6-Die Ehe und die Stellung der Frau 2

Das hohe Ehrgefühl der Vinländer bewirkt allgemein, daß sie sich an gegebene Ehrenwörter und geschlossene Verträge äußerst stark gebunden fühlen. Daher ist es auch nicht so einfach, eine Ehe scheiden zu lassen.

Das ältere Recht kennt daher nur drei Gründe für eine Scheidung, wovon der erste erneut die kühle Geschäftsmäßigkeit der vinländischen Ehe unterstreicht. Ein Ehegatte kann nämlich dann die Scheidung fordern, wenn die Familie seines Partners unerwartet verarmen sollte und er beziehungsweise seine Sippe dann in die Verpflichtung geraten könnten, diese zu unterstützen. Ebenso kann die Scheidung seitens der Sippe oder beider beteiligten Sippen verlangt werde, wenn das Ehepaar beziehungsweise die neugegründete Familie selbst in Armut gerät und entsprechend hohe Unterstützung erhalten müßte.

Der Hauptzweck einer Ehe als Gewinngemeinschaft wird also hier so stark betont, daß eine Scheidung bei massivem Verfehlen dieses Zieles, wenn also statt Nutzen Schaden entsteht, sogar von dritter Seite her durchgesetzt werden kann, unter Umständen also sogar gegen den Willen der Eheleute selbst.

Der zweite Scheidungsgrund war gegeben, wenn Eheleute dem Gatten oder beide sich gegenseitig „mêrsar mêtis“ zufügten, ein sehr altertümlicher Ausdruck, welcher soviel wie „tiefe Wunden“ bedeutet., wobei ganz präzise Verletzungen zu verstehen sind, die bis ins Gehirn, in eine Körperhöhle oder ins Knochenmark vordringen, also schwerste bewaffnete Angriffe mit offenkundiger Tötungsabsicht zu unterstellen sind, bei denen das Opfer nur mit viel Glück überlebt. Das Zerwürfnis der Ehepartner muß also schon ein äußerst weitgehendes sein.

Der dritte Scheidungsgrund mutet zunächst etwas seltsam an, denn er besteht darin, daß der Mann versuchte, seine Frau gegen deren Willen ins Ausland zu bringen. Dies erklärt sich daraus, daß Vinländer bis vor nicht allzu langer Zeit das Festland ausschließlich zu Kriegs- und Raubzügen aufsuchten und nicht im Traum daran dachten, dort friedlich geregelten Handel zu treiben oder gar sich niederzulassen. Wenn ein Mann seine Frau auf so eine Fahrt verschleppte, sie also nicht freiwillig etwa als Kriegerin oder sonstige Helferin teilnahm, konnte dies tatsächlich nur bedeuten, daß er etwas sehr Übles mit ihr vorhatte, etwa sie unauffällig zu ermorden oder als Sklavin zu verkaufen.

Diese sehr rigorosen Einschränkungen hängen natürlich mit den alten unwirtlichen Lebensbedingungen in den dünn besiedelten Nordlanden zusammen, wo grundsätzlich recht wenige passende Heiratsmöglichkeiten bestanden, bei einer Scheidung also schwere wirtschaftliche Nachteile entstanden und kaum deren Ausgleich etwa durch eine andere Ehe möglich war.

Die wesentlich günstigeren Lebensumstände auf Vinland haben dazu geführt, daß hier zusätzliche Scheidungsmöglichkeiten in Gebrauch kamen, also mehr Rücksicht auf die Persönlichkeit der Ehegatten genommen, die Grenzen der Zumutbarkeit also herabgesetzt wurden.

Zunächst einmal kann eine Frau eine Geldbuße fordern, wenn ihr Mann sie vor Zeugen, also in der Öffentlichkeit schlägt oder heftig von sich stößt. Geschieht dies zum dritten Mal, darf sie die Scheidung verlangen. Wie bereits erwähnt, muß sie hingegen einen Ehebruch ihres Mannes hinnehmen, falls sie einen solchen jedoch selbst begeht, muß sie ihrerseits eine Geldbuße zahlen und ihr Mann kann sich scheiden lassen.

Weiterhin kann es zur Scheidung kommen, wenn ein Ehegatte dem anderen mindestens drei Jahre lang den Beischlaf verweigert. Naturgemäß betrifft dies eher Frauen, wenn deren Gatte neben- oder außereheliche Beziehungen unterhält und das sexuelle Interesse an seiner Gemahlin verliert, ja vielleicht nie entwickelt hat. Hieraus läßt sich erkennen, daß auch die offene und anerkannte Beziehung zu einer Bettsklavin oder Nebenfrau den Ehemann keineswegs davon entbinden, auch zu seiner Ehefrau körperliche Beziehungen zu unterhalten.

Verweigert sich hingegen die Ehefrau, so kann der Mann sich den Beischlaf in gewissen Umfang erzwingen. Sollte dies jedoch einer Vergewaltigung in der Ehe nahekommen, so gibt dies beiden das Recht auf Scheidung, nämlich dem Mann infolge der nur gewaltsam zu überwindenden Verweigerung und im Gegenzug der Frau wegen Entwürdigung beziehungsweise Mißhandlung.

Denn allgemein genügen heute bereits gröbere Vergehen zumindest im Wiederholungsfall zur Scheidung, ohne daß es zu den oben geschilderten schwersten körperlichen Angriffen kommen muß. Insbesondere fallen hierunter Jähzornigkeit, krankhafte Eifersucht sowie die für Vinland sehr charakteristische und beliebte Veröffentlichung von Spottversen.

Schließlich gilt noch als Scheidungsgrund, wenn der Ehegatte homosexuelle Neigungen zeigt und sich dazu öffentlich bekennt, indem er sich entsprechend „andersgeschlechtlich“ kleidet. Da auf Vinland Homosexualität völlig toleriert wird, hat sich eine regelrechte besondere Tracht entwickelt. Bei Männern besteht diese aus tief ausgeschnittenen, also die Brust entblößenden Tuniken mit zumeist sehr reichen Bordüren, die als „Weibertracht“ bezeichnet werden, obwohl sie ja gar nicht zur vinländischen Frauenkleidung gehören. Bei Frauen hingegen besteht sie schlicht und einfach aus dem Tragen von Hosen. Dies tun zwar auch Frauen, die den Beruf der Kriegerin gewählt haben oder in Notlagen sich als solche einsetzen, aber aufgrund der dann gegebenen sonstigen Ausstattung ist eine Verwechslung naturgemäß auszuschließen. Zweifelsfälle können natürlich auftreten, wenn eine Kriegerin homosexuell ist, wobei allerdings sie hieraus im allgemeinen kein Geheimnis zu machen pflegt und dies angesichts der noch sehr geringen Zahl berufsmäßiger Kämpferinnen dann allgemein bekannt ist.

Eine homosexuelle Neigung an sich stellt noch keinen Scheidungsgrund dar, einfach deshalb, weil in solchen Fällen ja häufig bisexuelles Verhalten gepflegt, also weiterhin auch heterosexuelle Aktivitäten beibehalten werden. Bei hierdurch fortgesetzter Erfüllung der ehelichen Pflicht gelten zusätzliche gleichgeschlechtliche Kontakte allgemein nicht als Ehebruch, vor allem deshalb, weil die hierfür ja eigentlich maßgebliche Gefahr des Zeugens von Kindern zwangsläufig nicht auftritt.

Erst wenn die homosexuelle Neigung so überwiegt, daß es gegenüber dem andersgeschlechtlichen Ehepartner zur Verweigerung oder zu einer offensichtlich nur äußerst widerwilligen Duldung des Beischlafes kommt, ergibt sich die Möglichkeit der Scheidung. Da in solchen Fällen aber ein entsprechendes offenes Bekenntnis eben durch Tragen der oben genannten besonderen Trachten erwartete wird und auch üblich ist, wird diese im Scheidungsrecht miteinander verbunden.

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß zwar homosexuelle Eheschließungen auf Vinland nicht erlaubt sind, allerdings vor allem wegen der fehlenden Möglichkeit zum Nachwuchs. Eheähnliche Lebensgemeinschaften hingegen werden ohne weiteres geduldet, sofern sie tatsächlich die allgemein erwarteten Geschäftsvorteile erbringen, und sie erhalten auch in vergleichbarem Maße Unterstützung und Schutz der verwandten Familien und Sippen.

Auch die Scheidung ist an bestimmte feste Regeln gebunden. Stimmen beide Ehepartner der Trennung zu, so genügt eine gemeinsame Erklärung gegenüber mindestens drei Zeugen, wobei die gründe für die Scheidung bei dieser Gelegenheit nicht genannt werden müssen. Wünscht nur ein Partner einseitig die Scheidung, so muß er vor wiederum zumindest drei Zeugen im ehelichen Schlafzimmer dem Gatten gegenüber sich als geschieden erklären, die Gründe hierfür benennen und den anderen zum Gehen auffordern. Diese Erklärung muß dann in gleicher Form vor der Haustür oder dem Hofeingang und schließlich in einer öffentlichen Versammlung, also normalerweise dem Thing wiederholt, also insgesamt dreimal abgegeben werden.

Damit ist die Scheidung allerdings noch nicht wirksam vollzogen, sondern lediglich das Verfahren eröffnet und die hierfür unabdingbare Aufteilung des gemeinsamen Vermögens ermöglicht. Eine bereits angesprochene Besonderheit stellt hierbei die der Frau nach der Hochzeitsnacht übereignete Morgengabe dar, denn sie bleibt nicht nur weiterhin und unabhängig von den sonstigen Regelungen in vollem Umfang Eigentum der Frau, sondern sie kann bereits nach Verkündigung der Scheidungsabsicht hierüber auch sofort und unabhängig verfügen, sie also zum beispiel aus dem ja noch bestehenden gemeinsamen Haushalt entfernen.

Zur Aufteilung des Vermögens werden zunächst das Brautwerbegeschenk des Mannes und die Mitgift der Frau als fester Posten ermittelt. Sofern das sich um Geldbeträge oder noch vorhandene und auch nicht beschädigte oder sonstwie wertgeminderte Gegenstände handelt, stellt diese kein besonderes Problem dar. Bei Vieh, Verbrauchsgütern oder sonstwie nicht mehr vorhandenen Sachen wird der angepaßte Tageswert zugrunde gelegt, das heißt, der heutige Wert im seinerzeit gegebenen Zustand. Wenn zum Beispiel eine damals geschenkte Kuh zwar noch lebt, aber inzwischen alt und nutzlos geworden ist, so wird sie nicht etwa in diesem Zustand zurück gegeben. Statt dessen wird der Wert angerechnet, den eine junge kräftige Kuh im damaligen Zustand heutigentags darstellen würde, unabhängig davon, ob sich der Kaufpreis seither erhöht oder vermindert hat.

Diese ermittelten Werte müssen nun auf das vorhandene Vermögen übertragen werden. Sollte eine junge Kuh vergleichbaren Wertes vorhanden sein, ist dies natürlich einfach, ansonsten muß der Wert mit einem vergleichbar teuren Gegenstand wie zum Beispiel einer geschnitzte Truhe oder aber mit einem entsprechenden Geldbetrag veranschlagt werden.

Sind auf diese Weise Werbungsgeschenk und Mitgift sowie eine vielleicht zu entrichtende Buße für sich erfaßt, wird das dann noch vorhandene Vermögen ähnlich in drei gleiche Teile getrennt. Nunmehr kann die Verteilung beginnen, die je nach Fall unterschiedlich geregelt ist.

Hatten beide Ehegatten der Scheidung zugestimmt, erhält die Ehefrau ein Drittel des Gesamtvermögens, was unter Berücksichtigung der ihr ja bereits zugeeigneten Morgengabe zumeist in etwa eine Teilung bedeutete. Hatte der Mann allein die Scheidung gefordert, erhält die Frau neben der Morgengabe ihre Mitgift, zusätzlich das Brautwerbungsgeschenk und ebenfalls ein Drittel des Gesamtvermögens, dem Mann verbleiben somit nur zwei Drittel des gesamtvermögens.. Ist die Scheidung jedoch allein von der Frau veranlaßt worden, erhält sie lediglich Morgengabe und Mitgift, der Mann dementsprechend neben seinem Brautgeschenk das vollständige Gesamtvermögen.

Grundsätzlich wird also klar derjenige Partner benachteiligt, der die Scheidung beantragt hat. Dies dient leicht erkennbar vor allem dem Zweck, daß leichtfertige Scheidungen vermieden werden. Andererseits ist natürlich klar, daß manchmal die eigentliche Schuld in Wirklichkeit bei demjenigen liegt, der keine Scheidung beantragt, denn etwa bei Ehebruch der Frau wird ja der Mann und bei Mißhandlungen durch den Gatten wird ja die Frau die Auflösung der Ehe beantragen. Dies ändert zwar nichts an den genannten Aufteilungen selbst, jedoch wird in solchen Fällen der Gerechtigkeit insofern Genüge getan, als dann ja regelmäßig zusätzlich ein entsprechendes und manchmal bedeutendes Straf- oder Bußgeld entrichtet werden muß.

Schließlich ist noch zu klären, was mit den gemeinsamen ehelichen, noch minderjährigen Kindern zu geschehen hat, also wo sie weiter aufwachsen sollen und wie der Unterhalt geregelt wird. Hierfür gibt es jedoch keine feste Regelung außer der Verpflichtung, eine den jeweiligen Verhältnissen gemäß vernünftige und angemessene, die entstehende Belastung möglichst gerecht und gleichmäßig verteilende Vereinbarung zu treffen, wobei auch gefühlsmäßige Bindungen vor allem der Kinder selbst durchaus berücksichtigt werden können.

Die ehelichen Kinder werden grundsätzlich der Sippe des Mannes zugerechnet. Dies rührt aus der Überlegung heraus, daß ja seitens der Sippe der Frau lediglich deren eigene Person sowie die Mitgift eingebracht wurde, während die des Mannes ja auch das eheliche Anwesen, den Grundbesitz und die sonstige Einrichtung stellt, also Anspruch auf größeren Nutzen aus der Verbindung besitzt. Sie gehören auch weiterhin zur Sippe des Mannes, wenn sie nach einer Scheidung bei der Mutter, also bei deren Sippe aufwachsen.

Von den ehelichen Kindern zu unterscheiden sind die bereits erwähnten sogenannten Bastarde. Stammen diese aus vor- oder außerehelichen Beziehungen, so zählen sie auch bei Anerkennung der Vaterschaft und entsprechendem Unterhaltsbeitrag zur Sippe ihrer Mutter. Die von einer Bettsklavin oder Kebse geborenen, also nebenehelichen Kinder hingegen rechnen stets zur Sippe des Vaters.

Eine weitere Gruppe der Bastarde bilden zwar eheliche, aber aus einer früheren Ehe eines der Partner stammenden Kinder. Bei Eingehen einer neuen Ehe ändert sich zwar weder ihr Stand als eheliche Kinder noch ihre bisherige Sippenzugehörigkeit, sowie jedoch aus dieser neuen Verbindung ein eheliches Kind geboren wird und auch überlebt, verlieren sie ihr bisheriges Erbrecht. Denn wie noch genauer zu beschreiben sein wird, ist ausschließlich ein Kind aus der beim Erbfall bestehenden und ansonsten nur aus der zuletzt bestandenen Ehe erbberechtigt.

Daher ist der Begriff des Bastards auf Vinland keineswegs ehrenrührig, da er eine Gruppe von Nachkömmlingen unterschiedslos zusammenfaßt, die sehr verschiedenster Abstammung sein können und deren einzige aus der Bezeichnung erkennbare Eigenschaft beziehungsweise Gemeinsamkeit darin besteht, daß sie kein eigentliches Erbrecht mehr besitzen und auf andere Weise abzufinden und zu versorgen sind.

So ist die vinländische Bezeichnung für Bastarde auch sehr viel genauer, welche „Bankert“ oder „Bankart“ lautet und schlicht „Banksitzer“ bedeutet. Denn nach alter vinländischer Tischordnung sitzen am Kopfende der Tafel der Hausherr mit seiner Ehefrau sowie dem erbberechtigten Kind, das heißt dem eigentlichen Haupterben, der den nach vinländischem Recht üblicherweise nicht zu teilenden Grundbesitz erhalten soll. Alle anderen, also die nur ein-geschränkt oder eben überhaupt nicht erbberechtigten Abkömmlinge hingegen haben mit den Seitenbänken vorlieb zu nehmen.

Da sich auch auf Vinland der mittelländische Begriff des Bastardes eingebürgert hat, sei hier erwähnt, daß unter den Wissenden noch wenig Einigkeit über dessen eigentlicher Bedeutung besteht, nicht einmal aus welcher Sprache er eigentlich stammt. Offensichtlich ist er aber wesentlich verächtlicher gedacht als der vinländische, denn die am häufigsten vertretene Ableitung bezieht sich auf alte Begriffe für „Sattel“ und für „Scheune“, was dann wohl Kinder bezeichnen soll, die mit einem kurz zu Besuch weilenden und wieder verschwundenem Reiter oder sonstigem Fahrenden oder aber statt im Ehebett in einer Scheune und damit offensichtlich nicht mit dem Ehepartner, sondern wohl unstandesgemäß mit einem Knecht oder einer Magd erzeugt wurden.

In diesem Zusammenhang sei noch auf das Problem der Vaterschaft eingegangen. Zwangsläufig steht ja nur jeweils die Mutter zweifelsfrei fest, nicht jedoch unbedingt der Erzeuger. Die Anerkennung der Vaterschaft erfolgt bei ehelichen wie nichtehelichen Kindern stets dadurch, daß nach der Geburt, Abnabelung und ersten Versorgung das Neugeborene dem ja normalerweise anwesenden Vater von der Mutter oder, falls diese dazu zu schwach oder gar verstorben sein sollte, von einer möglichst nahe verwandten Geburtshelferin in dessen Arme gelegt wird.

Nimmt der Vater das Kind in seine Arme, hat er das Kind als das seinige anerkannt. Dies gilt auch, wenn er tatsächlich nicht der Vater ist und dies auch weiß, würde also in einem solchen Fall auch eine in anderen Ländern ja als getrennter Rechtsakt betrachtete Adoption mit einschließen. Daß somit bei entsprechendem stillschweigendem Einverständnis auch ein Seitensprung der Ehefrau aus der Welt geschafft werden und ohne jegliche weiteren Folgen bleiben kann, entspricht wiederum der grundsätzlichen und nur aus Vernunftgründen stärker eingeschränkten Gleichberechtigung der Frau auch in sexueller Hinsicht.

Ist diese Annahme erfolgt, kann daher auch weder der Vater noch ein Dritter jemals noch die Vaterschaft bestreiten, auch wenn die Wahrheit erst später an Licht kommen würde. Dies würde lediglich nach den allgemeinen Grundsätzen eine Scheidung ermöglichen, das Kind behält jedoch auf jeden fall seinen ehelichen Status, einfach weil es dann durch diese Annahme eben wirksam adoptiert wurde.

Weiterhin setzt die Wirksamkeit der Anerkennung wiederum die Anwesenheit dreier Zeugen voraus, die lediglich volljährig, aber nicht unbedingt frei oder Vinländer sein müssen, wie auch die Verwandtschaft keine Rolle spielt. Diese Regelung nimmt einfach Rücksicht darauf, daß eine Geburt ja auch unzeitig und unter Umständen erfolgt, welche die rechtzeitige Anwesenheit von Zeugen mit bestimmten Voraussetzungen schwierig oder gar unmöglich macht.

Sollte eine Geburt beziehungsweise die Vaterschaftsanerkennung tatsächlich ohne oder mit zu wenig Zeugen stattfinden, können diese durch eidliche Erklärung ihnen gegenüber auch nachträglich bestellt werden, was wiederum vor drei weiteren Zeugen zu erfolgen hat.

Anschließend erfolgt noch ein Ritual, das aber nichts mehr mit der Anerkennung durch den vater zu tun hat. Denn dieser trägt dann sein Kind vor die Tür und hebt es empor, um es den Götter, den Schutzgeistern, der Natur, aber auch symbolisch allen übrigen Menschen als seinen rechtmäßigen Nachwuchs zu zeigen. Anschließend wird das Kind natürlich der Mutter zurück gegeben.

Die Rückgabe ist allerdings nicht zwingend. Der Vater besitzt nämlich durch seine Anerkenntnis auch das grausame Recht, ein offensichtlich schwächliches oder gar mißgestaltetes Kinder weiter hinaus zu tragen und in der Wildnis außerhalb der Hörweite auszusetzen, um es dort umkommen zu lassen. Dies soll allerdings, wenn überhaupt, nur in einigen besonders abgelegenen und unwirtlichen Gegenden auf Vinland tatsächlich bisweilen noch geschehen.

Anhand der Darstellung der Ehe konnte schon mancherlei zur eigentümlichen Stellung der vinländischen Frau gesagt, jedoch bedarf dies noch einiger Ergänzungen.

Wie bereits erwähnt, besitzt die vinländische Frau im Gegensatz zum Mann kein Recht, ein Schwert zu tragen, sondern es ist ihr im Gegenteil sogar ausdrücklich untersagt. Die erwähnten berufsmäßigen Kriegerinnen stellen eine besondere, zahlenmäßig recht geringe und zudem erst in jüngerer Zeit entstandene Ausnahme dar. Zudem tragen sie nicht nur regelmäßig Männerkleidung, sondern dürfen auch nicht verheiratet sein beziehungsweise müssen bei einer Heirat dieses Gewerbe aufgeben, werden also grundsätzlich anders bewertet.

Nun wird niemand mit entsprechender Erfahrung und dies auch nicht auf Vinland bestreiten, daß Frauen bei entsprechender Ausbildung und Übung sowie Anwendung eines den jeweiligen körperlichen Fähigkeiten angepaßten Kampfstils ebenso gut und gefährlich kämpfen können wie Männer.

Tatsächlich wird im Gegenteil von Frauen regelrecht erwartet, daß sie im Verteidigungsfall und erst recht bei feindlicher Übermacht die Männer nicht nur durch Hilfsdienste unterstützen, sondern selbst aktiv kämpfen. Hierzu dürfen sie nicht nur Waffen tragen und führen, sondern auch Rüststücke und gegebenenfalls Männerkleidung anlegen. Und dies ist ihnen nicht nur beim eigentlichen Kampf erlaubt, sondern bereits, wenn und solange ein Gefecht hinreichend wahrscheinlich zu erwarten ist, also zum Beispiel nach der formellen Verkündung einer Fehde.

Zweifelsohne waren und sind seit Urzeiten überall auf der Welt und in vaterrechtlichen Gesellschaften ebenso wie in mutterrechtlichen immer die Männer die Kämpfer gewesen und nur selten auch Frauen. Aber lediglich die Tatsache, daß dies eben immer so gewesen ist, würde einem Vinländer nicht genügen, wenn er gute Gründe dagegen zu erkennen vermeint. So können die Vinländer auch sachlich und nüchtern erklären, weshalb ihre Frauen nur in besonderen Ausnahmen Schwerträgerinnen und Kämpferinnen sein sollen. Zweifellos haben eben diese Gründe auch sonst eine entscheidende Rolle gespielt, sind aber vielfach nicht mehr bewußt beziehungsweise durch andere, vordergründigere und damit oft leicht angreifbare Behauptungen ersetzt worden.

Unbestreitbar sind möglichst viele Nachkommen unersetzlich für die Sicherung und auch das Wachsen einer Gruppe, ihres Wohlstandes und ihrer Macht. Ebenso zweifellos bedeutet auch ein siegreicher Kampf den Tod etlicher eigener Streiter und eine entsprechende Minderung zukünftigen Nachwuchses.

Nun gebiert eine Frau ja normalerweise nur ein Kind und bedarf anschließend einer gewissen Erholung bis zur nächsten Schwangerschaft, will man nicht ihre Gesundheit oder gar ihr Leben rücksichtslos gefährden. Grob gesprochen, kann eine Frau also lediglich pro Jahr ein Kind zur Nachkommenschaft ihrer Gruppe beisteuern. Der Mann hingegen, der ja nur seine Zeugungskraft einsetzen muß und dies ja grundsätzlich nur eine ganz kurze Zeit, kann dementsprechend pro Jahr für eine beachtliche Zahl von Nachkommen seinen erforderlichen Beitrag leisten, wenn nur genügend Frauen verfügbar sind.

Das bedeutet schlicht, daß Verluste unter Männern grundsätzlich vergleichsweise leicht wieder ausgeglichen werden können, indem den verbleibenden eben entsprechend mehr Frauen zur Erzeugung von Nachwuchs zugeordnet werden. Frauen sind hingegen sehr viel schwerer und fast gar nicht zu ersetzen, wenn man davon ausgeht, daß sie schon normalerweise ihre von der Natur gesetzten Grenzen im Austragen und Gebären von Kindern voll ausnutzen.

Daher wäre es sogar eine ausgesprochene Dummheit, ohne Not oder gar bevorzugt Frauen als Kämpferinnen einzusetzen, denn deren Verluste würden weitaus größeren Schaden für die Gruppe bedeuten als gleich hohe unter den Männern. Dies gilt um so mehr, als ja gerade junge, gesunde und kräftige Personen bevorzugt zum Kampf eingesetzt werden sollten, also gerade solche, von denen hinsichtlich zukünftiger Nachkommen am meisten erwartet wird.

Aus diesem Grund ist es auf Vinland nicht nur nicht üblich, sondern bewußt den Frauen regelrecht untersagt, als Kriegerin aufzutreten, was eben durch das Schwerttragen versinnbildlicht wird. Denn auch bei den Männern ist dies nicht nur Abzeichen der Freiheit, sondern eben auch Ausdruck der ständigen Pflicht zur Kampf- und Verteidigungsbereitschaft, und zwar eben nicht nur für die eigenen Person und den eigenen Besitze, sondern auch und vor allem für die Gemeinschaft.

Aus eben diesem Grund gehört zur vinländischen Frauen – und Mädchentracht auch stets ein am Gürtel getragenen Sortiment von Messern, Scheren und anderen Dingen, welche die Arbeit im Haushalt wiederspiegeln, und bei der verheirateten Frau kommen Schlüssel und Geldtasche hinzu, um ihre selbständige Eigenverantwortung und Unabhängigkeit zu zeigen. Diese Gürtelgarnituren stellen also ein ebenso wichtiges und ehrenvolles Abzeichen wie das Schwert dar.

Selbst die oft reich verzierten Gürtelbeschläge, Fibeln und eigentlichen Schmuckstücke sind Abzeichen für die unabhängige und erfolgreiche Wirtschaftsführung der Frau, denn sie werden normalerweise von dieser selbst aus eigenen Mitteln beschafft, also keineswegs vom Mann geschenkt, um die Frau gleichsam als Aushängeschild für seine Macht und seinen Reichtum zu benutzen. Hierzu dient allein entsprechend wertvolle Tracht und Ausstattung der eigenen männlichen Kleidung, die ebenso aus eigenen Mitteln des Mannes beschafft wird.

Natürlich kann auch ein Vinländer seiner Frau aus Liebe oder Anerkennung ein Schmuckstück schenken, welches diese auch gerne tragen wird. Solche Geschenke zeigen dann aber stets entsprechende Liebes-, Treue oder Dankesabzeichen und können daher genau von dem sonstigen Schmuck unterschieden werden. Wegen der für vinländische Kunst so bezeichnenden starken Stilisierung und der miteinander verschlungenen, das Auge verwirrenden Darstellungsweise der Motive ist es allerdings für den Unkundigen oft sehr schwer, diese Unterscheidung zu treffen. Daher hört man in den Mittellanden bisweilen die wie dargelegt völlig falsche, eher dortigen Gewohnheiten entsprechenden Meinung, reicher Schmuck einer Frau wäre allein Ausdruck der Erfolge ihres Ehemannes.

Neben einem solchem eigentlichen, also mehr oder weniger beweglichen Vermögen kann eine Frau aber ohne weiteres auch unbewegliches Vermögen, also auch Land. Gebäude und ganze Liegenschaften besitzen. Diese kann sie sowohl durch eigenes Vermögen kaufen wie auch auf andere Weise, also auch durch Erbschaft erwerben. Es ist zwar allgemein üblich, daß der älteste oder zumindest ein Sohn Haupterbe wird und somit den Familiensitz erwirbt, jedoch ist dies verbindlich nur der Fall, wenn keine anders lautende testamentarische Verfügung besteht. Es ist insofern zunächst die Regel, weil es wie dargelegt der Mann grundsätzlich als Waffenträger für den Schutz und die Vertretung des Besitzes nach außen gegen Dritte als zunächst allein zuständig angesehen wird. Sind jedoch keine oder nach Meinung des bisherigen Familienoberhauptes keine geeigneten Söhne vorhanden, so muß keineswegs ein anderer männlicher Nachfolger und Erbe bestimmt werden, sondern kann ebenso eine Tochter eingesetzt werden. Natürlich können demzufolge auch Frauen sowohl Gefolgschaft leisten wie selbst Gefolgschaftsherrin werden.

Um diese Fälle von der Stellvertretung des Ehemannes zu unterscheiden, was äußerlich nicht immer deutlich ist, da Männer als Händler oder Söldner, aber auch als Gefangene oder auch Verschollene unter Umständen viele Jahre abwesend sein können, ist es üblich, hier ausdrücklich von „Frauenrecht“ zu sprechen oder aber davon, daß die betreffende Frau eben in „Eigenrecht“ über „Eigenbesitz“ verfügt.

Dies dient ausschließlich dieser Klarstellung des Sachverhaltes und bedeutet keineswegs, daß hinsichtlich der Eigentumsgewalt oder des Verfügungsrechtes irgendwelche Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen. Dies wird auch daran deutlich, daß auch beim Mann von Eigenrecht und Eigenbesitz die Rede sein kann, nämlich dann, wenn er durch keinerlei Pachten, Schulden, Mitspracherechte, Nießbrauch oder sonstwie beeinträchtigte volle Verfügung über seinen Besitz hat oder aber auch, wenn er keine Gefolgschaft leistet. Neben naturgemäß den großen Gefolgschaftsherren trifft dies noch auf einige einsam auf kleinen Inseln oder sonstwie sehr abgelegen liegende Einzelhöfe oder kleine Weiler zu, deren Eigentümer beziehungsweise Bewohner stolz und auch tatsächlich selbständig und stark genug sind, um auf den üblichen Schutz durch Mitgliedschaft in einer Gefolgschaft verzichten zu können.