1-Allgemeine Beschreibung

Das Vinland liegt im großen Meer nordöstlich der Festlande und ist von diesen aus in einer zwar wohl zehn oder zwölf Tage oder auch länger dauernden, aber dank in beiden Richtungen vorhandenen günstigen Winden und Strömungen zumeist recht zügigen, wenn auch bisweilen stürmischen Seereise für erfahrene Schiffer gut zu erreichen. Tatsächlich bildet das Vinland allerdings keine zusammen-hängende Landmasse, sondern besteht aus den sechs Inseln Gronland, Norglaw, Norgay, Voltar, Orknai und Hae Brâsil. Der gemeinsame Name “Vinland” rührt daher, daß es sich ursprünglich um eine einzige, sehr große Insel handelte, die aber im Verlauf schrecklicher Ereignisse zerbrach und größtenteils im Meer versank. Die heutigen Inseln bildeten somit einst die höchsten Gebirge und Hochebenen des ursprünglichen Vinlandes, was mancherlei Besonderheiten dort erklärt. In Erinnerung hieran ist weiterhin die Bezeichnung “Vinland” für die Inselgruppe erhalten geblieben, obwohl es kein zusammenhängerndes “Land” im eigentlichen Sinne mehr ist.

In Vinland lebten und leben verschiedene Völker und Rassen. Zu den ursprünglichen Einwohner zählen die Elfen – oder “Elben”, wie sie in Vinland zumeist genannt werden – ebenso wie ver-schiedene Arten von Orks, Goblins, Ogern, Trollen und anderen Wesen dieser Art. Ebenso siedelte dort seit uralten Zeiten ein Menschenvolk, das sich in seiner eigenen Sprache als “Tuatha” bezeichnete, was schlicht “Volk” bedeutet. Sie besaßen eine eigene charakteristische Kultur und verehrten auch eigene Götter. Jedoch lebten sie in enger Freundschaft und Verbundenheit mit den Elben und vermischten sich auch häufig mit ihnen. So übernahmen sie vieles von Lebensart und Wesenheit der Elben und wurden zumindest in der Erinnerung zu einer Art “Halbelben”, die leicht mit wirklichen Elfenwesen zu verwechseln waren.

Die eigentlichen Vinländer, also die heute eindeutig stärkste und beherrschende Bevölkerungsgruppe, stammen hingegen von den letzten Einwanderern ab, die in das noch unzerstörte Inselreich kamen. Wo genau ihre Heimat lag, weiß niemand mehr genau zu sagen. Ihre Kultur und Sprache zeigen aber heute noch klar, daß sie zu den Nordleuten gehören und mit anderswo bekannten Völkern dieser Gruppe wie Wikingern, Thorwalern, Waelandern und anderen mehr oder weniger enge Blutsverwandschaft oder gar gemeinsame Vorfahren besitzen müssen und mit einign von diesen sind sie auch in zwar wegen der großen Entfernung lockerer, aber durchaus herzlicher Freundschaft verbunden.

Wie die Legende berichtet, herrschten einstmals über Vinland fünf große Drachen, die dort geboren waren und von denen jeder für sich verschiedene Bereiche der Natur, der Zivilisation und des Geistes verkörperte und beherrschte. Unter ihrer gemeinsamen und einträchtigen Herrschaft entwickelte sich Vinland zu einem reichen und blühenden Land. Unter diesen überwältigenden Eindrücken vergaßen die neu angekommenen Nordleute die alten Götter ihrer Heimat und unterwarfen sich bereitwillig der Verehrung und dem Kult der Drachen.

Doch dann kamen dunkle Zeiten. Wie jedes Licht auch Schatten wirft, waren auch in dem Wesen der Drachen nicht nur gute und helle, sondern auch böse und dunkle Seiten vorhanden, die eines Tages nicht mehr von diesen kontrolliert werden konnten, sondern sich ungehemmt Bahn brachen. Streit brach aus zwischen den Drachenbrüdern, der schließlich in einen erbarmungslosen Krieg mündete, in dem alle die fürchterlichen Machtmittel und Waffen eingesetzt wurden, über welche die Großen Alten Drachen verfügen. Unter diesen schrecklichen Stürmen zerbrach Vinland und begann im Meer zu versinken. Als schon nur noch die letzten und höchsten Regionen aus dem Wasser ragten, griff jedoch ein gütiges Geschick ein.

Was auch immer der Grund gewesen sein mag, es geschah, daß plötzlich und zur gleichen Zeit die Drachen ihrer irdischen Existenz beraubt und in eine andere, höhere Sphäre versetzt wurden. Seither sind sie nicht mehr in der Lage, in körperlicher Gestalt auf Vinland zu erscheinen oder dort direkt in die Geschehnisse einzugreifen. Und so endete der Drachenkrieg auf einen Schlag und wurde Vinland vor dem endgültigen Untergang bewahrt.

Trotzdem erinnert man sich auf Vinland vor allem der guten Seiten und der Segnungen der Drachen und betrachtet ihren schrecklichen Streit als ein tragisches Mißgeschick. Daher bildet der Drachenkult immer noch die wichtigste und bedeutendste Religion auf den Inseln. Denn wenn sie auch selbst nicht mehr körperlich dort existieren, so sind doch ihre Kräfte überall noch spürbar und auch vielfältig und vielerorts noch direkt wirksam.

Obwohl auch sie im Drachenkrieg schwer gelitten hatten, haben ihn die zuletzt eingetroffenen Nord-leute am besten überstanden. Als zu dieser Zeit noch halb barbarisches Volk bewirkte wohl die besondere Robustheit und Lebenskraft gerade solcher Stämme, daß sie schnell wieder zu größerer Zahl heranwuchsen und ebenso unerschütterlich wie tatkräftig ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände nahmen. Daher bewohnen und beherrschen sie heute als fast alleinige Einwohner vier der sechs Inseln – nämlich Norglaw, Gronland, Norgay und Voltar - und gelten als die eigentlichen Vinländer.

Ihre Kultur ist noch weitestgehend von ihrem nordländischen Erbe bestimmt. So tragen die meisten männlichen Vinländer immer noch die typische Tracht aus kittelartigen, oft mit schönen Borten verzierten und recht farbenfrohen Tuniken und meist engen, bisweilen aber auch sehr weit ausgebauschten Röhrenhosen. Besonders die Adeligen und Reichen haben jedoch schon manches Teil aus mittelländischen Trachten übernommen. Die Frauen hingegen zeigen fast nur noch festländische Gewandung verschiedener Herkunft und die alte Tracht – ein schlicht geschnittenes, fast bodenlanges und langärmeliges Kleid mit einem darüber getragenen ärmellosen und seitlich offenen Obergewand, welches mit zwei oft prunkvollen und durch Zierketten verbundenen Scheibenfibeln vor den Schultern geschlossen wird – ist nur noch selten zu sehen.

Auch im Kriegswesen werden inzwischen häufig Waffen und Rüststücke vom Festland genutzt anstelle der traditionellen Rundschilde, Spangenhelme und oft langstieligen Streitäxte. Nur das nord-ländische Schwert – der Einhänder mit seiner langen, wuchtigen und beidseitig geschliffenen Schlag-klinge, dem recht schmalen und massiven Handschutz und dem oft kompliziert geformten schweren Knauf – wird als sehr wirksame Nahkampfwaffe immer noch gern geführt und vor allem bei gesellschaftlichen Anlässen wegen der oft sehr schönen und reichen Verzierungen gezeigt. Auch der traditionell waagerecht am Gürtel getragene Sax – ein wuchtiges Haumesser ohne Parier und mit gerader, an der Spitze vom Rücken zur Schneide hin weggebogener Klinge – ist noch häufig zu sehen.

Auch die vinländische Gesellschaft zeigt noch die typische Struktur dieser Völker und basiert auf der persönlichen Freiheit des einzelnen Vinländers sowie gemeinschaftlich durch gleichberechtigte Abstimmung erfolgten Beschlüssen. Zwar existiert eine machtvolle und einflußreiche Adelsschicht, jedoch muß sich jeder Adelige seine Position grundsätzlich erst persönlich neu verdienen oder zumindest bewahren und läuft bei Versagen Gefahr, daß ihn seine Gefolgsleute wieder verlassen, da sie sich ihm grundsätzlich nur freiwillig angeschlossen haben, keinerlei bindende Verpflichtung einge-gangen sind und sich somit jederzeit wieder lossagen können, sofern dies nicht etwa während eines Krieges oder in sonstiger Gefahr als verräterische Feigheit betrachtet werden müßte. Einzige wichtige Ausnahme sind hierbei die “Huscarls”, also Krieger, die einem Anführer persönlich Gefolgschaft bis in den Tod beschworen haben und regelmäßig als Leibwache dienen.

Allerdings haben sich viele Strukturen tatsächlich bereits so verfestigt, daß in der Wirklichkeit zu-mindest in Teilen Vinlands bereits Verhältnisse herrschen, die erkennbar auf feudale Strukturen nach festländischem Vorbild hinweisen. Viele Bauernfamilien leben schon viele Generationen lang in Ge-folgschaft eines bestimmten Geschlechtes und besitzen inzwischen feste, gut eingerichtete Häuser und Höfe mit gesicherten Verhältnissen, die sie nur ungern aufgeben und für deren Erhaltung sie schon mancherlei Unzulänglichkeit oder gar Ungerechtigkeit ihres Adeligen in Kauf nehmnen würden. Zudem ist Vinland inzwischen schon so stark bevölkert und entsprechend kaum noch brauchbares oder einigermaßen leicht erschließbares Ackerland unbesiedelt geblieben, so daß ein Fortzug regel-mäßig harte und entbehrungsreiche Zeiten in karger und einsamer Landschaft zur Folge haben würde. Denn die meisten Adeligen würden inzwischen eine solche Familie als widerborstig, ja aufrührerisch ansehen und ihr nur selten Aufnahme auf den von ihm beherrschten Ländereien gewähren, was ja auch zumeist die Abtretung bereits zu alteingesessenen Höfen gehörenden Ackerlandes und ähnliches Unan genehmes bedingen würde. So manche Bauern sind auch auf die eine oder andere Weise in ein Schuld-verhältnis zu ihrem Adeligen geraten und daher tatsächlich so stark an diesen gebunden, daß es an feste Pacht- oder Lehnsbindungen und bisweilen schon fast an Leibeigenschaft erinnert. So ist denn auch ein Adeliger inzwischen häufig Eigentümer etlicher ursprünglich seinen Bauern gehörenden Län-dereien geworden und behandelt zumeist auch das noch in bäuerlichem Eigenrecht befindliche Land seines Einflußgebietes ebenso wie dessen Bewohner tatsächlich so, als ob es unter seiner direkten und absoluten Herrschaft stehen würde.

Diese Entwicklung wird von etlichen Adeligen zur Verfestigung und auch Ausweitung ihrer Macht durchaus bewußt gefördert. So ist denn auch allgemein ein merklicher Abbau der ürsprünglich sehr freiheitlichen und auf gleichberechtigter Volksabstimmung beruhenden althergebrachtenb Regierungs- und Rechtsformen zu beobachten.

Zwar ist nach wie vor das “Thing” höchste politische und juristische Instanz. Hierbei handelt es sich um die Versammlung aller Freien eines bestimmten Gebietes, welche durch gleichberechtigte und offene Abstimmung aller Teilnehmer Gesetze verabschieden, Urteile fällen und sonstige politische und gesellschaftliche Beschlüsse fassen. Üblich ist hierbei, daß im Herrschaftsgebiet eines Adeligen mehrere Things im Jahr stattfinden, zumeist in Verbindung mit Festlichkeiten, da sich hier ja die Bevölkerung schon aus diesem Anlaß zu sammeln pflegt und nicht erst gesondert herbeigerufen werden muß. Einmal im Jahr – bei Bedarf jedoch auch zusätzlich – findet ein “Allthing” statt, bei dem sich - zumeist zur Mittsommernacht an einem traditionellen Heiligen Platz – die gesamte freie Bevöl-kerung jeweils einer Insel versammelt. Verständlicherweise nur sehr selten und bei besonderem höchst bedeutsamen Anlaß wird zum “Havathing” die gesamte Bevölkerung aller Inseln zusammen gerufen.

Tatsächlich verlieren die Things aber immer mehr an wirklicher Entscheidungsgewalt. Urteile in ge-richtlichen oder sonstigen Streitereien werden regelmäßig vom Adeligen sofort vor Ort gesprochen und nur dann im Thing verhandelt, wenn dies von den Beteiligten ausdrücklich verlangt wird oder der Fall ungewöhnlich schwierig ist oder erst bei dieser Gelegenheit überhaupt vorgetragen wird. Aber auch im Thing selber pflegt der vorsitzende Adelsherr die meisten Streitsachen direkt selbst zu ent-scheiden und nur sehr schwierige Fälle oder solche von grundsätzlicher Bedeutung der allgemeinen Abstimmung zu übergeben. Auch bei den sonstigen Beschlüssen ist der tatsächliche Einfluß des Adels inzwischen so groß, daß die Abstimmung nur noch höchst selten ein gegen die nachdrücklich von den Adeligen vertretene Auffasssung lautendes Ergebnis erbringt.

Weiterhin werden immer mehr politische Entscheidungen in den “Adalthings” getroffen, also geson-derten und nur von Adeligen besuchten Versammlungen, die ursprünglich auf den einzelnen Inseln eingerichtet wurden, um weniger bedeutsame oder alltägliche Probleme zu lösen, für die ein großes Thing zu häufig zu großen Aufwand bedeuten würde. Inzwischen steht die wahre Macht dieser Adels-Things der des “Allthings” aber zumindest gleich. Hinzu kommt eine relativ junge weitere Ein-richtung, nämlich eine Gesamtversammlung aller vinländischen Adeligen, die tatsächlich bereits sehr grundsätzliche und weitreichende Beschlüsse faßt und die bezeichnenderweise nicht einmal mehr die althergebrachte Bezeichnung als Thing führt, sondern einfach “Fürstenrat” genannt wird.

Auch in sonstiger Hinsicht befindet sich Vinland in einem Umbruch. Bis vor nicht allzulanger Zeit beschränkten sich die Beziehungen zur übrigen Welt weitestgehend auf etwas, das in Vinland als “rauher Handel”, von anderer Seite aber schlicht als Raubfahrt und Piraterie bezeichnet wurde und wird. Seither haben aber immer mehr Schiffsführer entdeckt, daß man die gleichen begehrenswerten Waren zwar weniger ruhmvoll, dafür aber auch sicherer und regelmäßiger sowie deutlich weniger an-strengend durch “sanften Handel” erwerben kann. Eine offenbar vielfach angeborene Geschäfts-tüchtigkeit sowie wohl auch die noch sehr frische Erinnerung an die Kampftüchtigkeit und –bereitschaft der Vinländer bewahrte diese zumeist vor der Schlitzohrigkeit erfahrener fremder Händler und sorgte dafür, daß sie das eigentlich fällige Lehrgeld nur sehr selten bezahlen mußten.

So gibt es inzwischen unter den Vinländern – die eigentlich vin Hause aus Bauern oder Krieger und bei Bedarf beides, also Bauernkrieger sind – inzwischen zahlreiche richtige Händler und Kaufleute und auch mehr Handwerker und Künstler als für den eigenen Bedarf notwendig, denn die eigentümlichen und zum Teil auch sehr ansprechenden und qualitätsvollen Erzeugnisse der Inseln erfreuen sich in manchen überseeischen Gebieten steigender Beliebtheit.

Natürlich trifft eine solche Entwicklung auf den Widerstand konservativer Kreise und hat ent-sprechend von Insel zu Insel unterschiedliche Fortschritte erzielt. So ist Norglaw die unbestrittene Hochburg der alten Traditionen und der rauhen, oft blutigen Sitten und Gebräuche geblieben. “Sanft-händler” und fremdländische “Pfeffersäcke” haben hier einen schweren Stand.

Gronland hingegen ist der neuen Entwicklung am stärksten gefolgt. So liegt hier zwangsläufig das Zentrum des vinländischen Außenhandels und sind hier auch die meisten Fremden anzutreffen, von denen sich etliche sogar bereits fest angesiedelt haben. Daher ist Gronland die reichste, dichtbesiedeltste und zumindest in den Handelszentren und -häfen schon erkennbar weltoffen und vielvölkisch geprägte Insel.

Norgay nimmt eine Art Zwischenstellung ein. Grundsätzlich sind ihre Bewohner den alten Lebens-weisen treu geblieben, öffnen sich aber langsam und bedächtig den neuen Sitten. Deutlich erkennbar ist dies zum Beispiel daran, daß die alten und auf Norglaw noch regelmäßig vorkommenden Men-schenopfer auf Norgay inzwischen abgeschafft und durch Tieropfer oder gänzlich unblutige Rituale ersetzt wurden. Die meisten Norgayer bevorzugen jetzt auch den sanften Handel und ausländische Kaufleute und sonstige Reisende fahren nicht nur bereits recht häufig und unbesorgt auch auf diese Insel, sondern haben dort ebenfalls schon erste ständige Sitze errichtet.

Voltar aber nimmt eine sehr besondere Stellung ein. Denn es war ein dort erschienener Dämonen-beherrscher und mächtiger Magier namens Nexxon, der eine finstere und grausame Form des Dra-chenkultes begründete und zeitweise auch den größten Teil Vinlands erobern und beherrschen konnte, bevor es gelang, ihn zu besiegen und – scheinbar – zu töten. Denn es zeigte sich, daß ein Dämonen-beschwörer seiner Macht und Größe – manche glauben sogar, er sei selbst ein Dämon - nicht wirklich getötet, sondern nur gebannt werden kann, und seither wurde er wiederholt neu beschworen und nur mühsam und verlustreich erneut besiegt.

Voltar ist allen fremden Einflüssen praktisch vollständig verschlossen. Zwar gelten auch hier die Regeln vinländischer Gastfreundschaft, aber selbst den Vinländern gegenüber wird sie mit einer derart eisig abweisenden Höflichkeit praktiziert, daß jedermann schnellstmöglich darauf verzichtet und wieder verschwindet. Selbst die vorübergehenden Besetzungen durch vinländische Truppen blieben äußere Formsache. Diese Soldaten lernten recht bald, daß es besser war, in den festen Stützpunkten zu bleiben, diese nur in starker Anzahl und nicht allzuweit zu verlassen sowie darauf zu verzichten, irgendwelche Kontakte oder gar Freundschaften mit den Einheimischen zu suchen. Der bisher einzige Versuch, über die Einrichtung einer Präfektur wirklichen Einfluß in Voltar zu nehmen, endete bekanntlich in einer Katastrophe.

Denn die Voltarier sind Nexxon und seiner Lehre treu geblieben und folgen ihr mit wildem Fanatismus und unerschütterlicher Überzeugung, auch wenn er sie nicht mehr selbst führt oder führen kann. Nach wie vor ist es ihr oberstes Ziel, ihren Glauben nicht nur auf Voltar zu bewahren, sondern ihn im ganzen Vinland durchzusetzen und alle Inseln dem Nexxonkult zu unterwerfen. Daher leben die Voltarier in einer äußerst streng reglementierten und von ihren Priestern absolut beherrschten Gesellschaft, die sich sehr stark von den im Vergleich noch recht freiheitlichen Herrschaftsformen im übrigen Vinland unterscheidet. Auch ist Voltar natürlich stark auf das Kriegshandwerk ausgerichtet und stellt zweifellos die beste Heerestruppe von ganz Vinland. Voltarische Krieger gelten selbst für Nordleute als ungewöhnlich hart und kampfstark, zudem sind sie äußerst diszipliniert und in der Lage, auch schwierige taktische Manöver durchzuführen. Aus diesem Grund sind sie trotz der an sich er-drückenden Übermacht der übrigen Vinländer ein gleichwertiger und kaum besiegbarer Gegner.
Ein besonderes Rätsel stellt auch die Frage dar, auf welche Weise die Voltarier sich am Leben erhalten. Alle - allerdings bisher durchweg sehr dürftigen und unvollständigen – Berichte beschreiben die Insel als unfruchtbare Wüste aus Stein-, Geröll- und Lavafeldern, überragt von kahlen Gebirgen mit noch zahlreichen aktiven Vulkanen. Handel und damit möglicherweise Einfuhr von Lebensmitteln und sonstigen Gütern existiert kaum, zumindest nicht in einem Umfang, der auch nur ansatzweise den Bedarf decken könnte. Daher gibt es zahlreiche Gerüchte darüber, daß Nexxon selbst oder seine noch vorhandene Magie Voltar mit allem versorgt. Allerdings scheint die einzige Grundlage hierfür zu sein, daß ein in dieser Hinsicht befragter Voltarier tatsächlich manchmal antwortet, daß “Nexxons Wirken” dies alles “besorgt”, obwohl zumeist nur der scharfe Hinweis erfogt, dies sei voltarische Sache und gehe niemanden sonst irgendetwas an.

Eine eher ungewöhnliche Rolle spielt auch die Magie, da die Vinländer ihr grundsätzlich mit großem Mißtrauen begegnen. Immerhin sind weiße Magie und speziell Schutz- und Heilzauber zumeist anerkannt und durchaus in Gebrauch, andere wie zum Beispiel Kampfzauber werden zumindest in bestimmten Notlagen geduldet, aber schon recht mißtrauisch betrachtet. Schwarze Magie und Hexerei, Beherrschungs-, Blut- und Schadenszauber oder gar die Beschwörung von Untoten und Dämonen und derlei Dinge werden jedoch nicht nur verachtet, sondern sogar mit Erbitterung verfolgt und bekämpft.

Eine ganz andere Meinung vertreten hier die von Nexxon geprägten Voltarier, deren Priester und Magier die voltarischen Kriegsscharen häufig mit Untoten verstärken und bisweilen auch Geister und Dämonen zur Hilfe herbeirufen. Und auf Gronland wird gemunkelt, daß zumindest einige nicht nur bei den ausländischen Gästen und Neusiedlern seltsame Zaubereien dulden, sondern auch bisweilen selbst anwenden oder anwenden lassen. Und vom dortigen Jarlfürsten selbst ist inzwichen sicher bekannt, daß er selbst sogar den Rang eines Großmeisters der Magie bekleidet.

Die Elben haben sich ebenso wie die Tuatha fast vollständig nach Hae Brâsil zurückgezogen. Vin-länder suchen diese Insel nur selten auf, wenn sie in ganz besonderen Angelegenheiten reisen, aber niemand hat bisher gewagt, dort dauernden Wohnsitz zu nehmen. Daher gilt Hae Brâsil als geheim-nisumwittertes und verschlossenes Elfen- und Feenreich, über das zahlreiche seltsame Geschichten in Umlauf sind. Obwohl nicht eigentlich böse, wird es doch allein aufgrund seiner Fremdartigkeit und Rätselhaftigkeit als für normale Sterbliche gefährlich angesehen.

Wahrscheinlich leben noch etliche Elben und vielleicht auch Tuatha auf den anderen vinländischen Inseln. Sie pflegen dann jedoch in gewohnter elfischer Weise ihren Wohnsitz fernab menschlicher Siedlungen zu nehmen und diese nur gelegentlich aufzusuchen. Da aber inzwischen auch schon Elfenwesen aus anderen Ländern in Vinland wohnen, vermag sie niemand mehr von diesen zu unter-scheiden und sie scheinen selbst auch keinen Wert hierauf zu legen. So ist es auch kaum möglich, sie über die alten Geschehnisse und Rätsel zu befragen, worüber sie wahrscheinlich mehr wissen als alle vinländischen Weisen zusammen.

Wenn auch die Tuatha als Volk nach Hae Brâsil verschwunden sind, so ist doch ihre Hinter-lassenschaft auf den anderen Inseln noch vielfach sichtbar. Denn im Gegensatz zu den Elben hatten sie in ihrer Blütezeit zahlreiche Bauten verschiedenster Art errichtet, deren inzwischen zumeist stark zerfallenen Reste sich noch häufig finden. Oft sind auch noch deren Namen in der tuathischen Sprache erhalten geblieben und manche Vinländer behaupten sogar, deren Bedeutung zu kennen. Ob dies aber zutrifft, ist ebenso schwer zu beurteilen wie der Wahrheitsgehalt der dunklen Erzählungen, die sich um viele dieser Stätten ranken.

Denn tatsächliches Wissen über diese Dinge ist auch unter den Weisen Vinlands kaum noch vorhanden. Selbst von diesen kennen nur noch wenige den Namen “Tuatha” und daher wird zumeist nur vom “Alten Volk” geredet und von den geheimnisvollen überlieferten Namen gesagt, daß sie der “Alten Sprache” entstammen.

In ähnlicher Weise leben die meisten Orks, Goblins, Oger, Trolle und artverwandte Wesen in-zwischen auf der Insel Orknai, wo auch manch andere Monströsität und manch sonstiger namenloser Schrecken hausen soll. Die stärkste Gruppe bilden die Braunen Orks, die in mehrere Stämme aufgeteilt den größten Teil der Insel beherrschen. Eine seltsame Besonderheit bilden die Grünen Orks, die seit langem in Frieden, ja Bündnis und Freundschaft mit den Vinländern leben. Seither herrscht tödlicher Haß zwischen diesen und nicht nur den Braunen, sondern auch den Schwarzen, Grauen und sonstigen Orks, der noch weitaus tödlicher ist als sonst zwischen den ja auch sonst zumeist un-tereinander verfeindeten Stämmen dieser Rasse

Daher leben die Grünen auf Orknai auschließlich auf einer schmalen Halbinsel im Schutze eines ge-waltigen, durch mächtige Palisaden und zahlreiche hölzerne Türme gesicherten Erdwalles, also einer für orkische Verhältnisse ungewöhnlich starken Wehranlage. Ob sie einem entschlossenen Ansturm aller vereinigten feindlichen Orks standhalten könnte, ist trotzdem fraglich, aber bisher sind selbst die Braunen Stämme untereinander derart zerstritten, daß noch keine solche Gefahr drohte. Die panische Angst der Orks vor Wasser und dementsprechend ihre heftige Abneigung gegen Seefahrt sowie die völlige Unkenntnis über den Bau von Schiffen und Booten verhinderte bisher, daß sie den Wall einfach umschiffen und an der Küste der Halbinsel landen. Zwar können sie einfache Flöße zimmern, aber diese taugen nur zur Überquerung ruhiger Flüsse und Seen und halten dem Seegang und der Brandung des Meeres nicht stand und kaum ein Ork hat jemals schwimmen gelernt.

Vinländische Siedlungen auf Orknai sind nicht bekannt, aber es halten sich hartnäckige Gerüchte, daß dort zumindest an der Küste einige befestigte Schlupfwinkel von Piraten, Verbannten, flüchtigen Sklaven und Gefangenen oder sonstigen verwegenenen wie wohl auch verbrecherischen Abenteurern menschlicher und sonstiger Art bestehen.

Aufgrund ihrer gefährdeten Situation leben etliche Grüne Orks inzwischen auf den anderen Inseln, insbesondere auf Gronland und Norgay. Ihr Verhältnis zu den Vinländern ist weiterhin ausgesprochen freundschaftlich und so mancher Grüner Ork ist schon im Kampf unter vinländischem Banner ge-fallen. Allerdings gibt es wiederholt Probleme mit ausländischen Besuchern, die dieses besondere Ver-hältnis nicht kennen und dementsprechend auf alle Orks gleichermaßen feindlich reagieren.

Kleinere Gruppen von Braunen, Schwarzen und anderen Orks leben auch weiterhin auf allen vin-ländischen Inseln. Sie haben sich jedoch durchweg in abgelegene Gebiete zurückgezogen und bereiten kaum Ärger, sodaß eine Art wachsamer Friede besteht. Auf Voltar sollen einige Stämme sogar in festem Bündnis mit den Voltariern leben. Sie wurden allerdings noch nicht in den Kämpfen gegen Vinland eingesetzt, was aber daran liegen könnte, daß sie zumindest bisher noch nicht den vol-tarischen Ansprüchen an Disziplin und taktischem Geschick genügen konnten. Vielleicht hat auch die orkische Angst vor Seefahrten ihre Mitnahme bei Zügen auf die anderen Inseln verhindert.

Besondere Beachtung verdient noch die Religion auf Vinland, die ebenfalls recht deutlich den zur Zeit ablaufenden Umbruch wiederspiegelt. Wie bereits berichtet, hatten die Vinländer nach ihrer An-siedelung den Drachenkult übernommen. Ihre aus ihrer Heimat mitgebrachten Gottheiten wurden immer mehr vernachlässigt, teilweise regelrecht vergessen. Zwar verschwand ihre Verehrung nicht völlig, fand aber in der Regel nur noch in eher kleinem Kreis, also in Familien und Dorfgemein-schaften statt und betraf üblicherweise dann weniger die großen Welt- und Stammesgötter als vielmehr die eher nachgeordnete kleinen Gottheiten oder Mythen, die eher mit den Alltagsproblemen und –sorgen des Einzelnen zu tun haben.

Zwar gibt es immer noch öffentlich abgehaltene große und zahlreich besuchte Feste und Rituale für die “Alten Götter”, aber die überlieferten, oft kaum noch richtig verstandenen Götternamen, Gebete und Kulthandlungen sind den meisten Vinländern inzwischen ziemlich fremd geworden und werden eher als immer noch unverzichtbare Förmlichkeiten angesehen, um allgemein das Gleichgewicht und die Ordnung der Welt zu bewahren, ohne daß noch ein wirklicher und ausgeprägter Glaube dahinter steht. Die sehr viel lebendigeren kleinen örtlichen Kulte unterscheiden sich jedoch so stark vonein-ander und haben oft so wenig miteinander zu tun, daß hierbei von einer einheitlichen oder gemein-samen Religion nicht mehr die Rede sein kann.

Seitdem die Drachen ihre körperliche Existenz auf Vinland verloren haben, hat ihr Kult bei vielen Vinländern an direkter Bedeutung verloren. Der Glaube an sie, ihre Kräfte und ihre Lehre hat zwar eigentlich keinerlei Einbußen erlitten. Jedoch ist die Beschäftigung mit Dingen wie Aura, arkanen und sprituellen Kräften, fremden oder höheren Sphären, körperlosen oder geistigen Existenzen und derlei Dingen eher Sache von weisen Männern, Priestern und Druiden. Für den normalen Vinländer mit seiner einfachen, gradlinigen und direkten Denkweise sind das Probleme, mit denen er sich ungern beschäftigt und mit denen er auch sehr wenig anzufangen weiß. So stellt der Drachenkult für den Großteil der Bevölkerung zwar weiterhin den zentralen Glaubensinhalt dar, kann aber nicht mehr das allgemeine Bedürfnis nach einer direkten “alltäglichen” und “praktischen” Religion befriedigen. Hierfür wird dann eher eine der “Alten Gottheiten” angerufen und verehrt.

Stattdessen hat auch der Kult der “Neuen Götter” immer mehr an Bedeutung gewonnen. Tatsächlich handelt es sich hierbei jedoch um sehr alte Gottheiten, nämlich die der verschwundenen Tuatha. Die Vinländer hatten sie bei ihrer Ansiedlung als bereits in ihrer neuen Heimat verehrte Götter kennengelernt. Sie waren also “alteingesessen” und an ihrer Existenz sowie ihrer tatsächlichen Macht gab es nie Zweifel. Dies dürfte ebenfalls zur Vernachlässigung der eigenen nordländischen Götter beigetragen haben, da deren Machtbereiche und Aufgaben ja in Vinland von dort bereits ansässigen Gottheiten besetzt waren. Der hieraus eigentlich zu erwartende und bei anderen Einwanderungen oder Eroberungen auch überlieferte “Götterkampf” fand jedoch nicht statt, da zu dieser Zeit der alles über-strahlende Drachenkult einen solchen Konflikt mehr oder weniger überflüssig machte. Nach dem Fort-gang der Drachen jedoch hatten die nordländischen Götter wie berichtet ihre Bedeutung bereits in solchem Maße verloren, daß praktisch keine widerstreitenden Mächte mehr bestanden.

Daher sind die “Neuen Götter” in Wahrheit sehr alt, neu ist lediglich ihre immer bedeutsamer wer-dende Verehrung durch die Vinländer. Diese macht jedoch recht schwerfällige Fortschritte. Dies liegt weniger an ja grundsätzlich nicht vorhandenen Glaubenszweifeln, sondern vielmehr daran, daß ihre fremdartigen Namen, ihre zum Teil seltsam wirkenden Mythen und die ungewohnten Machtbereiche und Wirkungen doch einiger Gewöhnung bedürfen. Der Kult der Neuen Götter wird vor allem und recht nachdrücklich von zahlreichen Adeligen gefördert, und viele konservative Vinländer hegen den Verdacht, daß dies vor allem deswegen erfolgt, um durch neue Glaubensformen und Rituale auch Änderungen von Sitten und Gebräuchen zu unterstützen, die ihre Macht festigen und erweitern, insbesondere die Einführung feudal- und lehnsherrschaftlicher Gesellschaftsfomen in Vinland zum Nachteil der alten Freiheiten erleichtern sollen.

So bietet das Vinland für Mittelländer und sonstige Auswärtige ein vielfältiges und reizvolles Bild und für lernbegierige oder abenteuerlustige Reisende ein lohnendes Reiseziel. Insebsondere Hae Brâsil, Orknai und wohl auch Voltar versprechen ungewöhnliche und sicher auch manchmal lebens-gefährliche Erlebnisse für denjenigen, der solche Herausforderungen sucht. Friedfertigere Reisende können auf den übrigen Inseln weniger gefährliche Gegenden kennenlernen, wobei die Spanne von auch nach hohen festländischen Ansprüchen bereits als weltoffen und weitestgehend zivilisiert anzuse-henden Handelszentren bis hin zu abgelegenen Gebieten mit sehr altertümlichen und rückständigen, ja barbarischen Menschen und Gebräuchen reicht. Doch selbst dort ist wegen der in Vinland hoch ge-achteten und streng befolgten Gastfreundschaft nicht allzuviel wirkliches Ungemach zu erwarten.