin, daß hinreichend Männer vom Waffendienst verschont bleiben sollen, um die Landwirtschaft und die sonstigen Gewerbe einigermaßen in Betrieb zu halten. Daher wird auch das Halfleiding wohl kaum jemals zum vollen Einsatz gelangen.

Die tatsächlich auftretenden Streitkräfte Vinlands bestehen normalerweise lediglich aus dem sogenannten Hird. Dieser umfaßt zum einen die hauptberuflichen und ständig unter Waffen stehenden Krieger, nämlich die Huscarls, die vor den Adeligen und auch einigen besonders Wohlhabenden als Leibwächter dienen und natürlich die Elite der vinländischen Streitkräfte bilden. Allgemein üblich ist es, daß ein Hetmann über zumindest 20 und ein Jarl über zumindest 60 Huscarls verfügt. Von diesen befindet sich allerdings zumeist nur der zum Schutz tatsächlich notwendige Teil am eigentlichen Sitz des jeweiligen Adeligen, während die übrigen im sonstigen Herrschaftsgebiet auf geeignete Standorte verteilt sind, um dort für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Insgesamt gibt es auf den drei Inseln etwa 3.500 dieser Huscarls, von denen übrigens ein großer Teil aus ausländischen Söldnern besteht.

Hinzu kommen die sogenannten Hirdmänner. Hierbei handelt es sich um Mitglieder der Gefolgschaft, die normalerweise ihrer üblichen Tätigkeit als Bauer, Handwerker oder ähnliches nachgehen. Sie gehören aber jeweils zu einer bestimmten Gruppe der Bevölkerung, die gemeinsam dafür Sorge trägt, daß er gut ausgebildet wird und in Übung bleibt und daß er über eine erstklassige und vollständige Kampfausrüstung verfügt. Ein Hirdmann steht zudem in ständiger Bereitschaft, einem entsprechenden Aufruf ohne jegliches Verzögern zu folgen und ist daher in kürzester Frist zum Kampf einsetzbar. Die Größe der Gruppe, die jeweils einen Hirdmann zu stellen und zu unterhalten hat, ist natürlich je nach Wohn- und Besitzverhältnissen unterschiedlich, um die Belastung des einzelnen gerecht und gleich zu gestalten, beträgt aber im Schnitt 30 Personen, wobei Alter, Geschlecht und Stand keine Rolle spielen.

Insgesamt gibt es auf Vinland etwa 4.500 Hirdmänner, was zusammen mit den Huscarls einen Hird, also eine sofort verfügbare Streitmacht von rund 8.000 Kriegern ergibt. Allerdings würde auch diese Streitmacht nur im äußersten Notfall eines länger dauernden Krieges mit ausländischen Angreifern auf den Inseln selbst tatsächlich einmal vollständig zusammengezogen werden und in voller Stärke auftreten. Normalerweise wird man es aber zunächst lediglich mit den jeweils örtlichen Kräften des Hird zu tun bekommen und diese werden notfalls eher durch das Volksaufgebot der Umgebung verstärkt. Man muß hierbei ja auch bedenken, daß das Zusammenziehen und vor allem Heranführen überregionaler Streitkräfte auch bei hierauf vorbereiteten Berufskriegern einige Zeit in Anspruch nimmt und daher nur Sinn macht, wenn es sich um erwartete, gleichsam angekündigte Auseinandersetzungen handelt oder aber sich die Kampfhandlungen über längere Zeit hinziehen.

Aus der Seefahrertradition der Vinländer heraus steht der Hird in direktem Zusammenhang mit den berühmten Drachenschiffen und soll auch deren sofortige hinreichende Bemannung sichern. Im Schnitt sind hierfür pro Schiff jeweils 50 bis 60 Mann erforderlich. Vom Platz her können die Drachen natürlich leicht etwa das Doppelte an Kriegern aufnehmen, aber dies ist normalerweise nur bei Adelsfehden und sonstigen kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb Vinlands oder mit Voltar der Fall, wo nur recht kurze Strecken zurückzulegen und recht wenige Vorräte mitzuführen sind, also Gedränge und sonstige Unbequemlichkeit nur wenig Zeit dauern. Bei langen Fahrten etwa gegen das Festland sind die Besatzungen zumeist höchsten unwesentlich verstärkt, denn auch wenn sich oft etliche Freiwillige zusätzlich melden, wird ein Adeliger dann eher einen größeren Teil seines Hirds zur Sicherung zurücklassen als seine Schiffsbesatzungen übermäßig zu vergrößern.

Auch hier ist zu bemerken, daß die gesamte Kriegsflotte oder auch nur die einer einzigen Insel wohl kaum einmal zu einem gemeinsamen Einsatz kommen dürfte. Der übliche vinländische Kriegs- und Raubzug setzt weit mehr auf Schnelligkeit und Überraschung als auf erdrückende Zahlen. Auch ein höherer Adeliger mit entsprechend größerer Macht wird für ein solches Unternehmen grundsätzlich nur einen Teil seiner Schiffe und Männer einsetzen, eben gerade soviel, wie zur Erreichung seines Zieles notwendig erscheinen. Er wird im Zweifelsfall auch lieber ein Bündnis mit einem anderen Adeligen eingehen, als seine gesamte Macht einzusetzen und keinerlei Sicherung zurückzulassen.

Um kleine Ortschaften an der Küste anzugreifen, genügen 2 – 3 Schiffe mit vielleicht 100 bis 200 Kriegern vollauf und eine Flotte von zum Beispiel 10 oder 12 Schiffen mit demnach 500 oder gar 800 Mann würde nach vinländischen Begriffen schon eine regelrechte Armee darstellen und völlig ausreichen, bei hinreichender Schnelligkeit und Überraschung selbst eine bedeutendere Stadt zu erobern und auch genügend lange zu halten, um sie gründlich auszuplündern und die Beute sicher fortzuschaffen, bevor überlegene feindliche Kräfte zum Gegenangriff gesammelt und heran geführt werden können.

Eine weitere Auffälligkeit ist erst seit jüngeren Zeiten zu bemerken. Der zunehmend friedlicher werdende Austausch mit zumindest einem Teil der anderen Länder führt in inzwischen recht bedeutsamen Maße dazu, daß zahlreiche abenteuerlustige und waffentüchtige Ausländer Gefallen an der vinländischen Art des Rauhhandels finden, der recht sicher schnelle und reiche Beute verheißt und auch besser Gelegenheit bietet, eigene Waffenkunst und Tapferkeit zu bewähren und persönlichen Ruhm zu erlangen, als es in vielen festländischen Kriegen mit ihren festgefügten und disziplinierten Formationen möglich ist, wo tollkühne Einzelkämpfer immer weniger gefragt sind und auch Aufstieg und Gewinn mehr von Herkunft und Abstammung abhängen als von persönlicher Tüchtigkeit.

So ist es verständlich, daß immer mehr ausländische Abenteurer nicht nur als fest verpflichtete Huscarls, sondern auch als unabhängige Freiwillige in vinländischen Aufgeboten kämpfen und diesen oft ein recht buntes Erscheinungsbild geben. Denn einem vinländischen Kriegsführer kann es nur recht sein, wenn er solchermaßen Krieger erhält, die oft sehr gute Ausrüstung und auch Kampftüchtigkeit mitbringen und außer Gastfreundschaft kaum mehr als ihren gerechten Anteil an der Beute verlangen und die es ihm ermöglichen, deutlich mehr seiner eigenen Leute in der Heimat zurückzulassen, um dort für Sicherheit sowie für Nahrung und Wohlstand zu sorgen.

Bei einem fremden Angriff auf eine der vinländischen Inseln könnte diese jedoch im Notfall neben dem Hird auch das Gesamtaufgebot des vollen Leiding einsetzen und damit rechnen, daß die beiden anderen Inseln jeweils mit dem Hird sowie dem Aufgebot des Halfleiding zu Hilfe eilen, sofern natürlich nicht die Gefahr eines Angriff auf die eigene Insel dies einschränkt. Unabhängig von der Frage, ob tatsächlich so ein gewaltiges Aufgebot zustande käme und wieviel Zeit dies in Anspruch nehmen würde, müßte ein Angreifer eben doch damit rechnen, daß ihm damit über 20.000 Mann entgegen treten könnten, und somit eine entsprechend große Armee über das Große Meer transportieren.

So nimmt es nicht wunder, daß trotz vielfachem und wohl auch berechtigtem Zorn über den zumindest früher ja recht heftigen Rauhhandel und trotz mancher entsprechender lauten Drohung bisher kein Angriff auf die Inseln stattgefunden hat oder zu erwarten ist, der über einen eher zu Vinländern passenden schnellen Raub- oder Rachezug mit nur wenigen Schiffen und Männer hinausgeht. Insofern können die vinländischen Kriegsführer immer noch recht unbesorgt ganz nach Laune und Lage ihre Kriegs- und Raubzüge planen und müssen bei der Auswahl ihrer Ziele bestenfalls vielleicht sonstige Gründe wie eigene Interessen am friedlichen Handel mit bestimmten Gebieten in Rechnung stellen. Auch dies stellt natürlich einen besonderen Reiz für ausländische Abenteurer und Söldner dar, da sie anders als bei festländischem Kriegsdienst schlimmstenfalls mit einer Niederlage in einer einzelnen Schlacht rechnen müssen, aber auch in diesem Fall von erfolgreichem Rückzug in ein eigenes Gebiet ausgehen können, wo kaum ernsthaft eine feindliche rachsüchtige Heimsuchung zu erwarten ist.