2-Bedeutung der Inselnamen

Die Vinländer sind sich selbst nicht ganz sicher, was die Gesamtbezeichnung ihrer Heimat bedeutet. Zumeist verstehen sie es als Ausdruck für ein schönes, fruchtbares oder von den Göttern gesegnetes Land, aber häufig wird es auch einfach mit „Weinland“ übersetzt. Dies verursacht insofern Bedenken, als auf den Inseln nur an einigen wenigen Stellen tatsächlich etwas Wein angebaut wird, bei dem es sich aber lediglich um vom Festland eingeführte recht anspruchslose Sorten handelt. Wein ist also weder ein bemerkenswertes noch ein altes einheimisches Erzeugnis von Vinland und somit wenig zur Namensgebung geeignet.

Ursprünglich hieß „vin“ soviel wie „fettes, nahrhaftes Gras“, „Vinland“ also einfach „Grasland“. Für eine wie in allen Nordgebieten vorzugsweise Viehzucht betreibende Landwirtschaft verbindet sich hiermit allgemein die Vorstellung besonders günstiger Lebensbedingungen und die Bedeutung erweiterte sich daher im Sinne einer auch sonst reichen und fruchtbaren Landschaft. In der nordischen Urheimat der Vinländer zeichnet sich aber ein für dortige Verhältnisse warmes und sonnenreiches Klima auffällig unter anderem dadurch aus, daß verschiedene Wald- und Strauchfrüchte und hierunter namentlich Beeren zu solcher Süße reifen, daß man aus ihrem Saft alkoholhaltige Getränke erzeugen kann. Von daher erhielt „vin“ zusätzlich die Bedeutung von „Beeren“ beziehungsweise „Beerenbier“ oder „Beerenbrand“.

Als die Vinländer dann auf ihren Fahrten echten Wein kennen lernten, benutzten sie wohl vor allem aufgrund des zufällig sehr ähnlichen Klanges auch hierfür das Wort „vin“, das somit eine weitere zusätzliche Bedeutung erhielt.

Somit stellen die Erklärungen des Landesnamens als „Gras“-, „Beeren“- oder „Weinland“ sprachgeschichtlich zutreffende beziehungsweise wörtliche Übersetzungen dar. Hingegen gibt „schönes“, „reiches“, „fruchtbares“ oder „gesegnetes Land“ die Sinnbedeutung von „Vinland“ viel deutlicher wieder.

Gronland
Hier bestehen keinerlei Zweifel, daß der Name dieser Insel schlicht „grünes“ beziehungsweise „Grünland“ bedeutet. Tatsächlich ist Gronland die fruchtbarste und klimatisch günstigste Insel von Vinland. Die Gronländer behaupten daher auch gerne, das Grün–Weiß der vinländischen Waffenfarben beziehe sich allein auf ihre Insel und spiegele das grüne Land sowie den „Jokulheim“ genannten einzigen wirklichen Gletscher auf Vinland wieder.

Die Gronländer selbst jedoch bezeichnen ihre Insel statt dessen heutzutage auch gerne als „Kronland“. Üblicherweise bezeichnet dieser Begriff ja ein dem jeweiligen Herrscher persönlich gehörendes oder diesem direkt unterstelltes Gebiet, hier jedoch soll dies angeblich nicht gemeint sein, sondern vielmehr, daß Gronland als größte und schönste der Inseln gleichsam die „Krone“ von Vinland darstellt. Sicher nicht zufällig war dieser inzwischen allgemein übliche Name jedoch zunächst am Hofe des Jarl fürsten und in dessen Herrschaftsgebiet gebräuchlich und wohl auch nicht ganz unberechtigt dürfte der Argwohn der übrigen Inseln sein, daß hiermit eine Art Herrschaftsanspruch über ganz Vinland angedeutet werden soll.

Zur Zeit jedenfalls noch wird diese Ausdeutung vom jarlfürstlichen Hofe zu Hartenfels zurück gewiesen und vielmehr erklärt, dies sei tatsächlich ein althergebrachter Name der Insel. Dies könnte sogar zutreffen, obwohl „Krone“ kein altes vinländisches Wort ist, sondern vielmehr vom Festland stammt. Vinländisch wäre vielmehr „krân“ oder „krôn“ als Mehrzahl von „kram“ oder „krammet“. Dies bebezeichnet eigentlich den Wacholder beziehungsweise Wacholdersträucher, zugleich wohl aufgrund der langen und spitzen Stacheln des Wacholders aber auch Vögel mit besonders langen und spitzen Schnä-beln, also Storch, Reiher und namentlich den Kranich. Dessen eigentliche Bezeichnung gab aber der Hafenstadt Tranavard, also der „Kranichwacht“ ihren Namen, was darauf hindeutet, daß tatsächlich Kraniche irgend etwas mit alten Namen auf Gronland zu tun haben könnten.

So mag es sehr wohl sein, daß Gronland ursprünglich oder zumindest ebenfalls auch „Kronland“oder besser „Krônland“ genannt wurde, aber dann wohl im Sinne von „Land der Kraniche“ oder „Wacholderland“. Die Deutung als „Land der Krone“ ist somit eindeutig keine ursprüngliche, sondern eine falsche und recht junge Lesart.

Norglaw
Hier bestehen zwei unterschiedliche Meinungen, die sich auch darin widerspiegeln, daß zwei unterschiedliche Aussprachen in Gebrauch sind, nämlich „norglah(w)“ und „norgloh(w)“, wobei das „w“ am Ende nur schwach gesprochen und eher verschluckt wird.

Der erste Teil des Namens bereitet keine Probleme, denn er kann eindeutig von „Nor“ oder „norg“ abgeleitet werden, was „Norden“ beziehungsweise „nördlich“ bedeutet.

Die verbreitetste und wahrscheinlich eher zutreffende Meinung erklärt den vollständigen Namen aus „Nor-Glawa“, was soviel wie „Nord-Speer“ oder „Speer des Nordens“ bedeutet. Die ältere Form der vinländischen Speere besaßen recht mächtige und breite Klingen und konnten daher im gewissen Umfang auch als Hiebwaffe eingesetzt werden. Die heutigen Vinländer benutzen durchweg die auch sonst üblichen schlankeren Formen und daher ist diese Bezeichnung außer Gebrauch gekommen.

Die Einwohner von Norglaw selber bevorzugen jedoch ein andere Erklärung und leiten den Namen von „Norg-Law(g)“ ab. „Lawg“ oder „Lawgh“ sind aber die älteren Formen des Wortes, das sich über die Zwischenstufe „Lowg(h)“ zum heutigen „Lôg“ entwickelt hat, was soviel wie „Sitte, Brauchtum, Überlieferung“ bedeutet, zugleich aber auch „Gesetz“, da auf Vinland kein geschriebenes oder kodifiziertes, sondern ein aus der Überlieferung und den althergebrachten grundsätzlichen Moral- und Ehrbegriffen entwickeltes Gewohnheitsrecht besteht. Hier wird „Norglaw“ also als „Gesetz des Nordens“ gedeutet, wobei wie dargelegt als Gesetz nicht nur die eigentlichen Rechtsvorschriften gemeint sind, sondern die Gesamtheit der überlieferten Sitten und Gebräuche und der sonstigen Verhaltensformen.

Genau so sehen sich die Norglawer selbst auch, nämlich als allein noch aufrechte und treu den guten alten Sitten anhängende Vinländer im Gegensatz zu den Bewohnern der übrigen Inseln, welche immer mehr verweichlichen und auch sonst den schädlichen fremdländischen Einflüssen erliegen. Diese betrachten natürlich umgekehrt die Norglawer als rückständige und verbohrte Dickschädel und bezweifeln auch wahrscheinlich zu Recht eine solche Deutung. Denn zu der alten Zeit, als die Inseln ent-standen und wohl auch benannt wurden, war eine solche Entwicklung ja noch überhaupt nicht vorhanden oder auch nur zu erahnen und wäre solch ein Name daher ziemlich sinnlos gewesen.

Vielleicht auch in stillschweigender Zustimmung zu diesem Widerspruch bevorzugen es immer mehr Norglawer, ihre Insel statt dessen als „Markland“ und sich selbst als „Markländer“ oder „Markmänner“ zu bezeichnen. „Mark“ bedeutet eigentlich soviel wie „Grenze“ oder genauer gesagt „Grenzland“. In den alten Nordlanden war und ist dies die Bezeichnung für ein Land oder genauer eine Provinz, welche am Rande eines Herrschaftsbereiches liegt und damit so etwas wie die Grenzsicherung übernimmt. Dieser Begriff hat sich auch in anderen festländischen Gebieten eingebürgert, insbesondere im Adelsrang des Markgrafen. Hier hat allerdings diese Bezeichnung oftmals nichts mehr mit einer Grenze oder einem Grenzgebiet zu tun. Dabei spielt wohl die entscheidende Rolle, daß naturgemäß für eine solche Aufgabe besonders zuverlässige und fähige Leute ausgewählt wurden und werden, so daß der Rang des Markgrafen unabhängig von der ursprünglichen Aufgabenstellung oft nur allgemein eine gegenüber einfachen Grafen hervorgehobene Position bedeutet.

Zusätzlich bedeutet „Mark“ aber auch „Wald“, üblicherweise aber nur in der Zusammensetzung „Markland“ gebraucht als Bezeichnung für ein besonders großes zusammenhängendes Waldgebiet. Solche gewaltigen und schwer passierbaren Wälder bildeten und bilden auch heute noch sehr häufig die gleichsam natürlichen Grenzen zwischen zwei Völkern, so daß die doppelte Bedeutung durchaus verständlich erscheint. Allerdings dürfte dies für Norglaw weniger eine Rolle spielen, da die ja auf den Südteil beschränkten Wälder dieser rauhen Insel kaum ein charakteristisches Landschaftsmerkmal darstellen, insbesondere im Vergleich zu den übrigen, sämtlich weit umfangreicher bewaldeten Inseln.

Offensichtlich verstehen die Norglawer diese neue Bezeichnung für sich selbst weniger im Sinne einer eigentlichen Grenzlage, sondern vor allem wohl dahin gehend, daß allgemein und auch in anderen Ländern gerade in solchen gefährlichen Außenposten die härtesten und kampftüchtigsten, aber auch die treusten und aufrechtesten Vertreter eines Volkes lebten und leben, die sich auch am längsten und erfolgreichsten solchen dekadenten oder sonstwie schädlichen Entwicklungen zu widersetzen vermögen, wie sie ja zumeist und zuerst an den großen Herrschersitzen und in sonstigen wohlhabenden Gegenden auftreten. Sie benutzen also den ja oft auch etwas hinterwäldlerischen und provinziellen Beigeschmack dieses Begriffes ganz bewußt als eine Art Ehrenbezeichnung.

Norgay
Die übliche Deutung des Inselnamens zergliedert diesen in „Norg-Ay“. „Ay“ oder „Ey“ ist eine auch auf Vinland außer Gebrauch gekommene Bezeichnung für eine Insel und hat sich eigentlich nur noch in dem altertümlichen Ausdruck „Eiland“ erhalten.

Allerdings wäre die Bezeichnung „Nordinsel“ wenig unterscheidend für eine von mehreren benachbarten Inseln, die jede für sich wie auch als Gesamtgruppe so genannt werden könnten. Norgay liegt ja auch nicht im Norden, sondern im Osten von Vinland.

Daher deuten manche das Wort „Ay“ als auch an anderen Beispielen nachweisbare Dialektform von „Agi“, was eine altertümliche Bezeichnung für „Schwert“ ist und sich in der jüngeren Form „Ekke“ oder „Ecke“erhalten hat, allerdings auch nur noch in einigen waffentechnischen Fachausdrücken sowie einigen Krieger- und Schwertnamen. „Schwert des Nordens“ würde auch gut zu der Deutung von „Norglaw“ als „Speer des Nordens“ passen, obwohl es keine Überlieferung oder irgendeinen Hinweis gibt, was die alten Vinländer bewogen haben könnte, einige Inseln nach Waffen zu benennen.

Voltar
Obwohl nicht ganz sicher, dürfte dieser Inselname eine verkürzte Form von „Vôl-Targa“ sein, was etwa „Schreckens-Schild“ bedeutet. „Targa“ bezeichnet hierbei nicht allgemein den üblichen runden oder tropfenförmigen Schild, sondern eine recht ungewöhnliche Form, wobei der Name eine Kurzform von „Tarek-Ger“ darstellt, was „Stoßspeer des Tarek“ bedeutet.

Der „Ger“ ist ein heute nur noch selten benutzter kaum mannshoher, also sehr kurzer Speer mit starkem Schaft sowie recht langer und schmaler Klinge, der nicht nur zum Werfen, sondern auch zum Stoß und sogar Hieb im Nahkampf benutzt wurde, also im Nahkampf fast wie ein Schwert benutzt werden konnte. In alten Zeiten war dies neben der Axt die übliche Waffe des einfachen vinländischen Kriegers, der sich ein damals noch sehr teures und damit nur den Reichen vorbehaltenes richtiges Schwert nicht leisten konnte.

„Tarek“ hingegen ist der Name eines legendenumwobenen Helden aus der Altvorderenzeit, und zwar kein Vinländer, sondern ein mächtiger Krieger aus den Steppen und Wüsten des südlichen Festlandes, den ein seltsames Schicksal auf die Inseln verschlug, wo er für verschiedene Adlige kämpfte und gewaltigen Ruhm erlangte. Sein rätselhafter Name ist vielleicht eine Verballhornung von „Tharkan“, was bei verschiedenen alten Kulturen dieser Südländer soviel wie „Feldherr“ bedeutet. Jedenfalls berichtet eine dieser Erzählungen von Tarek, daß er in einem Gasthaus von einer Bande gedungener Mörder angegriffen wurde, als er ohne Waffen friedlich beim Essen saß. Tarek jedoch ergriff eine zufällig herumliegende Holzaxt, riß eine große Tür aus den Angeln und zerhackte sie mit einigen mächtigen Beilhieben um den Türgriff herum, um einen handlichen Kampfschild zu erhalten. Dieser grob gehauene Schild mit dem Türgriff als Handhabe besaß eine längliche Form mit etlichen unregelmäßigen Einschnitten und vorspringenden spitzen Zacken, die Tarek geschickt zu tödlichen Stößen nutzte. Er gebrauchte diesen Schild also nicht nur zur Verteidigung, sondern wie die Axt auch zum Angriff und konnte auf diese Weise alle Gegner besiegen.

Später soll er sich dann einen richtigen Schild mit diesem seltsam gezackten Rand beschafft und im Kampf benutzt haben. Tatsächlich sind solche „Targa“-Schilde auch heute noch auf Voltar in Gebrauch, wenn auch nur noch recht selten und nirgendwo mehr auf den anderen Inseln. Denn einerseits erfordern sie einen besonderen, eigens zu erlernenden Kampfstil und andererseits taugen sie vornehmlich zum Einzelkampf, kaum jedoch zum dichten Gedränge im Schildwall, wo ihre hervorspringenden Spitzen nicht nur den Feinden, sondern bei heftigeren Bewegungen im Kampf genauso den eigenen Gefährten zu beiden Seiten recht gefährlich werden können. Er wird daher auch auf Voltar zumeist nur noch von den Angehörigen bestimmter Kriegerorden geführt, die üblicherweise nicht in der Schlachtreihe stehen, sondern berserkerhaft als Einzelkämpfer vorstürmen, in den gegnerischen Haufen einbrechen und dort rundum schlagen, wobei dieser Schild nicht nur als Schutz, sondern vor allem auch als gefährliche zweite Angriffs-waffe dient.

Orknai
Zumeist wird dieser Name von „Orkan-Ey“ abgeleitet, also als „Orkische Insel“ oder „Insel der Orks“ gedeutet. Denkbar wäre aber auch „Ork-Nei“ oder „Ork-Ney“, wobei das zweite Wort soviel wie „neu“ bedeutet.

Bekanntlich stellt ja auch Orknai nicht die Heimat oder ein altes Siedlungszentrum der Orks dar, sondern wurde erst nach dem Untergang des großen ursprünglichen Vinlands von deren Stämmen besetzt. Eine Bezeichnung im Sinne von „Neu (land) der Orks“ wäre also ebenfalls durchaus sinnvoll.

Hae Brâsil
„Hae“ ist recht sicher weibliche Form von „haw(h)“ oder „haw(h)ar“, der älteren Form von „hav(a)“, bedeutet also „hoch“ beziehungsweise „hohe“. „Brâsil“ hingegen stammt aus der Elfensprache und stellt über „Brâdsîl“ eine Verkürzung aus „Barad-sîl“ dar. „Barad“ heißt „Turm“ und „Sîl“ bedeutet grundsätzlich „leuchtend, strahlend, hell“, wird aber üblicherweise auch als elbischer Name des Mon-des genutzt. Da die erste Silbe praktisch aus zweien mit „a“ zusammengezogen und das „a“ somit ge-längt wurde, ist die Betonung dorthin gewandert.

Der Name der Insel wäre also mit „Hoher leuchtender Turm“ oder „Hoher Turm des Mondes“ zu übersetzen. Worauf das der Sprache nach ja von den Vinländern hinzugefügte „Hoher“ zurückzuführen ist, kann nicht mehr sicher entschieden werden. Da aber „Turm“ auch in der vinländischen wie in der Elbensprache männliches Geschlechtes ist, läßt sich vermuten, daß „Hae“ ebenfalls zusammengezogen ist und ursprünglich vielleicht „Hae-ey“, also „Hohe Insel“ lautete, da „Insel“ auch in vinländischer Sprache weibliches Geschlecht besitzt. Hae Brâsil weist allerdings keine erkennbar höheren Berge auf und liegt auch nicht „höher“, also nördlicher als die anderen Inseln. Wahrscheinlich soll die Bezeichnung als „Hohe Insel“ weniger äußere Merkmale beschreiben als vielmehr eine gewisse Ehrfurcht gegenüber dem „Hohen Volk“ der Elfen ausdrücken.

Was genau mit „Barad-sîl“ bzw. „Brâsil“ gemeint ist, ist hingegen gänzlich unbekannt. Im kargen Wissen der Vinländer über die Insel kommt weder ein Turm oder eine Festung noch zum Beispiel ein Berg oder ein sonstiges Landschaftsmerkmal dieses Namens vor. Elfen hingegen haben sich bisher noch nie dazu geäußert, wobei natürlich überhaupt nur äußerst selten von einem Vertreter dieses Volkes bekannt wurde, daß er von Hae Brâsil stammt.