Allgemeines

Eine kundige Beschreibung des Kultes und der Lehre von den Drachen wie auch der von den Alten und den Neuen Göttern sowie sonstigem Glaubens und Aberglaubens auf den Inseln

herausgegeben von Sandra Wolter, verfaßt von Michael Gruber

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Die Weltanschauungen und Religionen der Menschen und, soweit wir dies beurteilen können, wohl auch der Elben, Zwerge und sonstiger menschenähnlicher denkender Wesen und wohl auch, wenngleich in sicherlich besonders roher und dumpfer Form, bei den Orks und Trollen lassen sich in zwei großen unterschiedliche Gruppen teilen.

Da wie schon an anderer Stelle angesprochen auf Vinland drei verschiedene Kulte oder Religionen bestehen und gleichermaßen beachtet werden, die aber tatsächlich unterschiedlich zu diesen beiden großen Gruppen gerechnet werden müssen, sollen zunächst die Besonderheiten und Gegensätzlichkeiten der zwei Glaubensformen dargelegt werden. Denn allein hierdurch werden einige Eigentümlichkeiten und auch scheinbare Widersprüche des religiösen Lebens auf den Inseln begreifbar.

Die eine und wohl auch ältere und zur Zeit noch weitverbreiteste betrachtet die Weltordnung und die sich in ihr abspielenden Geschehnisse als großen Kreislauf oder besser als grundsätzlich unendliche Kette sich ständig wiederholender Zyklen. „Gut“ und „Böse“, „Hell“ und „Dunkel“, „Leben“ und „Tod“ sind hierbei keine sich gegenseitig gleichsam mit dem Ziel der Vernichtung bekämpfende Widersprüche, sondern gleich berechtigte und gleich wichtige, ja unverzichtbare Teile, ohne die „Bewegung“ gar nicht möglich wäre. Das „Böse“ ist hier also genauso wichtig wie das „Gute“ und seine Ausmerzung hätte letztendlich den Stillstand des Lebens und den Untergang der Welt zur Folge.

Auffälliges Merkmal solcher Religionsformen ist es, daß sie dieses „kreisende Gleichgewicht“ als ewig dauernden „Idealzustand“betrachten, den es lediglich aufrecht zu erhalten gilt und der keineswegs in eine „bessere Welt“ überführt werden muß. Hier gibt es eigentlich weder Anfang noch Ende und daher auch kaum eine Lehre über die Schöpfung selbst oder einen anderen anzustrebenden zukünftigen „besseren“ oder „vollendeten“ Zustand der Welt. Aufgabe der Menschen und sonstigen denkenden Lebewesen ist es daher, diesen Kreislauf zu bewahren und nicht, die „bösen Bestandteile“ zu beseitigen oder ihn sonstwie zu verändern.

Wenn die Anhänger solcher Anschauungen zumindest ihr eigenes Volk oder aber auch ihre gesamte Rasse durchweg als Vetreter der „guten“ oder „hellen“ Seite betrachten, so ist dies eher als eine „Rollenzuweisung“ zu betrachten. Der hauptsächliche Grund dürfte schlicht darin zu suchen sein, daß eine solche „gute“, „helle“ und gewissermaßen „geordnete“ Gruppe ihr Zusammenleben entsprechend geordneter und klarer gestalten kann, aber auch einfacher zu beherrschen ist als eine der „dunklen“ Seite, die zwangsläufig „finsteren“, ja vor allem „chaotischeren“ Prinzipien folgen muß. Hierdurch entwickelt sich kein besonders ausgeprägten „kollektives Überlegenheitsgefühl“ und entsteht hieraus nur selten ein „Herrschaftsanspruch“ im Sinne der „besseren“ Gruppe.

Natürlich sind sie menschlich oder auch elbisch und zwergisch genug, um anderen Gruppen gegenüber ein gewisses Gefühl der Überlegenheit zu entwickeln. Da diese aber als zwar mit einer „schlechteren Rolle“ bedacht, aber grundsätzlich als Bestandteil des Gesamtgleichgewichtes grundsätzlich notwendig betrachtet werden, ist zwar häufig durchaus eine gewisse Herablassung oder gar Verachtung festzustellen, aber kaum einmal der Drang, diese fremden Gruppen zu missionieren oder gar zu unterwerfen und sie in das eigene System einzubinden.

Die zweite große Gruppe sieht hingegen die Welt bzw. die Schöpfung als an sich einseitig „gut“ an und der „Hoch“- oder „Schöpfergott“ wird ebenso wie die üblicherweise vorhandene mehr oder weniger große Schar bei- und nachgeordneter sonstiger Gottheiten als einseitig „gut“, „hell“ und Vertreter des Prinzipes „Leben“ angesehen. Das „Böse“, „Dunkle“ und der „Tod“ werden hier nicht als natürliche Bestandteile des Gesamten betrachtet, sondern als „schlechte“ Elemente, welche die Schöpfung und die Weltordnung gefährden und daher bis zur Auslöschung bekämpft werden müssen. Daher sind sie auch keine ursprünglichen Bestandteile der Welt, sondern erst nachträglich in diese hineingebracht oder auch als Bestandteile des durch die „gute“ Schöpfung eigentlich besiegten, ja ausgemerzten „Ur-Chaos“ gleichsam wiederbelebt worden.

Verantwortlich hierfür sind zumeist entsprechend einseitig „böse“ Gottheiten, oft wie die „gute“ Seite in einen „Hochgott“ mit entsprechender Gefolgschaft unterteilt. Da die Schöpfung aber überwiegend eine ausschließlich nur noch „gute“ Welt geformt hat, handelt es sich hierbei regelmäßig und durchaus konsequent um ursprünglich ebenfalls „gute“, aber dann „gefallene“ oder sonstwie „untreu“ gewordene Gottheiten.

Diese Anschauungen streben also eine Veränderung der Welt in einen anzustrebenden Idealzustand an, wobei es sowohl Lehren gibt, daß eine ursprüngliche vollendete Schöpfung durch die bösen Mächte beschädigt wurde und somit mehr oder weniger wieder hergestellt werden muß, wie auch solche, die diesen Verlauf noch strenger linear sehen, also eine durchgehende langsame und mühsame, aber grundsätzlich gleichmäßige Entwicklung vom finsteren Chaos der Urzeit hin in einen idealen Endzustand. Durchweg gleich ist aber die Vorstellung der Vollendung in einer mehr oder weniger vom „Irdischen“ befreiten, ewig glücklichen, zeit-, todes- und oft auch körperlosen Existenzform.

Die Anhänger dieser Glaubensrichtungen sehen sich selbst naturgemäß durchweg ebenfalls auf der „guten“ Seite, leiten aber gerne und häufig weitaus heftigere Überlegenheitsgefühle und regelmäßig auch eigene Herrschaftsansprüche ab. Sie pflegen sehr oft eifrig zu missioniern und ihren Glauben sogar bisweilen mit blutiger Gewalt anderen Völkern aufzuzwingen. Denn den gegenwärtigen Zustand der Welt betrachten sie ja als noch unvollkommen, ja schlecht und sie wollen ihn nicht bewahren, sondern zu den ihnen erstrebenswert scheinenden Vorstellungen verändern. Die meisten großen und straff geführten imperialen Reiche der Vergangenheit und Gegenwart sind aus dieser Überzeugung heraus entstanden.

Auf den Inseln müssen nun der Kult der Drachen wie der der neuen Götter zweifelsohne der Lehre vom ewigen Kreislauf zugeordnet werden, während die Alten Götter ebenso klar einseitige Vertreter des „Guten“ im Vernichtungskampf gegen das „Böse“ darstellen. Somit ergibt sich für den Vinländer der offensichtliche Konflikt, gleichzeitig Glaubensinhalte mit widersprüchlichen, ja unvereinbaren Grundgedanken beachten und befolgen zu müssen.

Wie jedoch noch näher beschrieben werden soll, sind die dunklen und zerstörerischen „bösen“ Gegner der Alten Götter beziehungsweise der Weltordnung nach der nordländischen Mythologie zur Zeit jedoch sämtlich gefesselt, gefangen oder sonstwie gebunden oder auch in weit abgelegene Gegenden verdrängt worden. Zwar hat das Schicksal bestimmt, daß sie wieder loskommen und dann schreckliche Kriege und Schlachten das Weltenschicksal entscheiden werden, doch dies liegt in ungewisser und wohl noch ferner Zukunft. Daher wird das Böse in der Welt zur Zeit noch eher durch kleinere und weit weniger mächtige Vertreter verbreitet, niedere Geister und Dämonen, verführte Sterbliche und sonstige aufgegangene alte Saat, aber nicht mit der ganzen Macht und Gefährlichkeit der eigentlichen dunklen Gottheiten. Die „guten“ Menschen führen also eigentlich keinen direkten Kampf gegen das Böse oder besser, nur gegen schwache und weniger gefährliche Vertreter, und ein Teil der religiösen Praktiken dient auch allein dazu, sich auf den großen Endkampf vorzubereiten oder vielfach auch, dessen Beginn weiter hinauszuzögern, damit die gute Seite möglichst viele Kräfte sammeln kann.

Hierdurch gewinnt der vinländische Kult der Alten Götter tatsächlich etwas „Bewahrendes“, was für ihn eine gewisse Annäherung an die anderen Religionen des „Kreislaufes“ bewirkt und ihm vor allen Dingen nahezu restlos den Drang zur möglicherweise aggressiven Missionierung nimmt. Vertretern des Alten Glaubens geht tatsächlich diese Anpassung schon zu weit und führt in ihren Augen zum Verfall dieser altehrwürdigen Religion, was für sie dann natürlich auch den Verfall der vinländischen Werte und Kultur bedeutet.

Hierbei ist sowohl ein recht einseitiges fanatisches Vertreten des Glauben an die Alten Götter zu beobachten zusammen mit dem Bemühen, den Drachenkult sowie den der Neuen Götter zurück zu drängen, als auch gleichsam anders herum das Bestreben, Drachen wie Neue Götter im Sinne der Alten Götter zu deuten und ihre Lehren in diese Richtung zu verändern. Hierfür sollen noch verschiedene anschauliche Beispiele genannt werden. Genau aus diesem Grund wurde ja auch auf Vinland die als „Inquisition“ bezeichnete Einrichtung geschaffen, deren wichtigste Aufgabe im Gegensatz zu denen der meisten festländischen Organisationen dieses Namens neben der Bekämpfung der Schwarzen Magie ja die Bewahrung der wirklichen Inhalte der drei Religionen sowie ihre gleichwertige Stellung und Beachtung beinhaltet.

Trotzdem kann gesagt werden, daß solche Konflikte zeitlich wie örtlich nur vereinzelt auftreten, also kein allgemeines oder auch nur häufig zu nennendes Problem auf Vinland darstellen. Der Vinländer neigt eben von Natur aus wenig zu tiefschürfenden Gedanken über die Götter und den Sinn der Welt, geschweige denn zu spitzfindigen theologischen Diskussionen. Zudem besitzt er durchaus die ja gerade für seefahrende und weithandelnde Völker typische Toleranz zusammen mit dem ebenso charakteristischen Sinn für das Praktische und Vernünftige.

Die allermeisten Vinländer folgen tatsächlich allen drei Religionen in einer eher oberflächlichen Art, die sich zuallererst im ja zumeist auch geselligen, angenehmen und unterhaltsamen Begehen von Festen und Feiertagen ausdrückt. Natürlich kennt er Namen und Aufgabenbereiche der jeweiligen Gottheiten, ebenso den Sinn des Festes, der jeweiligen Rituale und sonstiger Vorschriften. Tiefergehende Gedanken macht er sich allerdings nicht darüber und es stört ihn auch zum Beispiel wenig, daß oft für den gleichen Zweck bei unterschiedlichen Festen ein Alter und ein Neuer Gott ebenso wie ein Drache Anrufung und Verehrung erhält.

Entscheidend ist für ihn vor allem, daß es „altehrwürdig“ ist – und alle drei Religionen oder Gottheiten sind nun einmal unbestritten auf Vinland „alteinsässig“ – und vor allem, daß es „funktioniert“. Das heißt, für ihn ist es maßgeblich, daß die treue Beachtung der Glaubensvorschriften ihm Sicherheit und in für Nordleute charakteristischen durchaus bescheidenen Weise auch Wohlergehen oder Wohlstand bringt. Geschieht dies trotz eifriger Bemühungen nicht, so wird er keineswegs die Existenz der betreffenden Gottheiten an sich bezweifeln, sondern sie für unfähig, geschwächt oder vielleicht auch nur unwillig in der Art eines unfairen Handelspartners betrachten. Wenn er einen solchen Kult dann vielleicht vernachlässigt oder gar einstellt, dann ist für ihn die Gottheit zwar weiterhin durchaus gegen-wärtig, stellt aber einfach keinen für ihn persönlich interessanten „Partner“ dar.