Die 6 Drachen

Das Wissen der Vinländer um die Alten Drachen, ihr wirkliches Wesen, ihre Entstehung und die frühen Geschehnisse ist vergleichsweise dürftig. Dies nimmt aber nicht besonders wunder, denn schließlich waren sie die letzten Ankömmlinge in dem alten, noch unzerstörten Land, als diese Wesen dort schon seit uralten Zeiten herrschten.

Sicherlich war den Nordleuten das Wesen und die Lehre der Drachen neuartig, schwer zu begreifen und so andersartig wie das, was sie von ihren eigenen Göttern wußten. Und wenn auch niemand mehr genau weiß, wie lange die Zeit von ihrer ersten Ansiedlung bis zum Ausbruch der Drachenkriege dauerte, so vermochten sie doch sicherlich weit weniger zu erfassen und zu begreifen als die schon viel länger dort lebenden Elben und Angehörigen des Alten Volkes. Und viele gewonnenen Kenntnisse dürften dann in den Schrecken der Kriege und des Unterganges verlorengegangen sein ebenso wie in der harten und mühseligen Zeit der Wiederbesiedlung und des Neuaufbaus, wo die Gedanken auf anderes gerichtet waren und wohl auch mancherlei Zweifel an der Macht und der Güte der Drachen Wissen verdunkeln ließen.

Hinzu kommt, daß auch nach dem erneuten Erspüren der trotz ihrer körperlichen Entrückung verbliebenen Aura und Kraft der Drachen und der erneuten Belebung ihrer Verehrung diese über die seither vergangenen rund tausend Jahre hinweg ja allein von den Vinländern betrieben wurde, die ja die jüngsten und am wenigsten darin erfahrenen Träger des Kultes darstellen. Die Elben und die Tuatha waren fortgezogen oder zumindest weiß die Überlieferung von keinem, der sein ungleich reicheres Wissen um die Drachen zur Verfügung gestellt hätte.

So war es nicht zu vermeiden, daß trotz allem eifrigen und getreulichen Bemühen so manches tieferes Teil der alten Lehren sich veränderte oder gar verging. Weiterhin ist ebenso offenkundig wie erklärbar, daß mancherlei von den vertrauten Alten Göttern des Nordens in die Vorstellungen über die Drachen einfloß und die vinländischen Glaubensinhalte zusätzlich veränderte. Wenn dies auch in mancherlei Hinsicht deutlich erkennbar ist, so kann doch allgemein gesagt werden, daß hierdurch der Drachenkult auf Vinland zwar seine ursprüngliche, reine und tiefe Form nicht bewahren konnte, in seinen grundsätzlichen Zügen aber doch weitestgehend erhalten geblieben ist. Merkwürdigerweise ist dies bei den vinländischen Adeligen und den nachdenklicheren Teilen der Bevölkerung und natürlich besonders bei den Druiden weit eher der Fall als in den Drachenklöstern, wo man dies doch am ehesten erwarten würde. Hier hat sich jedoch das am stärksten mit den Alten Göttern vermischte Bild der Drachen entwickelt. Dies erklärt sich wohl daraus, daß die Klöster ja das größte und drängendste Verlan-gen hegten, mehr und schließlich erschöpfendes Wissen zu erlangen, was aber durch die Ereignisse und den Bruch der Überlieferungen schier unmöglich wurde. So kann man sich gut vorstellen, daß nach und nach gleichsam verzweifelt versucht wurde, das vorhandene karge Wissen durch andere, ebenso wahre und vielleicht ja geheimnisvoll damit zusammenhängende Überlieferungen zu ergänzen, und dies waren eben die aus dem alten Norden.

Wie man leicht vermuten kann, droht hier ein gefährlicher Konflikt mit der Inquisition, deren Aufgabe es ja gerade darstellt, die verschiedenen Glaubensformen unverfälscht und gleichberechtigt zu erhalten und derartige Vermischungen bis hin zur Bildung einer fast völlig neuen Lehre zu unterbinden. Das hohe Ansehen der Klöster sowie die weitestgehende Zurückhaltung der Mönche haben jedoch bisher eine offene Auseinandersetzung verhindert. Denn die Klosterbrüder haben bisher noch keinen missionarischen Eifer entwickelt und betrachten ihren Glauben eher als höheres Wissen einiger weniger Auserwählten, was sicher nicht zuletzt mit der Verständnislosigkeit, ja Ablehnung der übrigen Weisen und Gebildeten gegenüber ihren neuartigen und der den konservativen vinländischen Einstellungen so ungewohnten Lehren zusammenhängen dürfte. Daher haben diese Drachenkulte außerhalb der Klöster selbst nur einige wenige Anhänger und spielen im vinländischen Leben eine so unbedeutende Rolle, daß es außer einem ausgeprägten gegenseitigen Mißtrauen und vielleicht einigen äußerst heftigen, aber nur verbalen Auseinandersetzungen bei eher zufälligen Begegnungen noch zu keinem wirklichen Machtkampf gekommen ist. Schließlich gilt es gerade in dieser Zeit zu berücksichtigen, daß während des Drachenfestes zu Skollfjord auf Norgay zum Frühjahrsbeginn des Jahres 999 in rätselhafter, aber dennoch unbezweifelbarer Weise erwiesen wurde, daß es entgegen der bisherigen Überzeugung nicht nur fünf Drachen gab und gibt, sondern vielmehr noch einen sechsten, zugleich wohl auch ältesten und mächtigsten. Und dieser war und ist niemand anders als der gefürchtete Nexxon, welcher bisher als zwar nahezu unüberwindlicher und vielleicht auch unsterblicher Dämonenbeschwörer oder vielleicht sogar Dämon angesehen wurde, aber keinesfalls als Drache oder sonstiges gottartiges Wesen. Diese volle Erkenntnis scheint sogar den Voltariern als seinen treusten und fanatischsten Anhängern neu zu sein. Denn wenn auch die voltarische Glaubenslehre sich selbst als einzig wahre und richtige Form des Drachenkultes sieht, so ist auch dort Nexxon bisher wohl als höchster und mächtigster Magier, Priester, Glaubenslehrer oder sonstiges, vielleicht gottgleiches Wesen betrachtet worden, jedoch nicht als Drachen selbst.

Diese Erkenntnis aber ist sehr neu und vieles ihrer Bedeutung, ihrer Einzelheiten und Hintergründe ist selbst den Mönchen und Priestern des Drachenkultes wie auch den übrigen Weisen Vinlands noch unbekannt oder zumindest rätselhaft und vieldeutig. Daher wird nachfolgend die allgemeine Geschichte und Bedeutung der Drachen zunächst in der bisher bewahrten Form dargestellt und anschließend um die bisher erkannten oder vermutbaren Dinge über den sechsten Drachen Nexxon ergänzt.

Herkunft und Geschichte

Einstmals war Vinland eine einzige große Insel, so groß, daß manche auch sagen, es war ein ganzer Kontinent für sich. Aufgrund seiner nördlichen Lage war das Land nicht besonders üppig und fruchtbar, aber das Meer sorgte für Feuchtigkeit und recht mildes Klima und so siedelten dort schon in diesen alten Zeiten Elben, aber auch Orks und andere, längst vergessene Geschöpfe.

Wie es heißt, lagen unter den höchsten Gipfel der fünf höchsten Gebirgen von Vinland fünf Drachennester, und in jedem lag wiederum ein gewaltiges Ei. Wer immer die Dracheneltern gewesen waren oder welche Wesen sonst diese Eier erzeugt hatten, sie waren vergangen oder fortgezogen und niemand wußte von ihnen oder den einsamen verborgenen Nestern.

Niemand weiß, wann der erste Drache aus seinem Ei schlüpfte. Zwar heißt es, dies wäre vor „Hundert Menschenleben“ geschehen, was wohl soviel wie „hundert Generationen“ und damit etwa dreitausend Jahre bedeutet, aber dies auffällig runde Zahl mag vielleicht auch nicht mehr besagen als „vor langer, langer Zeit“.

Jedenfalls war es der Grüne Drachen, welcher als erster geboren wurde. Er gab Vinland Wärme und Fruchtbarkeit weit über das bisherige und der Lage im Nordmeer entsprechende Maß hinaus und er wurde der Herr des Großen Kreislaufes der Natur und des ewigen Wechsels von Leben und Tod. Das Land erblühte und die Elben und die anderen denkenden Wesen erkannten ihn als übermächtigen, ja gottgleichen Herrn von Vinland an und verehrten ihn in angemessener und ihnen jeweils eigentümlicher Weise.

Einhundertfünfzig Jahre später kamen zur gleichen Zeit in ihren jeweiligen Nestern zwei weitere Drachen zur Welt. Der Rote Drachen wurde besonders groß und stark und als einziger konnte er Feuer atmen. Und so herrschte er über das Feuer in dessen jeglicher Art. Er ist der Herr des Himmelsfeuers der Sonne und bringt somit Licht und Wärme. Er regiert das irdische Feuer, welches zerstört und vernichtet, aber auch erwärmt und reinigt. Und von ihm kommt das Feuer in den Seelen, daß zu großen und edlen wie zu schrecklichen Taten reizt, und daher ist er auch der Herr des Krieges und der Hüter von Tapferkeit und Ehre.

Sein zur gleichen Zeit geborener Bruder ist der Silberne Drachen. Sein Sinn steht nach Gerechtigkeit und Weisheit, und so wurde er zum Herrn des Rechtes und der Gerichte und zum Schützer der Schwachen und Einfachen, aber auch der Vollstreckung und Vergeltung und der Rache. Seine Gerechtigkeit bringt Leben hervor und bewahrt es wachsam, indem sie das Böse und Dunkle verfolgt und vernichtet.

Sechshundert weitere Jahre vergingen, bis als nächster der Schwarze Drache seinem Ei entschlüpfte. Kleiner von Gestalt und scheinbar schwächer als seine Brüder erschien er und erhielt von diesen auch wenig Beachtung und Respekt. Aber seine Macht wurde vielleicht noch größer als die der anderen Drachen, denn er beherrschte alle Formen deren Ausübung, die heimlich und im Dunklen geschehen und damit gefährlicher und wirksamer sein können als offene Kraft und Gewalt. So wurde er zum Herrn der Magie, aber auch zum Schützer der Diebe und aller sonstigen Wesen, die für ihr Tun das Licht scheuen. Und da solche zum erreichen ihrer Ziele oft Gewalt und Mord nicht zu scheuen pflegen, steht der Schwarze Drachen auch für das Nehmen jeglicher Art, von Besitz und von Leben, also auch den Tod.

Vier Drachen waren nun auf Vinland und beherrschten es und teilten ihre Macht in guter Ergänzung. Der Grüne überwachte und schützte die Natur und den ewigen ehernen Kreislauf des Lebens. Der Silberne gab und der Schwarze nahm und so sorgten sie wechselseitig für gerechten Ausgleich und das Gleichgewicht des Kreislaufes. Das Feuer des Roten aber bewirkte, daß das Leben nicht in eintönige ständige Wiederkehr verfiel und somit erstarrte und wahrhaftig zu leben verlernte. Um diese Zeit unter der eingerichteten Herrschaft der vier Drachen wohl ist die Ankunft des Alten Volkes zu vermuten, die sich die Tuatha nannten und als erste Menschen auf Vinland wohnten. Schon damals mögen sie den Elben ähnlicher gewesen sein als viele andere ihres Geschlechtes, doch in vieler Hinsicht gleicher Art wie die Herrschaft und die Lehre der Drachen waren ihre Götter, die sie aus ihrer unbekannten Heimat mitbrachten und welche die heutigen Vinländer als „Neue Götter“ nunmehr auch zu verehren beginnen.

So nimmt es nicht wunder, daß die Ansiedlung der Tuatha mehr Ergänzung als Änderung bedeutete und sie sich schon bald so eng und vielfältig mit den Elben verbanden, daß sie selbst trotz ihrer sterblichen Menschlichkeit Fremden eher wie Elben oder ein Feenvolk von Halbelben erschienen.

Viele Generationen später dann und wohl nicht allzu lange vor Beginn der im folgenden noch zu schildernden Schrecklichkeiten erschienen dann die Nordleute, welche heute als die eigentlichen Vinländer gelten. Kaum mehr als Barbaren im Vergleich zu den bisherigen Einwohnern, standen auch ihre „Alten Götter“ wie ihre sonstige Lebensart und Denkweise in schroffem Gegensatz zu dem, was im Drachenland herrschte.

Doch waren die Macht der Drachen, ihre Herrschaft und ihre Lehre wie auch die der Elben und Tuatha so übermächtig und überwältigend wie auch verlockend, daß sich auch die harten Nordleute diesem Einfluß nicht entziehen konnten und auch wollten und ihr Sinn sich zu ändern begann. Sie erkannten und verehrten die Drachen und ihr Wesen wandelte sich spürbar, doch sollte dies niemals zu einem Abschluß kommen.

Denn die Drachen vermochten die hellen und dunklen Seiten ihres jeweiligen Wesens nicht mehr im Gleichgewicht zu halten und die bösen Elemente gewannen Oberhand. Niemand weiß, warum dies geschah, sei es, daß Ihr Wesen tatsächlich unvollkommen oder zumindest nicht stark genug war, was die Gegner des Drachenkultes gerne behaupten, sei es, daß ein finsteres Schicksal oder auch ein finsterer übermächtiger Feind dies mit Gewalt oder mit List bewirkte, wovon die allermeisten Vinländer überzeugt sind. Was immer genau geschah und vor allem warum, ist jedoch ein Geheimnis.

Und so begannen die Drachenbrüder einander mit Gewalt zu bekämpfen und ihre Anhänger rüsteten ihre Heere und zogen in den Krieg. Und immer fürchterlicher wüteten sie, denn wenn Große Alte Drachen sich im Streit erheben, so sterben nicht nur Menschen und Tiere, sondern werden Meere zerkocht und Gebirge aus ihren Wurzeln gerissen.

Nahezu gleich groß waren Macht und Kampfeswut der Drachen und schrecklich war ihr Kampf gegeneinander und schrecklich waren die Zerstörungen. Doch noch ein letztes Mal schien Rettung möglich, denn inmitten der Schlachten wurde der fünfte Drachen geboren.

Golden war seine Farbe und er war dazu bestimmt, Frieden und Ausgleich zu bringen und über Freundschaft, Handel und gerechten Umgang miteinander zu wachen. Er sah das Feuer und die Zerstörung, und so ging er in seiner jungen Macht und seinem goldenen Glanz zu seinen Brüdern, um Einhalt zu gebieten.

Doch es war vergeblich. Zu rasend war ihrer aller Zorn und weder sanfte noch mächtige Worte vermochten ihre tobende Wut zu besänftigen. Und so wurde auch der Goldene Drache angegriffen und mußte sich verteidigen und immer mächtigere Schläge austeilen, bis auch er in lodernde Raserei entbrannte und nicht minder heftig kämpfte wie seine Brüder auch.

Immer wilder wüteten die Feuer und immer tiefer und klaffender wurden die Wunden des Landes, und wie ein lebendes Wesen begann Vinland zu sterben und zu zerbrechen. Immer größere Teile zerrissen und zerbrachen und versanken schäumend im kochenden Meer. Nichts schien mehr den Untergang und die völlige Vernichtung aufhalten zu können.

Und doch war eine Macht dazu in der Lage. Wer oder was auch immer dies bewirkte, riß die Drachen aus ihrer irdischen und körperlichen Existenz und warf sie in eine andere Daseinsform und auf eine andere Ebene neben, über oder unter dieser Welt.

Die Stürme verwehten, die Sturmwellen verliefen und die Feuer erloschen. Und die Reste der Menschen, Elben, Orks und der anderen Wesen vernahmen nicht mehr die Stimmen der Drachen und erwachten aus ihren schrecklichen Träumen und ihrer Besinnungslosigkeit und sie erhoben ihre Blicke und sie sahen sich an und schauten um sich.

Ihr schönes großes Land war nicht mehr Nur noch wenige Inseln ragten aus dem Meer an den Orten, wo sich einstmals die höchsten Gebirge erhoben hatten, deren Wurzeln noch nicht tief genug zerrissen worden waren und die gänzlich zu verschlingen die See noch nicht hoch genug gestiegen war.

Die noch lebenden Wesen auf den noch unzerstörten Landresten und auf den Schiffen im umliegenden Meer sahen ihre zerstörte Welt und sie erhoben Klage und weinten über ihr Schicksal. Manche fuhren hinweg über das Meer und verschwanden aus den Liedern und Erzählungen, aber viele spürten auch, daß jenseits aller Zerstörung und Hoffnungslosigkeit die Geschichte von Vinland und den Drachen nicht zu Ende war und weiter gehen sollte. Und sie wischten ihre Tränen ab, griffen Waffen und Werkzeuge und wanderten über die Inseln und wählten ihre Wohnsitze.

Am zahlreichsten fortgezogen waren Elben und Tuatha und am wenigsten zurückgeblieben von diesen beiden Völkern. Schon vorher waren sie eng verbunden und auch vielfältig vermischt gewesen und jetzt schlossen sich noch enger zusammen und sie wählten als neue Heimat die westlichste Insel, die sie Hae Brâsil nannten und ihnen am meisten behagte und die ihre so gering gewordene Zahl leicht aufnehmen konnte. Aber die Nordleute waren ein junges und starkes und hartes Volk und ihre Zahl war die weitaus größte und ihr Mut und ihr Stolz größer als bei den anderen Völkern geblieben. Am leichtesten wich bei ihnen die Trauer um das Vergangene und am entschlossensten waren sie und am überzeugtesten davon, daß das Schicksal ihnen ein neues und größeres Leben bestimmt hatte.

Daher nahmen sie vier große Inseln in Besitz und sahen sich als die Herren an und nannten sich selbst die Vinländer, so als ob sie die wahren und einzigen Bewohner wären und sie gaben ihnen Namen in ihrer eigenen Sprache und nannten sie Gronland, Norgay, Norglaw und Voltar. Und die Jahre begannen sie von diesem Zeitpunkt an zu rechnen, ab dem Tod des alten und der Geburt ihrer neuen Vinlandes und dies sind jetzt schon etwa eintausend Jahre.

Und viele Menschen dachten und sprachen schlecht von den Drachen und verachteten das Scheitern ihrer Herrschaft und kehrten zurück zur Verehrung der fast schon vergessenen Alten Götter ihrer nordischen Heimat. Denn war es doch so und jedermann sichtbar, daß diese sie in dies neue Land geführt und ihnen am Ende die Herrschaft darüber verschafft hatten.

Wenn sie auch den Elben und dem Alten Volk gegenüber keine Feindschaft hegten, so gingen auch die wenigen von diesen, die noch bei ihnen lebten, nun fort zu ihren Brüdern auf die einsame Insel, und Hae Brâsil verschloß sich vor dem restlichen Teil von Vinland, wo eine Menschenwelt entstanden und der Zauber der Alten Zeit verschwunden war. Nur noch flüsternde Stimmen in zerfallenen Bauten blieben zurück und auf manche von diesen fiel ein dunkler Schatten.

Auch für die Orks und die Goblins, die Kobolde, Oger und Trolle und die anderen Wesen der Dunkelheit blieb kein Platz in der neuen Welt der stolzen Nordleute außer für wenige Gruppen in kargen Felsklippen, trostlosen Einöden und der Tiefe schwarzer Wälder, wo Menschen nicht leben wollten. Die meisten von ihnen aber zogen zu der allein noch übrig gebliebenen Insel im Osten, welche den Namen Orknai erhielt und errichteten dort ihre wilde Welt voll Kampf und Grausamkeit.

Was immer aber mit den Drachen geschehen war, auch die Vinländer verspürten und erfuhren, daß sie nicht wirklich vergangen waren und vor allem, daß sie aus ihrem Wahnsinn erwachten und ihr gütiges Wesen zurück kehrte. Und sie gewannen auch wieder Macht und Wirksamkeit auf Vinland, wenn auch in seltsamer und verdeckter Form, welche die Menschen ebenso wenig wirklich verstehen und erkläerklären können wie den Ort und die Art ihres neuen Lebens. Und daher kehrte der Glaube an die Alten Herren des Landes wieder zurück und werden die Drachen seither wieder vielfältig und eifrig verehrt, auch wenn nur wenige Weise versuchen, tiefer in diese Dinge einzudringen und die Art der Geschehnisse und ihre Bedeutung zu begreifen.

Eine Merkwürdigkeit ist aber noch zu betonen und dem aufmerksamen Leser vielleicht schon aufgefallen. Denn bisher ist keiner der Namen der Drachen genannt worden und niemand auf Vinland scheint diese zu kennen. Tatsächlich besagt die Lehre, daß die Namen der Drachen mit ihrer körperlichen Anwesenheit auf Vinland spurlos verschwanden und niemandem in Erinnerung blieben. Es ist also keineswegs so wie in manchen anderen Religionen, daß sie geheiligt oder auf irgendeine Weise mit einem Tabu belegt oder aus sonstigen Gründen nicht ausgesprochen werden dürfen, sondern sie gelt tatsächlich als verloren und unauffindbar. Selbst die Klöster vertreten keine andere Ansicht.

Und da viele verspüren, daß das alte Vinland nicht wirklich vergangen und verschwunden ist, sondern in vielfältiger Weise fortlebt, so sind auch die Götter des Alten Volkes nicht zusammen mit diesem verschwunden, sondern mehr und mehr Vinländer spüren und erahnen, daß auch diese alteingesessene Herrschaft und nie erloschene Macht auf den Inseln innehaben. So werden sie wenn auch wenig einheitlich und noch zögernd unsicher, aber in zunehmenden Maße erneut verehrt und die Neuen Götter genannt, als die sie den Nordleuten erscheinen und für die sie trotz ihrer uralten Herkunft neu und vielfach rätselhaft sind.

Viele Generationen lang wuchsen Zahl und Macht der Vinländer und ihre Schiffe fuhren über das Meer in fremde Länder und im Krieg wie im Handel erwarben sie die Zuneigung ihrer Freunde und die Furcht ihrer Feinde und gewannen große Reichtümer und hegen keine Besorgnis. Denn weitab im Meer liegend sehen sie ihre Inseln zu Recht als unangreifbar an, denn kein Feind vermag wohl eine so große Armee über das Meer zu bringen, um Vinland zu erobern oder zumindest mehr Schaden anzurichten als bei einem schnellen kleinen Raubzug entsteht.

Und doch blieben die Inseln und sind noch heute keineswegs von großen Kriegen und großer Zerstörung verschont, und dies in weitaus grausameren Umfang, als es die inneren Fehden und Machtkämpfe bewirken, von denen wohl kein Volk verschont bleibt, die aber doch zumeist keine wirklichen und dauernden Schäden bewirken. Auf Vinland jedoch geschah weitaus Schlimmeres.

Denn auf der Insel Voltar erschien Einer, der sich Nexxon nannte. Manche halten ihn für einen Dämon oder ein ähnlich schreckliches Wesen und andere hinwiederum für einen Menschen. Aber selbst wenn dies stimmt, so ist es doch ein gewaltiger Magier und Nekromant und Dämonenbeschwörer von unglaublicher Macht und schlimme bittere Erfahrung hat erwiesen, daß er besiegt und gebannt, aber kaum getötet werden kann oder gar unsterblich ist.

Die Einwohner von Voltar unterwarf er seinem Willen und änderte ihr Wesen und schuf sich ein Volk von schrecklicher und fremdartiger Art, kriegerisch und grausam und unerschütterlich in seinem Glauben an seine Lehre und in der Entschlossenheit, ganz Vinland seiner Herrschaft zu unterwerfen. Und bei aller Fremdartigkeit ihres Handeln und Gebahrens betrachten sie sich als die wahren Vinländer und ihren Glauben als die wahre Erkenntnis über die Drachen und ihren Weg als den wirklichen, den zu gehen das Schicksal bestimmt hat. Scheinbar nichts kann sie davon abbringen, daß dies auch allen Widerständen zum Trotz geschehen wird und daß niemand Nexxons Herrschaft und Lehre aufhalten kann, auch wenn sie über deren Inhalt weitestgehend schweigen und nur dem eröffnen, der bereits unterworfen wurde.

Obwohl ihr Volk ganz auf den Krieg ausgerichtet ist und nur für diesen zu leben scheint, vermögen die Voltarier naturgemäß keine Heerscharen aufzubieten, die denen des übrigen Vinlandes an Zahl gleichwertig oder gar überlegen sind. Aber ihre Krieger sind noch wilder und todesverachtender, aber zugleich auch besser ausgebildet und disziplinierter als die übrigen vinländischen Kämpfer. So gleichen sie die geringere Anzahl aus und bilden eine tödliche Gefahr, zumal die oft untereinander uneinigen und sich manchmal mißtrauisch, ja feindlich gegenüberstehenden Adelsherrschaften kaum jemals zulassen, daß sich die vinländischen Streitscharen zu einem wirklich großen Heerbann mit einiger Führung zu planvollem Wirken zusammenschließen. Hinzu kommt die große und wiederholt bewiesene Geschicklichkeit der voltarischen Anführer, dies besonders geschickt zum eigenen Vorteil auszunutzen.

So konnten die Voltarier vor etwa zweihundert Jahren tatsächlich die übrigen drei Inseln niederringen und fast vollständig unterwerfen und fast fünfzig Jahre lang herrschte Nexxon unangefochten, bis ein machtvoller Aufstand unter der Führung großer und seither legendärer Helden wieder die Freiheit gewinnen konnte. Aber niemand vermochte dann auch im Gegenzug Voltar zu erobern und diese Insel mehr als nur vorübergehend zu besetzen. Und Nexxon selbst konnte nur in seiner weltlichen Herrschaft gestürzt und aus seiner irdischen Existenz verbannt werden, doch mehr als einmal gelang es seinen Anhängern, ihn erneut zu beschwören und wieder erscheinen zu lassen. So weiß zur Zeit niemand mit Sicherheit, wie dieser Konflikt weiter gehen und ob und wann er wirklich ein Ende finden wird und mit welchem Ergebnis.

Nun aber haben die Geschehnisse auf dem Drachenfest zu Skollfjord im Jahre 999 bei aller ihrer Rätselhaftigkeit nach Meinung der an den Ereignissen direkt beteiligten wie der sie später untersuchenden Weisen eindeutig bewiesen, daß Nexxon ebenfalls ein Drache ist und es deren also sechs gegeben hat und gibt. Vieles bleibt weiterhin unsicher oder völlig unerklärlich, doch in Verbindung mit einigen anderen seltsamen und bisher nicht mit den Drachen in Verbindung gebrachten Überlieferungen herrscht über die nachstehend genannten Punkte bereits weitgehend Einigkeit. Hierbei ist darauf hinzuweisen, daß bisher nur wenige Adelige und sonstige Führungspersönlichkeiten Kenntnis über diese Dinge besitzen und die meisten Vinländer nach wie vor an die Fünf Drachen glauben.

Nexxon ist der Graue Drache und er wurde als Erster und Ältester geboren, also noch vor dem Grünen. Er ist oder war der Herrscher über die Gedanken, der Herr des Wissens und des Vergessens, aber auch der Träume und Visionen. Er schenkte den Sterblichen und Unsterblichen und auch seinen Drachenbrüdern Weisheit und Frieden und es heißt, daß durch sein Wirken im alten Vinland sogar Elben und Orks in Frieden miteinander lebten.

Aber auch Nexxon gehörte zum ewigen Kreislauf und daher gehörte zu ihm auch das Vergessen, so daß Wissen und Weisheit verloren geht und immer wieder neu erworben werden muß. Und deshalb behielten seine Drachenbrüder ihre hellen wie dunklen Seiten, da sie auch die lichten und die finsteren Gedanken dazu nicht verloren und verlieren durften.

So konnte Nexxon nicht verhindern, daß der Drachenkrieg ausbrach. Was aber dann geschah, bleibt unsicher. Das weitere Geschehen läßt aber die meisten Weisen vermuten, daß Nexxon in einem verzweifelten Versuch der Rettung die übrigen Drachen ihre bösen Gedanken vergessen zu lassen versuchte. Vielleicht führte dies dazu, daß er aufgrund seiner völligen Konzentration auf das dunkle Denken in sich selbst das Gleichgewicht verlor und ebenso einseitig wie vollständig dem Bösen verfiel. Andere meinen, daß er seinen Versuch nur dadurch erfolgreich durchführen konnte, daß er sämtliche dunklen Gedanken seiner Brüder in sich aufnahm und diese ihn dann überwältigten.

Für diese Meinung spricht, daß eigentlich nur diese direkte Übernahme von geistiger Macht erklären kann, daß seither Nexxon allen fünf anderen Drachen an Macht zumindest gleichwertig ist, was vorher sicherlich nicht der Fall war, denn sonst hätte er ja ihre Auseinandersetzung von vornherein unterbinden können. Weiterhin würde ein solcher Verlust der Hälfte ihres Wesens erklären, weshalb die Drachen aus der Welt gerissen wurden. Denn jetzt waren sie gleichsam einseitige Geschöpfe und nicht mehr in der Lage, Teil und vor allem beherrschender Teil des großen Kreislaufes zu sein. Man kann es sich so vorstellen, daß der Weltenkreis sie gleichsam wie nutzlose, ja kranke oder gar schädliche und gefährliche Teile abgestoßen hat.

Nur Nexxon vermochte in der Welt und auf Vinland zu bleiben. Dies mag daran liegen, daß er sich selbst ja nicht der Hälfte seines Wesens beraubte und damit seine gute Seite behielt, wenn diese auch offenbar völlig überwältigt und unterdrückt wurde. Wahrscheinlich diente auch mächtige Magie dazu, ihn in dieser Welt zu bewahren, denn diese spielte ja später stets eine große und offenbar entscheidende Rolle sowohl bei seiner Bannungen wie bei seinen Erweckungen durch seine Anhänger. Und die auf Voltar wie auch sonst im Zusammenhang mit ihm auftretenden Beschwörungen von Dämonen, Untoten und sonstigen Formen der schrecklichsten Schwarzen Zauberei zeigen, daß er und seine Daseinsform in weit größerem Umfang mit Magie verbunden ist, als sich aus seinem ursprünglichen Wesen erwarten und erklären ließe.

Dennoch scheint klar zu sein, daß der Schwarze Drachen keineswegs sein Verbündeter wurde, sondern zusammen mit seinen Brüdern gegen Nexxon steht. Wahrscheinlich benutzt dieser daher lediglich die von ihm aufgenommenen dunklen Gedanken des Schwarzen sowie die Hilfe von dessen Anhängern, also vor allem Magiern, die er verführte, wohl vor allem nach der Entrückung der Drachen.

Ungeachtet dessen, daß nun so manches Rätsel der Vergangenheit gelöst oder nicht mehr ganz so befremdlich erscheinen, bringen diese Erkenntnisse doch eher Sorge als Erleichterung und Hoffnung.

Denn nun wird klar, daß Nexxon als großer Alter Drache und zudem noch zusätzlich den zumindest teilweise übernommenen Kräften seiner Brüder ein viel mächtigeres, schon als gottähnlich oder gar gottgleich anzusehendes Wesen darstellt. Zwar scheint sein direktes Erscheinen und Wirken in dieser Welt und auf Vinland aufgrund seines Zustandes und der geschilderten Umstände nicht völlig gefestigt, so daß es bisher möglich war und wohl auch zukünftig noch sein wird, ihn zu bannen und an der direkten Machtausübung zu hindern. Aber selbst dann bleibt sein Einfluß wohl nicht nur in Voltar ungebrochen genug, um schlimmste Geschehnisse zu bewirken. Weiterhin steht fest, daß er auf diese Weise nicht wirklich besiegt oder gar vernichtet, sondern nur vorübergehend aufgehalten werden kann. Und zweifelsohne steht sein ganzes Trachten dahin, seine Bindung an die Welt wieder so zu festigen, daß zumindest mit den für Vinländer möglichen Mitteln keine Vertreibung mehr möglich ist. Hierfür sprechen nicht nur die Vernunft, sondern auch verschiedene bisher bekannt gewordenen Un-ternehmungen seiner Anhänger und niemand weiß, was bereits auf Voltar selbst getan und erreicht worden ist. Ganz ohne Zweifel aber werden diese Bemühungen über kurz oder langt erfolgreich sein und niemand zumindest auf Vinland scheint zu wissen oder auch nur eine Vorstellung zu haben, wie er dann noch aufgehalten werden könnte.

Die übrigen Drachen stehen zwar offensichtlich geschlossen gegen Nexxon, scheinen aber selbst bei Zusammenfassung aller ihrer Kräfte ihn gerade abwehren, aber keinesfalls besiegen zu können. Zweifelsohne werden sie die Vinländer wie bisher zu unterstützen versuchen, jedoch dürfte diese Hilfe kaum mehr als unterstützende Wirkung haben und somit allein auf keinen Fall ausreichen.

Bemerkenswert ist sicherlich, daß hier im Gegensatz zu den übrigen ein Drache mit seinem Namen bekannt ist, denn „Nexxon“ gehört keiner bekannten Sprache an und stellt daher wahrscheinlich wirklich seinen ursprünglichen und echten Namen dar. Allerdings weiß niemand, ob dieses Wissen irgendeinen hilfreichen Sinn hat und ob es überhaupt zu etwas nütze ist. Jedenfalls taugt es offensichtlich nicht dazu, etwa wie bei Dämonen durch Kenntnis oder zum Beispiel rituelles Aussprechen irgendeine Art von Einfluß oder gar Beherrschungsmöglichkeit auf dieses Wesen zu gewinnen.