7-Sonstige Gruppen 2

Dîsir
Dieses Wort bedeutet etwa „weise Frau“ und ist heute übliche Bezeichnung sowohl für weibliche Vertreter der Goden, Druiden und Schamanen als auch für alle anderen Frauen mit besonderen Begabungen beziehungsweise Tätigkeiten. Es handelt sich daher hier um eine sehr große und äußerst vielfältige Gruppe, die nur sehr allgemein beschrieben werden kann.

Häufig vertreten sind hier Heilkundige, die zwar in dieser Hinsicht große Gemeinsamkeiten mit Druidinnen und Schamaninnen aufweisen, aber in der Regel an ihrem ansonsten eher weltlich ausgerichteten Leben unterschieden werden können. So wird eine Heilerin eine Traumreise nur in besonders schwierigen Fällen zur Erforschung einer bestimmten Krankheit beziehungsweise deren Ursache unternehmen und viele sind wahrscheinlich auch hierzu gar nicht in der Lage. Häufig bedienen sie sich nämlich lediglich bestimmter Gebete, Orakel und ähnlicher Verrichtungen, wie sie eher bei Priestern und Geweihten üblich sind. Zumeist können sie auch Runenmagie, selten aber sonstige Heilungszauber anwenden. Manche scheinen zu bestimmten Gottheiten in einem den Geweihten ähnlichen besonderen Verhältnis zu stehen, da sie manchmal durchaus erfolgreich regelrechte Wunderheilungen durch Gebete und Opfer erreichen können. Andere Dîsir sind als Wahrsagerinnen bekannt geworden. Sie benutzen hierzu sowohl bekannte Orakelformen, wie sie auch sonst und von Männern angewandt werden, aber viele verfügen über persönliche und oft recht geheimnisvolle Rituale, deren Beobachtung oft streng verboten ist. Soweit festgestellt werden kann, spielen hierbei Konzentration und Meditation eine herausragende Rolle. Offenbar wirkt sich hier aus, daß Frauen grundsätzlich ein tieferes Verhältnis und eine bessere Empfänglichkeit für übersinnliche Wahrnehmungen besitzen.

Recht häufig sind weise Frauen auch mit der Abwehr von Geistern, Gespenstern und Untoten beschäftigt. Die grundsätzliche Ablehnung schwarzmagischer Praktiken führt zwangsläufig auch vielfach zu abergläubischer Furcht vor solchen Erscheinungen, da sie ja wegen des Verbotes dem normalen Vinländer ja fast nie begegnen und er nicht an sie gewöhnt ist, obwohl er um ihre Existenz weiß. Unbekannte Gefahren erwecken aber bekanntlich die größte Furcht. Daher ist es vielfach noch üblich, bei wichtigen Ereignissen wie Geburt, Heirat, Mündigkeitserklärungen und ähnlichem ebenso wie beim Hausbau, bei der Aussaat und Ernte, beim Bau von Schiffen bei Aufbruch zu Reisen, bei wichtigen Geschäften und was derlei noch von Bedeutung sein kann, mittels Heranziehung einer Dîsir von vornherein das Erscheinen oder Wirken irgendwelcher böser Mächte auszuschließen.

Hierfür benutzen sie verschiedene kleinere Rituale und Amulette und ähnliches, welches selten den Eindruck wirklich großer Magie erweckt. Häufig werden auch Schutzrunen mit Zauberliedern eingesetzt oder andere charakteristische vinländische Bräuche angewandt. Sehr verbreitet ist auch bei Todesfällen die Angst vor Wiedergängertum oder anderem Spuk, so daß einige der Weisen Frauen in dieser Richtung besondere Fähigkeiten entwickelt haben.

Vieles von diesem klingt mehr nach einfachem Aberglauben als nach tatsächlichen übersinnlichen Gefahren. Die Dîsir finden sich daher überwiegend in eher dünn besiedelten Gebieten mit Einzelhöfen und nur kleinen abseits liegenden Ortschaften, wo überall auf der Welt zumeist solche eher schlichten Vorstellungen herrschen. In größeren Ortschaften und an den Adelshöfen gibt es zwar auch solche Frauen, die aber dann zumeist wesentlich tieferes und umfangreicheres Wissen besitzen und eher als Druidinnen oder ähnlich bezeichnet werden können, auch wenn man sie aus Gewohnheit durchweg ebenfalls als Dîsir ansieht.

Somit bezeichnet dieser Name eine sehr große und vielfältige Gruppe, die eben nahezu alle Frauen mit besonderen übersinnlichen Fähigkeiten umfaßt, wobei sich diese in unterschiedlichster Richtung und in verschiedenartigstem Umfang finden. Dementsprechend gibt es auch keine besondere Tracht. Viele Frauen haben jedoch nach längerer solcher Tätigkeit eine sehr persönliche besondere Form von Kleidung, Schmuck und anderem entwickelt, die wenn auch nicht ihren Stand, so jedoch ihre jeweilige Person äußerlich unverwechselbar machen.

Magier
Aufgrund der allgemeinen Ablehnung hoher und vor allem dunkler Magie sind Zauberkundige auf Vinland ein ausgesprochen seltener Anblick. Zudem werden die genannten Formen der erlaubten magischen Handlungen in bereits beschriebener Weise und in ausreichendem Umfang von Goden, Druiden, Dîsir und den übrigen anderen Ständen beherrscht und angewandt. Somit besteht grundsätzlich kein Bedarf an hauptberuflichen Zauberkundigen und ein Magier hätte es somit schwer, auf Vinland sein Auskommen zu finden.

Die Vinländer fühlen sich auch wesentlich beruhigter, wenn Zauberei von Personen angewendet wird, die eben durch ihre sonstigen Tätigkeiten besonders fest und tief den vinländischen Glaubensvorstellungen verbunden sind und von daher kaum in Versuchung geraten dürften, verbotene Pfade zu betreten.

Grundsätzlich darf jeder Zauberkundige Vinland besuchen und sich dort auch lange aufhalten oder auch niederlassen. Selbst Schwarzmagiern und Toten – oder Dämonenbeschwörern ist dies nicht eigentlich verwehrt. Eigentlich verboten beziehungsweise verfolgt ist die Beherrschung solcher Fähigkeiten an sich, sondern eben deren Anwendung. Ein solcher Zauberei Fähiger oder dessen Verdächtiger wird sich zwar an sich frei bewegen können, aber nahezu ständig unter vielseitiger mißtrauischer Beobachtung stehen und daher keinen besonders angenehmen Aufenthalt erleben.

Eine gewisse Ausnahme stellt die Insel Gronland dar. Der dortige Jarlfürst und auch einige hohe Adlige haben tatsächlich Magier in ihrem Gefolge. Es gibt vielerlei Gerüchte darüber, was an diesen Höfen an Dunklem bereits geschieht oder geplant und bald geschehen wird. Die Adligen jedenfalls versichern, diese Magier täten nichts Verbotenes und sie dienten nur dem Wissensaustausch und der Freundschaft mit dem Festland sowie der Forschung und Hilfe gegen Voltar und Nexxon, denn niemand wisse, was noch von dort in Zukunft Schreckliches drohen mag. Tatsächlich weiß jedermann von der schwarzen Magie der Insel Voltar. Daß dort die Heerscharen immer wieder mit Untoten verstärkt und zusätzlich auch mächtige böse Geister und Dämonen zur Hilfe beschworen werden, haben die Vinländer in den vergangenen Kämpfen ebenso schmerzhaft erfahren müssen wie die mächtigen Kampfzauber, über die manche voltarischen Priester verfügen. Immerhin gelang es bisher, solche Macht und diese Mächte mit den vorhandenen und erlaubten magischen Mitteln erfolgreich abzuwehren, und viele Vinländer sind daher überzeugt, daß dies auch weiterhin möglich sein wird.

Daher betrachten die meisten Vinländer die Magier an den gronländischen Höfen mit unvermindertem Mißtrauen und argwöhnen, daß dort noch ganz andere geheime Pläne und Absichten verfolgt werden. Der Jarlfürst und auch die anderen Adligen haben bisher jedoch keinerlei Verhalten gezeigt oder anderen Anlaß gegeben, der zu mehr als unbeweisbaren Vermutungen und allerlei Gerüchten Grundlagen liefern würde. Ob sie aber tatsächlich nur die von ihnen behaupteten ehrlichen und nützlichen Absichten verfolgen oder aber ihre wahren Ziele nur klug verschleiern, muß die Zukunft erweisen.

Barde
Die Bezeichnung stammt aus der Sprache des Alten Volkes und bedeutet schlicht „Sänger“. Tatsächlich handelt es sich heutzutage meist um einfache Sänger, die einzeln oder in Gruppen sowohl als Fahrende wie auch bisweilen in fester Anstellung bei einem Adligen ihre Zuhörer mit fröhlichen wie ernsten Liedern erfreuen. Neben überlieferten und wohlbekannten Weisen vermögen viele auch Lieder vorzutragen, deren Text und Melodie sie selbst geschaffen haben.

Wenn sich heute auch die meisten auf Unterhaltung und Kurzweil beschränken, so bildeten doch ursprünglich die Barden des Alten Volkes einen besonderen Zweig der Druiden. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, die Geschichte ihres Volkes und großer Persönlichkeiten in großen, oft episch gewaltigen Liedern festzuhalten und zu bewahren. Da gerade diese Aufgabe bei den Vinländern von den Skalden wahrgenommen wird, verlagerte sich das Betätigungsfeld der Barden verständlicherweise völlig auf die einfacheren und alltäglicheren Gesänge, die sicherlich schon immer einen Teil der Bardenkunst dargestellt haben.

Darüber hinaus beherrschten viel alte Barden auch die Kunst des Zaubergesanges, und von so manchem munkelt man dies auch heute noch.. Vieles bleibt bei diesen magischen Liedern im Dunkeln, aber es scheint vor allem zwei wichtige Arten zu geben. Dies sind zum einen die Spottgesänge. Diese beziehen sich normalerweise nicht auf eine Sippe oder noch größere Gruppe, sondern auf eine bestimmte einzelne Person und schmähen diese in zum Teil äußerst derben Worten. Diese pflegen das Ansehen des oder der Betroffenen derart nachhaltig zu schädigen, daß tiefstes Unglück bis hin zur Vernichtung der Existenz die nahezu unausweichliche Folge sind. Diese schlimmen Auswirkungen sollen Ergebnis der besonderen Magie solcher Lieder sein, aber es stellt sich natürlich die Frage, ob solches nicht auch zwangsläufig allein dadurch eintritt, daß alle Beteiligten einschließlich der Betroffenen selbst von der unausweichlichen Wirkung so fest überzeugt sind, daß sie das Ergebnis letztendlich allein durch ihr entsprechendes Handeln und Verhalten selbst herbeiführen.

Solche Spottlieder werden von Barden meist nur in eigener Sache angewendet und nur sehr selten gegen Entlohnung für einen Dritten. Sie stellen also hauptsächlich ein besonderes Schutz- und Rachemittel etwa bei Verweigerung vereinbarten Lohnes, Strafmaßnahmen eines durch den Gesang beleidigten Adligen oder sonstiger ungerechter Behandlung dar. Die Furcht vor solch einer magischen Rache, aber mehr noch schon die grundsätzliche Ehrlichkeit der Vinländer allein sorgt dafür, daß solche Gelegenheiten recht selten entstehen. Andererseits muß ein nun wirklich schlechter Barde schon damit rechnen, für seinen jämmerlichen Vortrag nicht mit Geld, sondern mit einem unter Umständen recht schmerzhaften Hinauswurf und vielleicht noch Ärgerem wie einem Bad in der Senkgrube belohnt zu werden, denn die Vinländer gehen bei einem solchen Nichtskönner recht trocken davon aus, daß dieser dann wohl kaum einen halbwegs wirksamen Spottgesang zustande zu bringen vermag.

Die andere Gruppe wird von den Schlachtliedern gebildet. Diese sollen den eigenen Kriegern unbändigen Kampfesmut eingeben oder aber bei den Feinden Angst und Panik erzeugen. Es heißt, daß wirklich mächtige magische Gesänge dieser Art auch bei einfachen Kriegern eine derartige Wut und Unempfindlichkeit gegen Schmerzen erzeugen, wie sie sonst nur echte Berserker entwickeln, und andererseits bei den tapfersten und entschlossensten Feinden durch Vorgaukelung schrecklichster Visionen oder sonstiges Erzeugen unglaublicher Ängste völlige Panik und wilde Flucht bewirken können. Aber auch hier ist daran zu erinnern, daß ein machtvoller und düsterer Gesang allein schon durch seinen kraftvollen Vortrag vieles von diesen Wirkungen auf natürliche Weise erreichen kann, und auch hier ist zu fragen, ob selbst die geschilderten stärksten Wirkungen nicht auch hier statt durch wirkliche magische Wirkung einfach durch den festen Glauben hieran erklärt werden können.

Hierfür spricht auch, daß bisher kein Fall bekannt wurde, wo ein Zauberkundiger oder auch ein Inquisitor beim Vortrag eines solchen Liedes tatsächlich eine magische Aura oder ähnliches feststellen konnte. Falls es sich also wirklich um Zauberei handelt, muß diese sehr ungewöhnlicher und ansonsten unbekannter Art sein. Daher werden diese Gesänge auch von den ja an sich solche Magie scharf ablehnenden Vinländern geduldet, wenn wohl auch mit Unbehagen. Die Barden selbst haben bis heute bestritten, daß sie bewußt oder gezielt Magie einsetzen und stets auf die ja unbestritten große Wirkung der Musik auf das menschliche Gemüt und die Seele verwiesen.

Es soll auch noch weitere magische Gesänge von Barden mit schrecklicher Macht und grausiger Wirkung geben. Was hierüber jedoch zu erfahren ist, geht über einige dunkle und widersprüchliche Gerüchte nicht hinaus und entzieht sich daher jeder weiteren Untersuchung.

So umgibt die Barden auf Vinland eine gewisse Aura des Mächtigen und Geheimnisvollen, denn kein Vinländer ist sich sicher, ob nicht selbst ein völlig harmlos wirkender und nur einfache fröhliche Lieder zur Unterhaltung vortragender Sänger nicht doch insgeheim auch über solche furchterregenden dunklen, ja magischen Fähigkeiten verfügt.

Skalde
Der Stand des Skalden ist eine besondere Form des Sängers auf Vinland und auch bei einigen anderen Nordvölkern. Wörtlich bedeutet der Name allerdings „Dichter“, woraus abgeleitete werden kann, daß das Texten der Lieder die ursprüngliche und auch gegenüber der Melodie wichtigere Kunstform darstellte. Tatsächlich werden etliche alte und auch manche neu geschaffenen Dichtungen gesprochen vorgetragen und die Melodien von anderen gemahnen eher an einen einfachen Sprechgesang wie an ein wirkliches Lied. Dessenungeachtet gibt es auch sehr schöne und klangreiche wirkliche Gesänge.

Die Dichtkunst der Skalden ist wirklich sehr außergewöhnlich und unverwechselbar. Neben dem auch anderswo beliebten Endreim wird sie allem durch den sogenannten Stabreim gekennzeichnet. Diese Bezeichnung spielt allerdings entgegen einigen mittelländischen Lästereien keineswegs auf sozusagen hölzern wirkende Verse an, sondern darauf, daß ursprünglich Stabreime nur zur Formulierung kurzer religiöser oder auch magischer Formeln diente und diese üblicherweise auf hölzernen Stäben eingeritzt waren, da sie bisweilen auch für Orakel oder andere Rituale eingesetzt wurden und auf diese Weise auch bequem unterzubringen waren. Tatsächlich sind ja auch die Runen wenig tauglich als Schreibschrift auf Papier oder Pergament, aber sehr gut geeignet für Ritzungen in Holz oder Stein und offensichtlich genau für diese Verwendung entwickelt worden.

Die auffälligste Besonderheit des Stabreimes liegt darin, daß in einem vers zwei oder mehr Worte miteinander staben, das heißt mit dem gleichen Anfangsbuchstaben beginnen. Alle gelten grundsätzlich nur solche Worte als Stäbe, die auf der ersten Silbe betont werden.

Aus dieser zunächst recht einfachen Regel haben sich eine Reihe zum Teil sehr komplizierter Stile und Versformen entwickelt, die als Töne bezeichnet werden, wie den Schönen, den Hohen, den Verschlungenen oder den Breiten Ton. Sie unterscheiden sich vor allem durch unterschiedliche, aber jeweils streng festgelegte Abfolgen von Hebungen und Senkungen wie auch von langen und kurzen Silben. Zumeist ist auch die Anzahl der Silben in jeder Zeile vorgeschrieben oder zumindest eingegrenzt. In einigen Stilen werden die Stäbe zum Beispiel auch sehr sparsam eingesetzt und erscheinen nur in einigen wenigen Zeilen zur gezielten Hervorhebung besonders wichtiger oder dramatischer Stellen. Tatsächlich entwickeln einige besonders meisterhafte Stabdichtungen auch beim gesprochenen Vortrag bereits eine regelrechte Melodie mit großer klanglicher Schönheit.

Eine weitere Besonderheit der Skaldendichtung besteht in den sogenannten Kenningen, einer Art von Kunstworten, die einzelne und oft durchaus alltägliche Begriffe durch kunstvolle und kompliziere Umschreibungen ersetzt, die oft nur Vinländern nachvollziehbar sind. So mögen auch die meisten Mittelländer erkennen, daß eine Bezeichnung wie Wellenreiter oder Meeresstute schlicht ein Schiff bezeichnen soll, aber Umschreibungen wie Gischtjungfrau oder Salzholz erfordern schon gute Kenntnisse der vinländischen Sprach- und Bilderwelt, um die richtige Bedeutung zu erkennen und nicht groben Fehldeutungen zu erliegen. Oft gibt jedoch der Zusammenhang im Text hinreichend Hinweise. Dies ist auch deshalb so wichtig, weil neben etlichen beliebten und entsprechend bekannten Kenningen die Skalden immer neue Wendungen erfinden und dabei häufig möglichst ungewöhnliche und überraschende Gedankenverbindungen oder Bildvorstellungen anstreben. So muß man zum Beispiel erst einmal darauf kommen, den menschlichen Arm einschließlich Hand und Finger mit dem Stamm und den Ästen eines Baumes zu vergleichen und daher als Schulterbaum zu bezeichnen.

Manche Kenninge spielen auf die historische und mythologische Überlieferung der Vinländer an. So bezieht sich ein Ausdruck wie Grân´s Last auf das treue Streitroß des sagenumwobenen Sigfrôd Sigmundson, eines der größten vinländischen Raubfahrers. Dessen Pferd hat natürlich außer ihm selber so mancherlei zu tragen gehabt, aber die größte überlieferte Last bestand aus dem Goldschatz des Regin Drachenhelm, eines besonders berüchtigten und wegen eines seltsamen magischen Schutzes nahezu unbesiegbaren Räubers in den rauhen Hochebenen von Norgay. Sigfrôd trat ihm allein entgegen, erschlug ihn nach schrecklichem Kampf und auch auf nicht ganz ehrliche Weise, was ihn natürlich nicht hinderte, den Schatz des Räubers an sich zu nehmen. Dieser war im Lauf der Jahre zu gewaltiger Größe angewachsen, und da Sigfrôd von niemanden als von seinem Pferd begleitet wurde, konnte er nur eine Anzahl von Stücken aus reinem Gold auswählen und dem armen Grân aufladen. Den größten Teil mußte er aber zurücklassen, und da er ihn auch später nicht mehr abholte, suchen ihn manche Vinländer noch heute. Grân aber schleppte so schwer an seiner Last, daß sein Herr trotz einer schlimmen Beinwunde den langen und schweren Rückweg zu Fuß bewältigen mußte. Grân´s Last ist also eine Umschreibung für Gold, aber diese Art von Kenningen richtig zu deuten erfordert offenkundig eine gründliche Kenntnis vinländischer Überlieferungen. Daher werden solche hoch entwickelten und verschlungenen Dichtungen nur vor entsprechend gebildeten Publikum, also zumeist an Adelshöfen vorgetragen.

Stabdichtungen und Stablieder gleich welcher Art werden immer nur von einzelnen Sängern und nie in Gruppen vorgetragen. Da ihre Kunst viel gebundener und damit schwerer zu beherrschen ist als die der Barden, gibt es deutlich weniger Skalden und sind diese auch häufiger in fester Anstellung an Höfen zu finden, zumal sie ja auch immer noch zu den wichtigsten Bewahrern der Überlieferung gehören. Daneben gibt es jedoch auch noch etliche fahrende Skalden, die einfacher und volkstümlicher dichten. Diese sind gern gesehene Gäste in Schenken und Gasthäusern wie auch auf Märkten und Festen. Zumeist beherrschen sie auch schon kaum noch von der Bardenkunst unterscheidbare Lieder zum Mitsingen, die fast keine oder nur noch einfache Stäbe und Kenninge enthalten.

Die Inquisition
Die Inquisition wurde vom Fürstenrat geschaffen, wird von diesem besetzt und ist diesem gegenüber berichts- und rechenschaftspflichtig.

Wie leicht zu erkennen ist, handelt es sich damit um eine Einrichtung, die außerhalb der demokratischen politischen Instanzen steht und damit – wie der Fürstenrat selbst – deutlich ein Element des sich allmählich entwickelnden Feudalismus darstellt. Dementsprechend ist ihre Stellung auch innerhalb des vinländischen Adels und natürlich vor Allem bei dessen eher konservativen Vertretern ziemlich umstritten.

Obwohl die Einrichtung wie ja auch die Bezeichnung aus dem Mittelländischen stammt und die Aufgabenstellung ebenfalls die religiösen Angelegenheiten betrifft, weist die vinländische Inquisition doch einige Besonderheiten auf.

Ausgangspunkt ist die ziemlich ungewöhnliche Tatsache, daß auf Vinland ja drei deutlich unterschiedliche Religionen gleichberechtigt nebeneinander bestehen, nämlich die Kulte der Drachen sowie der Alten und Neuen Götter. Speziell der Adel hat jedoch besonders großes Interesse daran, daß zumindest zur Zeit noch alle drei gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Neuen Götter könnten einmal die übrigen Kulte verdrängen und für eine neue Ordnung stehen, und mache Vinländer hegen den Argwohn, daß einige Adelige sie sehr weltlich zur ideologischen Begründung einer absolutistischen Machtposition mißbrauchen wollen, also zur endgültigen Einführung und Behauptung des Feudalismus mit dem Adel als über dem Volk stehende, vielfach privilegierte und weitestgehend unangreifbare Oberschicht.

Der Glaube an die Alten Götter ist zwar weitestgehend zerfallen und besteht nur noch aus einem unübersehbaren Wust unterschiedlichster lokaler Kulte ohne einheitliches Gerüst. Wegen des grundsätzlich sehr ausgeprägtem Konservatismus der Vinländer ist er aber für alle Adeligen gleichermaßen von Wichtigkeit. Der feudalistisch orientierte „moderne“ Teil des Adels sieht sich zur Zeit geradezu gezwungen, demonstrativ die „alten Werte“ zu unterstützen, da sonst seine Politik der Förderung der Neuen Götter sehr schnell offenen Widerstand finden würde. Denn zahlreiche Vinländer würden eine so einseitige radikale Veränderung dann doch nicht widerspruchslos dulden, während sie bei einer behutsamen Einführung neuer Gedanken und Einrichtungen viel geduldiger oder besser gleichgültiger reagieren, wenn man ihnen nur selbst ihre alten Gewohnheiten beläßt. Zudem verhindert die fehlende Einheitlichkeit und damit übergreifende Struktur dieser alten Religion, daß eine organisierte, zentral geleitete Priesterschaft eine ernst zu nehmende Opposition bilden könnte.

Der konservative Adel hingegen hat naturgemäß lebhaftes Interesse an der Bewahrung der Verehrung der Alten Götter, da diese natürlich eindeutig auch für die alte Struktur der Gefolgschaftsgesellschaft stehen.

Die Neuen Götter werden auch von den konservativen und denjenigen Adeligen anerkannt, die sie nicht für angestrebte gesellschaftliche Veränderungen mißbrauchen wollen. Dies ergibt sich einfach aus der Tatsache, daß es sich um die alten „einheimischen“ Gottheiten handelt, die praktisch das älteste und unaufhebbare Anrecht besitzen, auf Vinland verehrt zu werden. Die religiöse Grundüberzeugung der Vinländer wird noch überwiegend von der Vorstellung der Stammes- und Territorialgötter geprägt und kaum von der Idee universeller Weltgötter, die hierarchisch lokalen Götter übergeordnet sind. Einfach ausgedrückt, bei der erfolgreichen Eroberung eines neuen Gebietes würden Vinländer die dort „ansässigen“ Gottheiten nicht als von ihren eigenen „unterworfen“ oder gar vertrieben ansehen, sondern vielmehr so, daß diese Gottheiten zwar weiterhin die Herrschaft über das betreffende Gebiet uneingeschränkt behalten, aber gleichsam zu den Vinländern „übergelaufen“ sind, also nunmehr statt der bisherigen Einwohner die Vinländer bevorzugt beschützen und als „ihr Volk“ betrachten. Die bisher verehrten heimatlichen Götter kommen zwar hinzu und fassen dort auch Fuß, bleiben aber mehr oder weniger „persönliche“ Götter der einzelnen Vinländer und beherrschen höchsten den eigentlichen Grundbesitz eines Verehrers, aber keineswegs das gesamte Gebiet.

Übrigens werden ja einer Landung mit dem Ziel einer Eroberung von den Vinländern tatsächlich verschiedene Rituale durchgeführt, um die dort herrschenden Gottheiten zu veranlassen, auf die Seite der Vinländer überzutreten und den Schutz ihrer bisherigen einheimischen Verehrer aufzuheben.

Diese Auffassung erklärt daher auch, daß auf den vinländischen Inseln selbst, die ja ebenfalls nicht die Urheimat, sondern neubesiedeltes Land der Vinländer darstellen, die Alten Götter nur in Form solcher persönlichen oder lokalen Kulte verehrt werden und dies niemand als „Verfall“ der Alten Religion ansieht. Die Einrichtung einer Hierarchie „gesamtvinländischer“ Alter Gottheiten wäre den Nordleuten daher nicht einmal dann in den Sinn gekommen, wenn sie seinerzeit die Insel mit Gewalt militärisch erobert und die Elfen beziehungsweise das Alte Volk unterworfen und vertrieben oder ausgerottet hätten (denn die eigentliche Landnahme erfolgte ja friedlich und der nahezu vollständige Rückzug der eigentlichen Ureinwohner nach Hae Brâzil war ja eine Folge der späteren Drachenkriege).

Was jedoch die Drachen betrifft, so ist die Erinnerung an ihre tatsächliche körperliche Existenz und direkte Herrschaft auf Vinland noch so klar und das indirekte Wirken ihrer Kräfte heute noch so vielfältig und zweifelsfrei festzustellen, daß niemand die Berechtigung und Notwendigkeit ihrer Verehrung auch nur zu bezweifeln wagen würde.

Somit sind alle Vinländer und auch alle Adeligen trotz ihrer zum Teil aufgrund ihrer politischen Absichten unterschiedlichen Motivation im Ergebnis völlig einig, daß auf Vinland alle drei Religionen gleichmäßig und gleichwertig bewahrt und gefördert werden müssen.

Nun liegt es aber in der Natur der Menschen, daß er eher dazu neigt, an eine einzige Lehre zu glauben und diese auch dann für seine gesamte Weltsicht und Lebensgestaltung zu verwenden, wenn diese eigentlich nicht dafür gedacht ist und auch nicht dazu taugt. Daher besteht auf Vinland klar die Gefahr, daß vor allem die Angehörigen des einfachen Volkes statt der ja gedanklich anspruchsvollen Befolgung dreier zum Teil verschiedener Lehren sich mehr oder weniger nur einer zuzuwenden und die übrigen zu verdrängen.

Somit ist es die Aufgabe der vinländischen Inquisition weniger wie bei mittelländischen Einrichtungen dieser Art, die Befolgung einer bestimmten Religion absolutistisch zu sichern und neben Ungläubigkeit auch Irrgläubigkeit zu verfolgen, also ketzerische Abweichungen von den einmal festgelegten Dogmen, sondern vielmehr, die gleichmäßige Beachtung aller drei Lehren zu sichern.

Tatsächlich spielt hierbei „Ketzerei“ kaum eine Rolle. Bekanntlich wird ja zum Beispiel auf jeder Insel jeweils ein Drache in besonders herausragendem Maße verehrt und auch bei den Neuen Göttern stehen meist nur einzelne bestimmte Gottheiten im Mittelpunkt und weniger deren Gesamtheit, während ja bei den Alten Göttern eine solche Gesamtlehre ja schon seit langem überhaupt nicht besteht. Für keinen der drei Kulte gibt es daher so etwas wie eine dogmatische, für ganz Vinland einheitliche Form. Die Inquisition interessiert sich daher außer vielleicht in krassen Ausnahmefällen weniger dafür, wie nun genau jeweils ein Kult ausgeübt wird, sondern nur, daß alle drei gleichmäßig praktiziert und gleich wichtig sind.

Die zweite wichtige Aufgabe der Inquisition ist die nun allerdings unnachgiebige und gnadenlose Verfolgung jeder Art von auf Vinland verbotener Magie. Da aber Magie eben keineswegs grundsätzlich verfemt ist, sondern lediglich bestimmte Formen und diese manchmal auch nicht absolut, sondern nur hinsichtlich des Anlasses beziehungsweise des Umfanges der Anwendung, ergibt sich hierdurch eine sehr komplizierte und äußerst schwierige Aufgabenstellung, da natürlich viele Grenzfälle auftreten, die unter Umständen sehr unterschiedliche Beurteilungen und Wertungen zulassen.

Da nun fast von jedem Vinländer eine für verboten angesehene Magieanwendung geradezu leidenschaftlich bekämpft und eine für zulässig erachtete entsprechend vehement verteidigt wird, sind somit häufige scharfe Auseinandersetzungen der Inquisition mit der örtlichen Bevölkerung beziehungsweise den örtlichen Adeligen nahezu unvermeidlich. Beauftragte der Inquisition bedürfen daher einer glücklichen Mischung aus Einfühlungsvermögen, dip-lomatischen Geschick und Durchsetzungsfähigkeit, müssen also in ganz besonderem Maße Autorität in jeglicher Hinsicht besitzen.

Noch mehr charakterliche Reife erfordert die Verfolgung verbotener Magie, die zwangsläufig besonders gute Kenntnisse der Magie erfordert und auch deren machtvolle Anwendung, da ja gerade Benutzer unerlaubter Praktiken und Formen sich ja möglichst wirkungsvoll durch Schutzzauber und andere Magie gegen Entdeckung zu schützen versuchen. Diese Aufgabe stellt also geradezu eine Gradwanderung dar, denn sie birgt sowohl die Gefahr, in gerechtem Eifer zur Überwindung starken Widerstandes selbst verbotene Magieformen und -techniken anzuwenden, als auch die ständige Auseinandersetzung mit der gefährlichen Verführung, welche die Beschäftigung und mögliche eigene Nutzung gewaltiger Machtmittel bedeutet.

Grundsätzlich wird für jede Insel ein Inquisitor bestellt, das heißt natürlich praktisch deren drei für Norglaw, Gronland und Norgay. Dieser hat seinen Sitz am Hofe des jeweiligen Jarlfürsten und wird auch von diesem samt seinem notwendigen Gefolge unterhalten. Der Jarlfürst kann seinen Inquisitor jedoch weder ernennen noch abberufen, dieses obliegt vielmehr allein dem Fürstenrat. Hierdurch soll natürlich persönliche Beeinflußung vermieden und größtmögliche Neutralität und gleiche Amtsführung erreicht werden.

Das Gefolge eines Inquisitors besteht aus einem knappen Dutzend persönlicher Bediensteter und Gehilfen sowie einer etwa gleich starken persönlichen Leibwache. Diese schützt ihn vornehmlich bei seinen reisen und Aufenthalten außerhalb des Jarlfürstensitzes. Normalerweise werden solche Reisen nur unternommen, wenn von dritter Seite eine entsprechende Anforderung oder Anklage erfolgt oder aber der Inquisitor selbst eine hinreichend begründeten Verdacht hegt.

Da auf Norgay zur Zeit kein Jarlfürst herrscht und damit weder ein Amtssitz noch ein zum Unterhalt verpflichteter Adeliger bezeichnet werden kann, gibt es dort keinen eigenen Inquisitor und ist der von Gronland zuständig. Der Inquisitor von Gronland unternimmt daher nicht nur auf Anforderung oder sonstigen konkreten Anlaß hin, sondern regelmäßig Reisen nach Norgay, wobei er durch wechselnde Zeitpunkte und Auswahl der besuchten Adelssitze sicher zu stellen versucht, trotz der räumlichen Trennung eine einigermaßen feste Kontrolle zu bewahren. Naturgemäß hat dies seine Beliebtheit auf Norgay nicht gerade gefördert.

Grundsätzlich besitzt der Inquisitor wenig wirkliche Befugnisse oder Machtmittel außer der Tatsache, daß er im Auftrag des Fürstenrates handelt und damit eigentlich auch im Auftrag des Adeligen, in dessen Machtbereich er jeweils sein Amt konkret ausübt. Daher ging der Fürstenrat - vielleicht etwas blauäugig, aber wohl auch mit Hintergedanken – davon aus, daß der örtliche Adelige ihn schlicht und einfach unterstützt und notwendige Maßnahmen in enger Zusammenarbeit vornimmt beziehungsweise entsprechende Mittel zur Verfügung stellt. Natürlich stellt dies allein schon durch die angesprochenen Schwierigkeiten bei der Beurteilung der Fälle und der erforderlichen Maßnahmen eine ebenso unzureichende Regelung dar wie die Möglichkeit des Inquisitors, den ihm Widerstand leistenden Adeligen vor dem Fürstenrat an-zuklagen, diesem allzu sehr Kopfschmerzen bereiten wird.

Die ja auch noch sehr junge Einrichtung der Inquisition weist also zur Zeit noch viele Mängel auf, die sicherlich zu einem großen Teil auf die höchst unterschiedlichen Beweggründe der Adeligen zurück zu führen sind, die sie seinerzeit zur Zustimmung bewogen haben. Zweifellos müssen noch zahlreiche und grundsätzliche Verbesserungen und Veränderungen zu diesem Amt beschlossen werden, wobei aber aufgrund der unterschiedlichen Vorstellungen kaum abgeschätzt werden kann, wie die Entwicklung der vinländischen Inquisition in Zukunft verlaufen wird.

Der Fürstenrat
Der Fürstenrat ist auch eine sehr junge Einrichtung auf Vinland. Eingerichtet wurde er im Zuge des zunehmenden sanften Handels und der sich anbahnenden politischen Beziehungen zu den Mittellanden. Äußerer Sinn war es, die an sich ja voneinander unabhängigen Inseln festländischen Vertretern gegenüber als Einheit erscheinen oder zumindest mit einer Stimme sprechen zu lassen.

Scheinbar „zufällig“ und von der Sache her naheliegend beschäftigte sich dann der Fürstenrat auch mit inneren Fragen Vinlands und begann hier allgemein verbindliche Beschlüsse zu fassen. Tatsächlich und von mancher Seite wohl zu Recht dahingehend verdächtigt, entsteht hier allmählich eine Art zentrale Regierung für Vinland.

Hierfür sprechen mehrere Gründe. Schon die Selbstbezeichnung als „Fürstenrat“ signalisiert eine deutliche Absicht, hier ein von den traditionellen Einrichtungen der Gefolgsschaftsstruktur losgelöstes Gremium zu schaffen („Fürst“ ist ja kein traditioneller vinländischer Adelsrang und die Bezeichnung „Rat“ signalisiert auch eine äußere Unterscheidung zur altehergebrachten Ratsversammlung des „Thing“).

Weiterhin besitzen nur die Jarlfürsten einen festen Sitz im Fürstenrat. Zusätzlich wird jede Insel noch von fünf weiteren Hersiren vertreten, die aber der jeweilige Jarlfürst selbst auswählt und beruft. Somit kann sich jeder Inselherrscher für den Fürstenrat eine mehr oder weniger willige Gefolgschaft zusammenstellen, zumal hinsichtlich des Adelsrang keine Vorschriften bestehen. Er ist also keineswegs daran gebunden, die tatsächlich mächtigsten und bedeutendsten Herren seines Einflußgebietes zu ernennen, sondern kann sich auch für einfache Hetmanen entscheiden. Es ist sicherlich ein Problem besonderer Art, seine einflußreichsten Nachbarn zu übergehen, aber sicherlich ist den Jarlfürsten hier ein weiteres Instrument in die Hand gegeben worden, ihre Position zu einer absoluten Herrschaft auszubauen.

Im Vergleich zu den traditionellen Herrschaftsstrukturen auf Vinland stellt es schon eine ziemlich durchgreifende Neuerung dar, daß der Fürstenrat zum Beispiel mit der Inquisition ein Gremium schafft, daß zwar – wenn auch zur Zeit praktisch noch recht eingeschränkte – direkt in die Verantwortung der örtlichen Herrschaften eingreift, aber ausschließlich ihm selbst verantwortlich ist.

Ein gewisses Hindernis in dieser Entwicklung stellt zur Zeit die Tatsache dar, daß auf Norgay kein Jarlfürst regiert. Hier war keine andere Lösung durchzusetzen als die, daß die dortigen Hersir auf ihrem Adalthing selbst sechs Vertreter für den Fürstenrat auswählen, von denen einer als „Sprecher“ der Gruppe funktionell den Jarlfürsten ersetzt. Daher konnte der Fürstenrat einige weitere Schritte im Aufbau zur Zentralmacht noch nicht beginnen, da zu Zeit noch der äußere Anschein gewahrt werden muß, es ginge lediglich um vernünftige Vereinfachungen unter Wahrung der traditionellen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, und dies natürlich nur möglich ist, wenn alle Mitglieder und Beteiligten tatsächlich die gleichen Ziele verfolgen. Da aber beim Aufbau eines Adelsfeudalismus und einer hierarchischen Lehenspyramide gerade die kleineren beziehungsweise weniger einflußreichen Adeligen im Vergleich zu ihrer derzeitigen gleichberechtigten Position am meisten zu verlieren haben, aber naturgemäß die Mehrheit darstellen, konnten sie natürlich gerade solche Vertreter für den Fürstenrat bestimmen, die dieser Entwicklung feindlich oder zumindest mißtrauisch gegenüber stehen. Diese inneren und naturgemäß nur sehr verdeckt ausgetragenen Zwistigkeiten lassen bei der Arbeit des Fürstenrates zur Zeit nur wenig Wirksames zu.

Auffälligstes Beispiel hierfür sind die letzten Auseinandersetzungen mit Nexxon und den Voltariern, die ja durchweg von wechselnden örtlichen Machthabern geführt wurden. Ungeachtet der ja gerade darauf ausgerichteten Strategie Voltars war jedoch auffällig, wie wenig der Fürstenrat die vinländischen Maßnahmen lenken oder zumindest einheitlich gestalten konnte. Die praktisch einzige durch ihn bewirkte gemeinsame vinländische Maßnahme war die Einsetzung eines Präfekten über das (scheinbar) unterworfene Voltar, wobei dann nach etlichem Gezänk ein Kompromißkandidat bestimmt wurde, der sich ja als krasser Fehlgriff mit schlimmen, nur mühsam abgewehrten Folgen erwies.

Die sonstige Bevölkerung
Auch heute noch stellen die Bauern den weitaus überwiegenden Teil der Bevölkerung. Im Durchschnitt kann gesagt werden, daß von 10 Vinländern 7 ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft bestreiten. Bemerkenswert und durchaus üblich in nordischen Ländern ist der hohe Anteil an Viehzucht gegenüber dem Ackerbau. Selbst in besonders günstigen und fruchtbaren Gegenden mit reichlich Feldwirtschaft hält sich jeder Bauer noch etwas Vieh, und zwar üblicherweise über den eigentlichen Eigenbedarf hinaus. Gut die Hälfte aller Höfe hingegen betreiben ausschließlich Viehhaltung und beschränken den Ackerbau auf kleinere Obst- und Gemüseflächen, die ebenso wie der unvermeidliche Kräutergarten im wesentlichen nur der eigenen Ernährung dienen. In waldreichen oder ähnlich vorteilhaften Gebieten verzichten viele Höfe sogar auf diesen bescheidenen Anbau und decken ihren Bedarf durch Sammeln von wilden Pflanzen und Früchten.

2 von 10 Vinländern bestreiten ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus der Fischerei, da die Küsten oft sehr reiche Fanggründe bieten. Hier wird häufig die pflanzliche Nahrung durch Sammeln von Tang und Seegras ergänzt, in unfruchtbaren und rauhen Gegenden sogar allein hierdurch gewonnen. Insbesondere auf Norglaw besteht unter besonders schwierigen Bedingungen noch regelmäßig eine inzwischen auch von anderen Vinländern als recht unap-petitlich angesehene Eßgewohnheit. Und zwar werden die bitteren und unverträglichen Moose und Flechten der steinigen Hochebenen den Vormägen geschlachteter oder erjagter Wiederkäuer entnommen, da sie dort zur Vorbereitung des Wiederkäuens entbittert und damit grundsätzlich für den menschlichen Verzehr verträglich gemacht wurden. Die hieraus bereiteten Gemüsekugeln sollen angeblich gar nicht einmal schlecht schmecken, ähnlich wie Sauerampfer.

Die Trennung zwischen Fischern und Bauern ist in manchen Küstengebieten nicht klar zu erkennen, da dort auch Bauern gerne auch in an sich kaum ergiebigen Gründen ein wenig Fischfang betreiben.

9 von 10 Vinländern sind also Bauern oder Fischer. Die übrigen verteilen sich neben den gesondert beschriebenen Gruppen und Ständen auf die auch sonst anzutreffenden Berufe, wobei wegen der noch weitaus überwiegenden Holzbauweise natürlich Zimmerleute erwähnenswert sind, ebenso Bergleute und Schmiede. Da der sanfte Handel auf Vinland noch eine vergleichsweise junge Entwicklung darstellt, ist die Gruppe der hauptberuflichen Händler noch vergleichsweise klein.

Die nichtmenschlichen Einwohner, also vor allem alteingesessene Elfen, Orks und Zwerge werden ebenso an geeigneterer anderer Stelle beschrieben wie die Ausländer, die mittlerweile festen Wohnsitz auf Vinland genommen haben. Zudem leben sie zum größten Teil in jeweils geschlossenen und abgesonderten Gruppen mit teilweise abweichenden Strukturen und Gebräuchen, deren notwendige Darstellung hier zu viel Platz benötigen und die den eigentlichen Vinländern gewidmeten Ausführungen störend unterbrechen würde.