6-Die Ehe und die Stellung der Frau 1

Auf Vinland herrscht zwischen Mann und Frau grundsätzliche Gleichberechtigung. Im tatsächlichen Alltag und insbesondere der Ehe als der überwiegenden Lebensform scheint dies dem fremden Beobachter aber oft keineswegs verwirklicht zu sein. Jedoch sind solche scheinbaren Benachteilungen oder Schlechterstellungen aus reinen Vernunftgründen zu erklären und keineswegs aus der Ansicht heraus, daß die Frau ein weniger wertvolles Wesen als der Mann sei oder diesem gar grundsätzlich unterstellt, wie es mancherorts in den Mittellanden der Fall ist und dann zu scheinbar ähnlichen Ergebnissen führt.

Grundsätzlich stellt die Ehe für einen Vinländer ein reines und schlichtes Geschäft dar, einen Vertrag zwischen zwei Familien beziehungsweise Sippen, der beiden Seiten gleichermaßen Vorteile und Zuwachs an Reichtum wie Macht verschaffen soll. Ein in der Vergangenheit sehr wichtiges und auch heutigentags bisweilen noch beachtetes Element war auch die Friedensstiftung, das heißt die Vereinbarung einer Heirat zur Besiegelung des Endes einer Fehde. Denn da die Braut regelmäßig zur Familie des Bräutigams zog, stellte sie regelrecht eine Art Geisel dar, was auch ganz nüchtern so gesehen und daher meist durch eine entsprechende Doppelhochzeit gegenseitig ausgeglichen wurde.

Die Gefühle der Brautleute interessieren beim Zustandekommen einer vinländischen Ehe somit überhaupt nicht. Zuneigung und Liebe sollen keine Ehe stiften, sondern vielmehr aus einer solchen erst entstehen, was im übrigen auch sehr häufig tatsächlich der Fall

.Auf Vinland tritt die Heiratsfähigkeit grundsätzlich mit der Volljährigkeit ein, ist also bei Jungen bereits mit 12 und bei Mädchen mit 10 Jahren möglich. Üblicherweise werden Ehen jedoch frühestens mit 17 bzw. 14 Jahren eingegangen und zumeist auch wesentlich später, einfach damit die Brautleute wenigsten einigermaßen ausreichend Reife erlangen können, um ein eigenverantwortliches und selbständiges Leben führen zu können.

Vereinbart beziehungsweise gestiftet werden Ehen jedoch grundsätzlich, also auch bei bereits volljährigen Brautleuten von den jeweiligen Familienoberhäuptern, also zumeist den jeweiligen Vätern. Üblicherweise geht der Heirat nämlich ein Verlöbnis voran, also ein Eheversprechen, das zwar als fest verbindlich angesehen wird, für das es jedoch kein Mindestalter gibt. Daher sind viele Vinländer bereits vor ihrer Volljährigkeit gebunden, heutzutage allerdings zumeist nur noch in Adels- und anderen großen Familien, wo noch gezielte und bedeutsame Heiratspolitik betrieben wird. Hier kann es sogar vorkommen, daß Kleinkinder, ja Neugeborene verlobt wer-den.

Eine Verlobung wird wirksam durch deren Verkündigung vor Zeugen entweder durch die Verlobten selbst oder bei deren Unmündigkeit, das heißt eigentlich im Normalfall durch die beiden beteiligten Familien- oder Sippenhäupter. Grundsätzlich genügen drei nicht verwandte oder versippte Freie als Zeugen, aber üblicherweise werden Verlöbnisse auf den Things verkündet und somit allgemein und direkt bekannt gegeben.

Üblich sind hierbei gegenseitige kleinere, aber bisweilen recht wertvoller Geschenke. Allgemein verbreitet ist auch der Austausch von Verlobungsringen, obwohl dieser Brauch nicht aus Vinland stammt.

Wird die Verlobung später wieder gelöst, also nicht von einer Hochzeit gefolgt, so hat dies äußerlich lediglich die Zurückgabe der Verlobungsgeschenke zur Folge, was übrigens auch keine rechtliche Verpflichtung darstellt, aber doch eine klare Sache der Ehre und des Anstandes. Weitere Folgen oder besonders Entschädigungen gibt es eigentlich nicht. Jedoch wird das Ansehen der Beteiligten sehr stark geschädigt, insbesondere, wenn nur eine Familie die Verlobung einseitig gelöst hat. Dies beruht darauf, daß die Ehe ja als Geschäft angesehen wird und die Verlobung somit gleichsam als Ehrenwort, ein solches Geschäft abzuschließen. Eine Familie, die eine Verlobung wieder löst, erweist sich somit als wortbrüchig, also als sehr wenig vertrauenswürdig und geradezu unehrenhaft.

Unbeachtlich der ja zumeist bereits bestehenden festen Verlobung geht der eigentlichen Eheschließung eine regelrechte Bewerbung voraus, welche der zukünftige Ehemann zeremoniell durchführt und die der Vater und Vormund der Braut anzunehmen hat, sie also grundsätzlich auch ablehnen kann, obwohl er doch normalerweise selbst diese Verbindung mit beschlossen hat. Dieser seltsame Widerspruch erklärt sich daraus, daß ein Verlöbnis in früheren Zeiten eher die Ausnahme war und zumeist von den Brautleuten selbst ausging, manchmal wohl gar heimlich und ohne Wissen ihrer Familien, worauf manche alten Sagas noch klar hindeuten. In die gleiche Richtung weist auch der heutzutage zwar seltene, aber immer noch rechtskräftig eine Ehe begründende Brautraub, welcher noch besprochen werden soll. Offensichtlich ist die geschäftsmäßige Betrachtung, Anbahnung und Vermittlung der Ehe ursprünglich nicht allgemeine Regel gewesen, sondern erst vor allem durch gezielte und möglichst früh angesetzte Verlobungen zum Normalfall geworden.

Bei der üblichen Bewerbung erscheint der Bräutigam bei der Familie seiner Braut und trägt seine Absicht vor, wobei er eine Reihe von Geschenken präsentiert, die er im Falle einer Zustimmung der Familie seiner Zukünftigen zu übereignen gedenkt. Auf vinländsch heißt dies „Hvârbagift“, was ebenfalls „Werbungsgeschenk“ bedeutet.

Anzahl, Art und Wert dieser Geschenke richten sich sowohl nach dem Reichtum des Bewerbers und seiner Familie wie auch dem Stand beziehungsweise Beruf des Brautvaters oder –vormundes, sollen für diesen also wirklich brauchbare Geschenke darstellen. Das heißt, daß für einen Handelsherrn zum Beispiel das bei einer überwiegend noch aus Bauern bestehenden Gesellschaft durchaus übliche Vieh keine passende Gabe darstellt, da er damit ja eigentlich ziemlich wenig anfangen kann und es bestenfalls schlachten oder weiter verkaufen müßte, um irgendeinen Nutzen hieraus zu ziehen, was aber auf Vinland wie auch anderswo nicht als Sinn von Geschenken angesehen wird.

Traditionell wird der Bewerber hierbei zwar vielleicht von einigen Unfreien oder Bediensteten begleitet, keinesfalls jedoch von anderen Mitgliedern seiner Sippe, die allerdings zumeist aus sicherer Entfernung oder gut versteckt das Geschehen verfolgen. Hierdurch soll nachdrücklich heraus gekehrt werden, daß es sich um einen volljährigen Freier mit eigenem, von ihm selbständig gehandhabten Besitz handelt, auch wenn gerade letzteres tatsächlich noch gar nicht zutrifft.

Übrigens wird der Bewerber bei dieser Gelegenheit auf keinen Fall seine Zukünftige zu Gesicht bekommen, was auch sonst nach Abschluß der Verlobung und bis hin zur Hochzeit peinlichst zu vermeiden gesucht wird. Es ist allerdings weitverbreiteter Brauch, der Braut die Möglichkeit zur verschaffen, bei dieser Bewerbung einen heimlichen Blick auf ihren Zukünftigen zu werfen. Der Hintergrund dieses strikten Kontaktvermeidung liegt hierbei allerdings keineswegs wie oft vermutet in der Angst, die Brautleute könnten spontan Abneigung zueinander fassen und die Hochzeit vielleicht hintertreiben – was zum Beispiel durch einen Brautraub sehr wirksam möglich wäre - , sondern soll einen Schutz davor bilden, daß die zukünftige Ehe von irgendwelchen Neidern oder Feinden dieser Verbindung magisch verflucht wird. Nach vinländischer Vorstellung kann ein solcher Fluch nämlich nur dann wirksam über Brautleute ausgesprochen werden, wenn diese sich zusammen an einem Ort aufhalten.

Neben der hier beschriebenen formellen Form kann ein Bewerber aber auch jederzeit und ohne zugleich Geschenke anzubieten eine Bewerbung aussprechen. Der Brautvater kann dieser Bewerbung sofort zustimmen oder aber sich gleichsam Bedenkzeit erbitten, indem er für seine Entscheidung einen Zeitpunkt für die formelle Bewerbung mit Geschenken bestimmt. Auch wenn er sofort zustimmt, hat dies weniger bindende Wirkung als eine formelle Verlobung, da bei einer solchen ja ebenfalls Geschenke übergeben werden und eben dieses die eigentliche Bindung darstellt.

Mit der Annahme der Geschenke durch die Brautfamilie wird nicht nur der Ehe zugestimmt, sondern üblicherweise zugleich auch der Heiratstermin festgelegt. Ort der Eheschließung ist stets der Wohnsitz des Bräutigams.

Die Hochzeit selbst stellt vor allem ein großes, oft mehrtägiges Fest mit möglichst vielen Gästen dar, bei der natürlich der Reichtum der beteiligten Familien herausgekehrt werden soll. Die Braut erscheint kurz nach Beginn der Festlichkeiten mit einem möglichst umfangreichen Troß ihrer Sippe. Vor der eigentlichen Heiratszeremonie wird seitens der Brautfamilie die Mitgift übergeben, wie bereits erwähnt, praktisch eine gleichwertige Gegengabe für die Bewerbungsgeschenke des Bräutigams. Auf vinländisch wird die Mitgift als „Fragîfta“, also „Frauengeschenk“ bezeichnet.

Die Heirat selbst stellt eine vergleichsweise einfache Zeremonie dar und wird in der Regel vom Gefolgsherrn des Bräutigams oder dessen Stellvertreter durchgeführt. Entscheidend ist ja, daß hier ein Vertrag zwischen zwei Personen beziehungsweise Familien wirksam geschlossen wird, über dessen Zweck und Inhalt sowieso allgemein Klarheit besteht und bei dem also nur der Abschluß selbst verbindlich vor Zeugen erfolgen muß. Daher sind die bei dieser Zeremonie gesprochenen Fragen und Formeln örtlich recht unterschiedlich, wenn sich auch jeweils feste Traditionen herausgebildet haben.

Auch wenn sich inzwischen auf Vinland der Begriff „Hochzeit“ für die Trauung allgemein eingebürgert hat, ist dies keineswegs die ursprüngliche Bezeichnung, welche ja einfach „hohe Zeit“ und damit eigentlich ein Fest im allgemeinen Sinne bedeutet. Die ursprüngliche Bezeichnung lautet vielmehr „Brautlauf“. Dies kommt daher, daß auch bei einer einvernehmlich geplanten Hochzeit ein ritualisierter Raub der Braut traditioneller Bestandteil der Feier war, also die Braut regelrecht entführt wurde und von ihren Gesippen befreit werden mußte, was natürlich allerlei „Lauferei“ bedeutete. Anstelle oder auch gleichsam als Vorspiel dieses Raubes kamen auch ritualisierte Kämpfe um den Besitz der Braut zwischen den beiden Familien vor. Umgangssprachlich bedeutet übrigens die Floskel „den Brautlauf trinken“, daß eine Heirat nur festlich, also ohne derartige rauhe Spiele erfolgt, während „den Brautlauf feiern“ oder einfach „machen“ eben solche mit einschließt. Hierdurch können vor allem schon bei der Einladung die Gäste darauf hingewiesen werden und sich entsprechend vorbereiten.

Hierbei konnte es durchaus sehr hart, ja blutig zugehen, wenn auch ernsthafte Verletzungen normalerweise zumindest absichtlich nicht zugefügt wurden. Heutzutage finden solche Rituale nur noch selten statt, am ehestens noch in konservativen ländlichen Gebieten bei besonders reichen Familien, da nur diese sich ja eine entsprechend aufwendige Feier leisten können. Beim Adel ist es üblich geworden, statt dessen an festländischen Turnieren orientierte Wettkämpfe und Waffenspiele zu veranstalten, die nur noch sehr symbolisch mit dem ursprünglichen Brautraub zusammenhängen.

Naturgemäß stellt die Hochzeitsnacht der Brautleute den Mittel- und Höhepunkt der Feier dar. Auch hier steht weniger die Liebe oder deren zumindest vorgeblich erste körperliche Erfüllung im Mittelpunkt des Interesses. Vielmehr wird durch diesen Beischlaf auch zwischen den Eheleuten selbst und persönlich der Ehevertrag geschlossen, der bisher ja lediglich zwischen den Familien und Sippen in allgemeiner Form besteht, weshalb ja auch die ausgetauschten Geschenke für die andere Gruppe insgesamt und eben nicht für den zukünftigen Ehegatten persönlich bestimmt waren.

Daher sind die Hochzeitsnacht und deren Vollzug keineswegs persönliche Angelegenheit der Eheleute, sondern wird auf Vinland von drei Zeugen direkt beobachtet, die am nächsten Morgen dann verkünden, daß alles richtig vollbracht worden ist. Zwei der Zeugen stammen aus jeweils einer der beteiligten Familien und der dritte darf mit keiner verwandt sein.

Dieser Brauch mag manchen seltsam berühren. Er hängt aber auch zweifellos damit zusammen, daß das alte vinländische Bauernhaus ja oft heute noch lediglich einen großen Raum aufweist, in dem sich das gesamte und damit auch das Sexualleben aller Bewohner gemeinsam und damit sowieso vor aller Augen und Ohren abspielt. So stellt diese Zeugenschaft eigentlich nur insofern eine Besonderheit dar, als daß hier bewußt und gezielt beobachtet wird.

Tatsächlich ist dieser Brauch inzwischen weitestgehend aus der Mode gekommen und dürfen die Brautleute ihre Hochzeitsnacht ungestört in einem getrennten Zimmer verbringen. Selbst auf Höfen mit den alten einräumigen Häusern wird heutzutage häufig in einer Scheune oder einem Zelt die Möglichkeit geschaffen, gerade aus diesem Anlaß ausnahmsweise einmal ungestört für sich sein zu können. Es genügt dann in aller Regel, wenn am nächsten Morgen beide Eheleute und namentlich der Mann den Vollzug bestätigen.

Sofern es sich um die erste Ehe der Braut handelt, kann auch das Bettlaken mit dem bekannten Blutfleck als äußerlicher Beweis vorgezeigt werden, jedoch ist dies eine keineswegs vorgeschriebene oder auch nur übliche, sondern rein freiwillige Angelegenheit. Denn der vinländischen Frau sind voreheliche Kontakte auch mit mehreren Partnern keineswegs verboten, wenn sie auch nicht gern gesehen werden, worauf noch näher eingegangen wird. Jungfräulichkeit wird darum nicht zwingend gefordert und braucht daher auch nicht besonders betont oder gar durch irgendwelche Manipulationen vorgetäuscht zu werden.

Falls übrigens der Mann nicht zum Vollzug der Ehe fähig gewesen sein soll, was ja gerade bei dieser wichtigen Gelegenheit infolge Aufregung und Alkohol auch bei sonst durchaus Tatenfrohen vorkommen kann, so ist es vollkommen zulässig, auch durch andere Maßnahmen in irgendeiner Form in die Frau einzudringen, welche Möglichkeiten an dieser Stelle aber nicht weiter erläutert werden müssen. Da es auch hier eben um den Abschluß eines Vertrages und weit weniger um sexuelle Erfüllung geht, wird solches als vollgültiger Ersatz angesehen. Rücksichtsvollerweise werden sich auch tatsächlich eingesetzte Zeugen wie naturgemäß die Eheleute selbst darauf beschränken, den Vollzug an sich zu bestätigen.

Nach der Hochzeitsnacht überreicht der Ehemann seiner Gattin dann die sogenannte Morgengabe. Dieses oft auch sehr umfangreiche und wertvolle Geschenk stellt wiederum entgegen vielfachen Vermutungen keineswegs einen weiteren, nun an diese selbst entrichteten Kaufpreis für die Braut dar, sondern die endgültige Abwicklung des durch die Eheschließung getätigten Geschäftes. Denn dieses Persönliche Geschenk an die Ehefrau schafft das erste Geschäftsvermögen für das durch die Hochzeit gegründete neue gemeinsame Wirtschaftsunternehmen der Getrauten. Da die Frau ja zur Sippe des Mannes zieht und zunächst gleichsam mittellos dasteht, da die ihr mitgegebene Mitgift ja nicht ihr, sondern der Familie ihres Mannes übereignet wurde, stellt ihr der Ehegatte in Form der Morgengabe eine entsprechende Erstaustattung zur Verfügung.

Daher lautet die vinländische Bezeichnung auch etwas genauer „Hufayta“ (gesprochen etwa „Hufajüta“), was soviel wie „Haubengabe“ bedeutet. Dies spielt darauf an, daß bei der alten vinländischen Tracht unverheiratete Mädchen und Frauen das Haar offen, Verheiratete hingegen eine Haube beziehungsweise einen Schleier oder ein Kopftuch tragen. Diese Sitte wird zwar heute nicht mehr oft befolgt, wie ja auch sonst die richtige ursprüngliche Frauentracht überwiegend durch mittelländische Moden ersetzt ist, deutet aber immer noch gezielt an, daß diese Gabe vor allem die Stellung der Ehefrau als selbständige Vermögensverwalterin gleichsam eröffnet und begründet.

Dies soll gezielt verhindern, daß die Ehefrau sofort in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von ihrem Mann gerät, denn die Morgengabe geht wohl und ganz in das unabhängige Eigentum der Frau über, das sie selbst verwalten und vermehren kann. Selbst wenn bei einer Scheidung in noch zu beschreibender Art das gemeinsam erwirtschaftete Vermögen wieder aufgeteilt wird, so bleibt die Morgengabe an sich von einer direkten Rückgabe ausgeschlossen. Diese Besonderheit verführt manchen Unkundigen dazu, in der Morgengabe eine Art Bezahlung für die in der Hochzeitsnacht geleisteten Liebesdienste zu sehen, was aber wie dargelegt völliger Unsinn ist.

Nun sind noch zwei besondere vinländische Einrichtungen im Zusammenhang mit Eheschließungen zu beschreiben, nämlich der Brautraub und der Brautkampf.

Wie bereits mehrfach erwähnt, stellt der Brautraub eine zwar der dargelegten Betrachtungsweise der Ehe als nüchternes Geschäft zuwiderlaufende und heute auch kaum noch erscheinende, aber trotzdem zulässige und voll wirksame Form der Verheiratung dar. Er bildet eine zwar mühselige und durchaus gefahrvolle Möglichkeit zweier Liebender dar, notfalls eben gegen der Willen der betreffenden Familien zu heiraten.

Wie die Bezeichnung schon andeutet, handelt es sich tatsächlich um eine heimliche oder auch offen gewaltsame Entführung der zukünftigen Braut. Diese muß natürlich damit einverstanden sein, denn sonst wäre es ja tatsächlich Menschenraub und eine dann erzwungene Vermählung hätte keinerlei Wirksamkeit und härteste Bestrafung zur Folge. Natürlich müssen beide Beteiligten volljährig sein. Trifft dies etwa nur für die Braut nicht zu, so gilt dies auch bei deren Einverständnis auf jeden Fall als Menschenraub.

Da ja zumindest eine, zumeist aber beide betroffenen Familien tatsächlich und gleichsam überzeugt diese Verbindung ablehnen, kann eine wirksame Ehe auf die normale Weise keinesfalls zustande kommen, so daß hier andere Regeln gelten.

Grundsätzlich gelten die beiden Liebenden als vogelfrei, das heißt, niemand darf ihnen helfen, allerdings besteht auch im Gegensatz zur normalen Friedlosigkeit nur die Möglichkeit, nicht jedoch die Pflicht, sie auch ohne viel Federlesens zu töten. Sie werden jedoch von den Sippenangehörigen der Frau und bei entsprechender Aufforderung auch von deren Gefolgsleuten unnachgiebig verfolgt. Diese werden auch in aller Regel den Bräutigam erschlagen und dürften dies auch mit der Braut tun. Da diese aber zur gleichen Familie und Sippe zählt, wird sie zumeist am Leben bleiben, aber sicherlich hart, ja grausam bestraft werden.

Diese Jagd ist jedoch ritualisiert und unterliegt bestimmten Grenzen. So dürfen niemals dritte Personen gefährdet oder fremdes Eigentum geschädigt werden, müssen die Verfolger also in solchen Fällen die Fliehenden auf jeden Fall zunächst entkommen lassen. Selbst wenn sie zum Beispiel ein Mitleidiger in sein Haus aufnimmt, obwohl er das ja eigentlich gar nicht darf, so ist den Jägern keinesfalls ein irgendwie gewaltsames oder heimliches Eindringen gegen dessen Willen erlaubt und würde ihnen eigentlich nur übrig bleiben, das betreffende Haus zu beob-achten, bis die Flucht fortgesetzt wird.

Die Brautleute müssen diese Jagd drei Monate lang überstehen. Sie müssen in dieser Zeit dreimal miteinander geschlafen haben und dürfen niemals mehr als drei Tage und Nächte voneinander getrennt gewesen sein. Haben sie dies geschafft und kann dies auch durch Zeugenaussagen oder andere eindeutige Beweise hinreichend glaubhaft gemacht werden, können sie sich selbst verbindlich und wirksam für verheiratet erklären, was die gleiche Wirksamkeit wie die normale Eheschließung besitzt.

Damit endet sowohl die Verfolgung wie auch die besondere Form der Friedlosigkeit der Eheleute. Die beteiligten Familien dürfen sich mit dem Paar und gegebenenfalls auch miteinander wieder versöhnen. Sind sie hierzu nicht bereit, so dürfen sie zwar nichts mehr gegen die Eheleute unternehmen, können ihnen aber weiterhin jegliche Unterstützung und auch den Schutz der Sippe verweigern. Hierbei können die beiden beteiligten Sippen jede für sich entscheiden, also unterschiedlich handeln.

Spätestens jedoch nach genau drei Jahren muß eine endgültige Aussöhnung erfolgen. Niemand wird gezwungen, nunmehr Liebe und Zuneigung zu empfinden, aber zumindest sind wieder grundsätzlich Unterstützung und Schutz der Sippe zu gewähren.

Es verwundert nicht, daß auf Vinland mancherlei Sagen und Erzählungen über tatsächlich stattgefundenen oder auch vielleicht nur erfundenen Brautraub umlaufen und auch gerne gehört werden. Meist enden diese Erzählungen nämlich tragisch, so daß selbst konservative und gänzlich unromantische Familienhäupter sich dann wenigsten einbilden können, diese würden ihren heranwachsenden Kindern als Warnung dienen, ihre Herzen vor solchen Schwärmereien zu verschließen und lieber die vom Vater vermittelte Vernunftehe zu bevorzugen.

Eine andere vinländische Besonderheit ist der sogenannte Brautkampf. Er kommt zustande, wenn nach der offenen Bewerbung in der oben geschilderten Art, aber noch bevor der Brautvater die Geschenke angenommen und der Eheschließung zugestimmt hat, sich ein weiterer Bewerber meldet. Dies ist bei entsprechend guter Organisation und genauen Abpassen des richtigen Zeitpunktes selbst während einer formellen Bewerbung noch möglich, um so leichter natürlich bei einer formlosen Bewerbung ohne Geschenke. Natürlich können sich auch noch weitere Bewerber melden.

Der Brautvater kann sich sofort entscheiden und dies auch verbindlich gestalten, wenn Geschenke vorhanden sind und er sie annimmt, womit die Sache geregelt und von allen Beteiligten anzunehmen ist. Andernfalls, also auch wenn der Brautvater eine noch nicht durch Geschenkannahme verbindlich gemachte Wahl trifft, kann jeder der Bewerber den Brautkampf fordern, eigentlich eine Art Gottesurteil, dessen Sieger daher auf jeden Fall auch vom Brautvater die Zustimmung zur Heirat erhalten muß.

Normalerweise besteht der Brautkampf aus drei verschiedenen Durchgängen, bei den die Bewerber auf jeweils andere Art ihre Kräfte messen. Welcher Art diese Kämpfe sein sollen und wann sie am welchem Ort stattfinden, bestimmt der ranghöchste und falls Gleichrangigkeit besteht, der erste Bewerber, im Zweifelsfalle der Brautvater. Ort und Zeitpunkt sollen natürlich sehr naheliegend gewählt werden, aber auch hinsichtlich der Kämpfe selbst herrschen strenge Sitten, deren nicht nur empfindlichen Verlust an Ansehen bedeutet, sondern dem Brautvater wie auch dem zuständigen Adeligen beziehungsweise dem Gefolgsherrn der Brautfamilie das Recht einräumt, andere Bedingungen festzulegen.

Zunächst einmal sollten nur solche Auseinandersetzungen bestimmt werden, die augenscheinlich allen Bewerbern einigermaßen gleiche Erfolgsaussichten einräumen. Zudem sollen zumindest zwei der Durchgänge unblutig und relativ ungefährlich sein, also eher sportliche oder sonstwie geartete Wettkämpfe darstellen. Der dritte darf und wird gerade bei Vinländern hingegen einen echten, also blutigen und möglicherweise tödlichen Waffengang darstellen.

Allerdings dürfen hierbei die Bewerber normalerweise nicht direkt gegeneinander kämpfen. Nach vinländischer Auffassung gilt nämlich als ausgesprochen schlechtes Omen für eine Ehe, wenn bei deren Zustandekommen Blut vergossen wurde, ohne daß dies durch Krieg, Fehde oder Ehrverletzung gerechtfertigt wird, was sämtlich nicht durch Auftreten mehrere Bewerber begründet werden kann. Üblicherweise werden daher solche Zweikämpfe gegen Dritte ausgeführt und regelmäßig nicht auf den Tod, sondern bis auf das Blut, also bis zur ersten Verwundung. Daß dies ebenfalls bisweilen Leben kosten kann, ist verständlich, aber unschädlich, da solche Todesfälle ja nicht beabsichtigt waren, sondern als gleichsam göttlich bestimmtes Schicksal betrachtet werden.

Auch wenn heute noch die meisten vinländischen Ehen auf dieser geschäftlichen Grundlage durch die Familienhäupter und mehr oder weniger ohne Beteiligung der Brautleute geschlossen werden, ist dies häufig weit mehr auch in deren Sinne, als man zunächst glauben möchte. Denn tatsächlich finden Heiraten ja durchweg zwischen Familien statt, die mehr oder weniger benachbart und zumeist auch befreundet sind. Daher sind auch die vorgesehenen Eheleute sehr häufig schon von Kindheit an miteinander bekannt und häufig auch so vertraut, daß ihnen selbst der Gedanke gar nicht überraschend oder gar befremdlich erscheint, sich auch ehemäßig zu verbinden. Daher sind vielfach in Wahrheit die Brautleute sehr viel mehr beim Zustandekommen ihrer Ehe mit einbezogen oder gar beteiligt, als die äußerliche Betrachtung des Brauchtums und der äußere Ablauf sichtbar werden läßt. Wirkliche Zwangsehen einander unbekannter und oft noch unreifer Partner kommen eigentlich nur noch bei Adeligen und sonstigen machtvollen Familien vor, wenn hierdurch gewichtige Vorteile gewonnen werden sollen und daher oft brutal wenig oder keine Rücksicht auf die Betroffenen genommen wird. Aber gerade dieses dürfte auch so manchem Mittelländer ja aus seiner eigenen Heimat sehr wohl bekannt sein.

Weiterhin kommen auf Vinland zusätzlich recht viele echte Liebesheiraten zustande, da eine solche durchaus üblich ist, wenn es für zumindest einen Partner nicht die erste Ehe bedeutet. Denn vergleichsweise viele Vinländer sind mehr als einmal verheiratet. Das liegt weniger an ungewöhnlich vielen Scheidungen als vielmehr der doch recht hohen Sterblichkeit, wobei bei den Männern die doch häufig noch recht kriegerische Lebensführung und bei den Frauen die Gefahr des Kindbettes weit mehr eine Rolle spielen als Krankheiten, da die Vinländer eine sehr robuste Rasse sind und auch die weniger Wohlhabenden recht gesunde und ausgewogene Ernährungsgewohnheiten besitzen.

Bei einer Wiederverheiratung wird in aller Regel die Pflicht der Sippe gegenüber als durch die erste Ehe abgegolten erachtet, also zumeist kein Einfluß mehr von dieser Seite genommen. Hier kommen also überwiegend echte Liebesheiraten zustande. Hiervon unabhängig sind hierbei aber sämtlich die geschilderten Regeln und Rituale ebenfalls zu befolgen.

Trotzdem kommt es recht häufig vor, daß eine Wiederverheiratung mit einem anderen Mitglied der gleichen Sippe wie der des verstorbenen Ehegatten erfolgt. Dies liegt einerseits natürlich im Interesse beider Sippen, da auf diese Weise der durch die vorherige Ehe gewonnene Zuwachs an Vermögen und Einfluß erhalten bleibt und nicht etwa einer dritten Sippe zugute kommt. In aller Regel ist in solchen Fällen aber kein besonderer und ja auch an sich nicht zulässiger Druck in dieser Richtung notwendig, da sich oft allein schon durch den regelmäßigen Umgang miteinander bereits Vertrauens- und Zuneigungsverhältnisse ergeben haben, die eine gute Grundlage für eine neue Ehe bilden können.

Die nunmehr durch rechtsgültige Eheschließung wirksam gewordene Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft bewahrt die Gleichberechtigung der Ehegatten, also von Mann und Frau durch eine grundsätzliche strikte Teilung von Verantwortlichkeiten und entsprechende Weisungsbefugnisse, in die der jeweils andere Ehepartner keinesfalls eingreifen darf, auch wenn dies von außen nicht immer klar erkennbar erscheint.

Als Faustregel kann gesagt werden, daß der Mann außerhalb und die Frau innerhalb des Hauses die Befehlsgewalt ausübt. Grob gesprochen, ist die Frau somit für das Innere des Hauses zuständig, also für die bewegliche und feste Einrichtung, Kleidung, Nahrungsbeschaffung- und Zubereitung und anderes mehr, eben das, was durchaus auch anderenortes allgemein als Haushaltsführung betrachtet und bezeichnet wird. Die Verantwortlichkeit des Mannes erstreckt sich demzufolge auf alle außerhalb des Hauses stattfindende Tätigkeiten, also Ackerbau und Viehzucht, aber auch Jagd und Kriegshandwerk. Er ist es somit aber auch, der die Familie nach außen hin, also gegenüber Dritten vertritt.

In dieser vereinfachten Form gilt das natürlich nur für die einfachen Bauernhöfe alter Art, bei denen ja ein einziges Haus zugleich Wohnraum, Scheune beziehungsweise Vorratslager und zumindest im Winter auch Viehstall umfaßt. Gerade letzteres zeigt aber auch, daß unter Umständen aufgrund dieser strikt getrennten Bereiche die Zuständigkeit wechseln kann. Tatsächlich ist der Mann für das Vieh zuständig, solange es auf der Weide steht, und die Frau, wenn es sich im Stall aufhält.

Man kann sich leicht vorstellen, daß diese einfache Schema schwieriger umzusetzen ist, wenn sich um ein größeres Anwesen mit mehreren Gebäuden oder gar um einen anderen als einen bäuerlichen, also zum Beispiel um einen handwerklichen Betrieb handelt. Grundsätzlich wird diese Grundregel aber je nachdem durchaus vernünftig und konsequent angewendet, so daß sich auch der Außenstehende zumeist selbst ausrechnen kann, wie dies in Einzelfällen gehandhabt wird.

Verdeutlicht werden kann dies am Beispiel der Nahrungsmittel. Grundlage war hierbei auch der einzelne, sich selbst versorgende Hof. Dies heißt, der Mann beschafft außerhalb des Hauses alle Lebensmittel durch Acker- und Gartenanbau, Jagen und Sammeln oder auch natürlich Raub oder als Kriegsbeute. Diese werden vollständig in das Haus beziehungsweise Scheune oder Vorratslager eingebracht und damit in die Verantwortung der Frau übergeben. Und die entscheidet nun selbständig darüber, was von der Familie verbraucht oder in Vorrat genommen und was als Überschuß verkauft werden soll.

Die weitere Entwicklung besonders unter den günstigeren Bedingungen auf Vinland führte natürlich dazu, daß eine solche vollständige Selbstversorgung von unabhängigen Einzelhöfen nur noch in einigen abgelegenen Gegenden besteht. Überwiegend hat die inzwischen weitaus dichtere Besiedlung wie auch in anderen Ländern dazu geführt, daß die meisten Bauern eben nur noch bestimmte Nahrungsmittel gezielt produzieren, den entsprechend größeren Überschuß über den Eigenbedarf hinaus verkaufen und einen Teil des Gewinnes dazu verwenden, die übrigen notwendigen Nahrungsmittel selbst einzukaufen.

Der Erwerb von nicht selbst unmittelbar erzeugter oder sonstwie in Eigenleistung beschaffter, also etwa erjagter oder erbeuteter Nahrung durch Kauf oder Tausch ist in der grundsätzlichen Rgelung gar nicht erfaßt, weil er ursprünglich gar nicht vorkam oder doch nur eine seltene Ausnahme darstellte. Insofern stellte sich für den Vinländer die Frage, ob der Einkauf auf dem Markt nun als außerhalb des Hauses stattfindend in die Zuständigkeit des Mannes fällt oder aber in die der Frau, da hier ausschließlich die Eigenversorgung die Art und denUmfang des Einkaufs bestimmt, also eine Entscheidung, die charakteristisch für die Aufgaben der frau innerhalb des Hauses ist.

Denn der Mann wird aus seinen Äckern unabhängig vom notwendigen Eigenverbrauch möglichst viel Ertrag zu gewinnen suchen und er wird einen etwa an der Küste gestrandeten großen Wal erbeuten und für sich beanspruchen, auch wenn seine Familie diese riesigen Fleisch- und Fettmengen selbst gar nicht allein vertilgen oder sonstwie verbrauchen kann. Dies braucht ihn auch nicht weiter zu kümmern, da der Überschuß ja jederzeit gewinnbringend veräußert oder notfalls weggeworfen werden kann und selbst dies eigentlich nicht weiter kümmert, weil ja hierfür auch nichts bezahlt werden mußte. Nahrungsmittel auf dem Markt einkaufen bedeutet aber das Erbringen einer Gegenleistung durch Bezahlung oder Tausch, wobei also etwas vom eigenen Besitz abgegeben werden muß. Hier sollte also nach Möglichkeit genau der tatsächliche Bedarf gedeckt, also weder zuviel noch zuwenig beschafft werden.

Dies bedeutet, daß die beim Einkauf auf dem Markt maßgeblichen Überlegungen und Entscheidungen zwar außerhalb des Hauses stattfinden, aber abgesehen von der zusätzlichen Bezahlung völlig dem entsprechen, was allein und eigenverantwortlich die Frau bestimmt, wenn der Mann seine Ernte oder Beute in das Hausinnere schafft und dort in ihre ausschließliche Zuständigkeit übergibt.

Somit ist der Einkauf von Lebensmitteln auch außerhalb des Hauses Sache der Frau, und zwar allein aufgrund der ausführlich dargelegten nüchternen und sachgerechten Überlegungen und nicht etwa, wie leicht vermutet werden könnte, weil so ein Marktkauf von den stolzen Bauernkriegern etwa als unmännlich oder unwürdig betrachtet wird. Hier ist von großer Bedeutung, daß auf Vinland Männer wie Frauen von einer natürlichen, also angeborenen und unverlierbaren Menschenwürde ausgehen und überzeugt sind. Dies bedeutet, was immer auch ein Mann oder eine Frau aus vernünftigen oder zumindest aus vinländischer Denkweise heraus als vernünftig oder in der jeweiligen Situation sachgerecht angesehenen Gründen tut, kann grundsätzlich gar nicht würdelos oder gar entehrend sein.

Daher bedeutet diese Anweisungsbefugnis und Verantwortlichkeit auch nicht zwangsläufig, daß die entsprechende Arbeit von der eigentlich zuständigen Person auch tatsächlich verrichtet wird.

Hierfür gilt nämlich abweichend der Grundsatz der besseren Eignung, insbesondere natürlich bei einer noch überwiegend bäuerlichen Kriegergesellschaft der körperlichen Fähigkeiten. Dementsprechend werden von Frauen vor allem solche Aufgaben ausgeführt, die Ausdauer, Zähigkeit und geduldiges Beharren erfordern, während die Männer eher Tätigkeiten verrichten, die größeren Kraftaufwand und eher kurzzeitigeren, aber dafür intensiveren Einsatz verlangen. Das heißt, oftmals werden Arbeit zwar von Männern angewiesen und überwacht, aber von Frauen tatsächlich durchgeführt, wie natürlich auch umgekehrt.

Das bedeutet zum Beispiel, daß der inzwischen häufige kleine Kräutergarten wie auch direkt am Gehöft gelegene kleinerer Obst- und Gemüseanbau grundsätzlich in die Verantwortung des Mannes fallen, da es ja außerhalb des Hauses stattfindet und natürlich auch Überschuß erzielt werden kann, also eben nicht wie auf dem Markt nur Eigenbedarf gedeckt und auch bezahlt werden muß. Dessen ungeachtet werden diese Kulturen nahezu ausschließlich von den Frauen betreut, und zwar einfach deshalb, weil hier weniger Kraft als vielmehr Geduld und sorgfältige Pflege erforderlich sind, also eher frauliche Eigenschaften gefragt sind.

Im Gegenzug ist das Herstellen von Haushalts- und sonstigen Gebrauchsgegenständen aus Holz, Horn oder Bein durchweg Männersache, obwohl dies nicht nur eindeutig zum Inneren des Hauses und damit zur Zuständigkeit der Frau gehört, sondern natürlich auch viel Geduld und Ausdauer erfordert. Der Grund hierfür ist schlicht und einfach, daß für solche Schnitzereien eben besonders kräftige Hände erforderlich oder zumindest sehr vorteilhaft sind, über die aber normalerweise eher die Männer verfügen. Wiederum stört den Vinländer nicht im geringsten, daß dies keine ausgesprochen männliche oder gar heldenhafte Tätigkeit ist, genauso wie mit entsprechend kräftigen Unterarmen ausgestattete Frauen eben selbst diese Schnitzereien durchführen.

Hingegen werden auf den in die Zuständigkeit der Männer fallenden Äckern aber bei Aussaat und Ernte natürlich sämtliche Familienangehörigen beiderlei Geschlechtes eingesetzt, unabhängig der jeweiligen körperlichen Eignung. Denn hier sind vor allem möglichst viele Hände erforderlich und ist die jeweils mögliche erbrachte Einzelleistung weniger bedeutsam als die der Gesamtgruppe, also auch der bescheidenste Beitrag wichtig und notwendig.

Allein in den Aufgabenbereich des Mannes fällt wie bereits erwähnt die Vertretung der Familie nach außen, also gegenüber Dritten, und dies gilt auch, wenn es sich bei diesen um Gäste handelt. Da diese sich jedoch zumindest längere Zeit innerhalb des Hauses aufhalten und dort auf jeden Fall essen und schlafen, zudem das an anderer Stelle näher zu beschreibende vinländische Gastrecht besonders bei längeren Aufenthalten aktives Mitarbeiten im Haushalt verlangt, wäre hier eigentlich sehr eindeutig die Zuständigkeit der Frau zu erwarten. Tatsächlich wird die Betreuung von Gästen jedoch vom Mann bisweilen eigenhändig, zumindest aber auf seine direkten jeweiligen Anweisungen hin von der Frau oder anderen Familienmitgliedern wahrgenommen.

Der Grund hierfür liegt in einer sehr alten Denkweise über Grundbesitz beziehungsweise den eigenen Wohnraum, welche einen geradezu magischen Schutz, eine Unberührbarkeit und gleichsam absolutes Verbot des Betretens durch Dritte bedeutet. Solches ist ja vielfach bei Tieren zu beobachten, die ihr jeweiliges abgestecktes und markiertes Revier erbittert auch gegen Artgenossen verteidigen. Natürlich hängt dies mit dem jeweiligen eigenen Überleben ebenso wie mit der Sicherung der Fortpflanzung und des Nachwuchses zusammen.

In Vinland dürfte dieses Denken auch deshalb so stark erhalten geblieben sein, weil die dortige Gesellschaft ja insgesamt noch viele Züge zeigt, die klar noch aus der nordischen Urheimat stammen und die dortigen sehr harten Lebensbedingungen widerspiegeln. In dieser kargen Welt war aber ein gutes Stück Land eine außerordentliche Kostbarkeit und daher besonders sorgfältig und aufwendig zu schützen.

Dies bedeutet aber auch, daß ständig und offen die eigene Bereitschaft und vor allem Fähigkeit gezeigt werden muß, sein Land und seinen Besitz gegen jeden Angreifer erfolgreich zu verteidigen, um solche Gelüste möglichst erst gar nicht aufkommen zu lassen. Wenn nun aber Dritte das Eigentum betreten und sich sogar länger dort aufhalten, so könnte dies ja rein äußerlich gesehen auch bedeuten, daß diese sich ihren Zutritt aufgrund eigener überlegener Stärke gleichsam erzwungen haben und der Eigentümer dies gegen seinen Willen dulden muß, also zu einem wirksamen Schutz nicht oder nicht mehr in der Lage ist.

Daher muß sehr augenfällig verdeutlicht werden, daß der Eigentümer diese Fremden in freier Entscheidung von sich aus sein Land betreten und sich dort aufhalten läßt und sie sogar als Gastgeber versorgt. Dies geschieht durch ständige und eigentlich übertrieben dargestellte Kampf- und Verteidigungsbereitschaft des Eigentümers als Beweis dafür, daß er sich nicht unterworfen hat und jederzeit in der Lage ist, seine Besucher notfalls wieder zu vertreiben.

Natürlich wird dies heutigentags nur noch rituell und nur noch bei bestimmten zeremoniellen Anlässen wie dem Empfang der Gäste oder einem aus Anlaß dieses Besuches ausgerichteten Festmahls in strenger Form durchgeführt, wobei der Gastgeber zwar bewaffnet auftritt, aber zugleich festlich gekleidet zu sein pflegt und nicht wie einer, der einen wirklichen Kampf erwartet. Jedoch hat diese Sichtweise bis heute bewirkt, daß die gesamte Betreuung und Behandlung von Gäste unter diesem Gesichtspunkt gesehen und damit in vollem Umfang in die Zuständigkeit des Mannes gelegt wird. Denn dieser ist ja sowohl für den Schutz gegen äußere Gefahren als auch zunächst allein für Waffen und Kampf zuständig, wie noch genauer erläutert wird. Eben deshalb besitzt er dann für diese besondere Gelegenheit beziehungsweise hinsichtlich dieser Gäste die alleinige Weisungsbefugnis für die an sich der Frau zugehörigen Haushaltsangelegenheiten. Allerdings stellt dies heute eher ein äußerliches Ritual dar und dürfte auch die Betreuung der Gäste in Wahrheit von der Frau geplant und gestaltet werden, der Mann also lediglich Mitspracherecht besitzen.

Eben diese Denkweise ist auch vielfach in den Mittellanden zu beobachten. Besonders augenfällig ist dies bei zumeist noch eher barbarischen Völkern, wo selbst freundschaftlichste Besuche mit bisweilen geradezu furchterregenden Kampf- und Drohritualen verbunden und bisweilen auch regelrechte Scheinschlachten veranstaltet werden. Und auch in vielen zivilisierten Ländern ist es zumindest bei großen Anlässen und hochgestellten Besuchern beziehungsweise Gasgebern durchaus die Regel, hierbei militärisches Gepränge zu entfalten.

Daß durch diesen Aufmarsch von Streitkräften lediglich der Gast geschützt beziehungsweise Bereitschaft und Fähigkeit gezeigt werden sollen, ist zwar eine übliche, aber trotzdem unsinnige Erklärung. Denn ein hochadliger oder sonstwie hochstehender Besucher vermag und wird dies sehr wohl selbst mit eigenen Kriegern und Leibwächtern hinreichend besorgen und wird sich klugerweise auch stets und hauptsächlich auf diese verlassen. Denn er muß sich ja nicht nur auf seiner Reise selbst vor gefahren bewahren können, sondern würde grundsätzlich einen wenig nützlichen Partner abgeben, wenn er grundsätzlich nicht dazu in der Lage wäre. Und so dienen eben auch Ehrenkompanien, Ehrenwachen und andere militärische Aufgebote für Gäste in Wahrheit dem Zweck, diese notfalls an unfreundlichen Handlungen hindern und auch wieder aus dem eigenem Besitz hinauswerfen zu können, obwohl dies den beteiligten so gar nicht mehr bewußt sein mag.

Auf eben dieser Vertretung gegenüber Dritten beruht auch der bereits angesprochene Umstand, daß Frauen im Thing kein Rede- und Abstimmungsrecht besitzen. Entstanden ist dies zunächst für Ehefrauen, was ja bei volljährigen Vinländerinnen der weitaus überwiegende Stand ist. Grundlegend ist hierbei der Gedanke, daß ein Ehepaar schon eine gemeinsame Meinung zu einem Problem haben und eine solche zumindest unter sich herstellen sollte, denn sonst würde sich ja ein mehr oder weniger offen vor dem Thing ausgetragener Ehestreit ergeben, woran ja niemand ehrliches Interesse haben sollte.

Falls die Eheleute sich jedoch nicht einigen können, hätte der Mann natürlich zunächst die Gelegenheit, nur seine Meinung für sich im Thing vorzutragen und die seiner Frau einfach zu unterschlagen. Das geschieht normalerweise vor allem dann, wenn es lediglich um eine Abstimmung geht und die Angelegenheit sowieso für die Eheleute selbst keine besondere Bedeutung hat, also eigentlich hieraus keine wirklich schwere Ehekonflikte zu erwarten sind. Sollte es sich jedoch tatsächlich um sehr bedeutsame Dinge handeln, vor allem selbst Anträge gestellt oder Klage erhoben werden, so kann eine Ehefrau von sich aus einen Dritten als Sprachrohr bestimmen, falls ihr Mann selbst nicht dazu bereit ist und im Thing unabhängig sei-nen Standpunkt vertreten will.

Da das öffentliche Austragen ihrer Meinungsverschiedenheit normalerweise auch nicht Wunsch der Eheleute selbst ist, gilt zumeist die Übereinkunft, daß nach außen hin dann nur der Standpunkt desjenigen Ehegatten vertreten wird, der von der Angelegenheit direkter betroffen ist, was ja zumeist unterschieden werden kann. Das heißt, daß somit Männer oftmals gleichsam selbstlos ihre eigene Ansicht zurückstellen und nur für die der Ehefrau eintreten. Denn grundsätzlich könnten sie ja zweifach, eben ausdrücklich getrennt sowohl als Vertreter einer anderen Person wie auch für sich selbst in unterschiedlicher Weise zweimal reden und zweimal abstimmen. Dies ist aber verständlicherweise sehr unüblich, und zwar auch bei Vertretung einer anderen Person als der Ehefrau, also zum Beispiel eines Minderjährigen. Denn natürlich setzt eine ordentliche Wahrnehmung der Interessen einer dritten Person grundsätzlich eine gleiche Meinung hierzu voraus und würde ein gleichsam widerwillig gegen die eigene Überzeugung geleisteter Beitrag mit Befremden und auch mit Mißtrauen betrachtet werden und hätte meist wenig Überzeugungskraft.

Natürlich haben sich für die meisten Gelegenheiten mehr oder weniger festliegende Regeln entwickelt, welche Arbeiten von Männern und welche von Frauen wahrgenommen werden. Dies begründet sich aber allein darauf, daß sich dies sachlich aus normalerweise vorhandenen Befähigungen und Eignungen ergibt und nicht etwa aus der Auffassung , daß bestimmte Tätigkeiten aus religiösen, sittlichen oder sonstigen ideologischen Gründen eben grundsätzlich Männer- oder Frauenarbeit darstellen. Wenn daher im gleichsam begründeten Einzelfall ein Mann eine sonst fast nur von Frauen wahrgenommene Arbeit verrichtet oder umgekehrt, so wird sich kein Vinländer hieran stören oder gar über eine Mißachtung irgendwelcher althergebrachter Sitten oder gar des Anstandes aufregen.

Diese zunächst streng getrennte, jeweils einseitige und unabhängige Zuständigkeit und Entschei-dungsgewalt kann aber tatsächlich auch vom Grundsatz her nicht immer so bewahrt werden. Um bei den Lebensmitteln zu bleiben, ist hier natürlich klar, daß diese nur selbst verbraucht oder aber verkauft werden können, denn liegen und verderben lassen wäre natürlich höchst unvernünftig. Die Entscheidung darüber trifft zunächst allein die Frau. Der zu veräußernde Teil und damit der hieraus gewonnene Ertrag soll und wird aber in irgendeiner Form wieder weiter verwendet werden und daher ist sein Umfang keineswegs ohne Belang. Wie groß er aber ist, hängt ja wiederum entscheidend vom Mann ab, der durch seine eigenverantwortliche Entscheidung, was er in welchem Umfang anbaut, erjagt oder sonstwie beschafft, ganz entscheidend bestimmt, was die Frau als Überschuß und damit Gewinn von der Eigenversorgung abzweigen kann.

Weiterhin kann ja der Eigenbedarf über die unbedingt notwendige Grundversorgung hinaus jeweils frei gestaltet werden. Das heißt, ermöglicht man etwa nach eingebrachter Ernte den Winter über durch entsprechend großzügig bestimmten Eigenbedarf ein recht üppiges Leben und bleibt bei infolge geringeren Zugewinns durch Verkauf des Restes bescheideneren sonstigen Anschaffungen und Ausgaben oder beschließt man, den Gürtel bewußt enger zu schnallen, um die Mittel für größere Neuerwerbungen zu erhalten, also genügend Gewinn, um den bisherigen Standard nicht nur zu sichern, sondern zu erhöhen., was von der Anschaffung neuer Kleider, Möbel oder sonstiger kleinerer Güter bis hin zu einem Hausbau oder Kauf zusätzlichen Viehs oder Ackergrundes reichen kann, also langfristige und gewichtige Entscheidungen bedeutet.

Es ist klar, daß solche Entscheidungen gleichermaßen nachhaltig den Zuständigkeitsbereich des Manne sowie der Frau berühren. Von verbreiteten mittelländischen Gewohnheiten ausgehend, würde man zunächst erwarten, daß einer von beiden und natürlich zumeist der Mann das letzte Wort erhält, also auch für diesen übergreifenden Bereich die alleinige Entscheidungsgewalt. So etwas käme dem Vinländer jedoch nicht in den Sinn.

Sowohl aus seiner Betrachtungsweise einer Ehe als Geschäftsverbindung wie auch aus der hier erkennbar tief verwurzelten Gleichberechtigung von Mann und Frau heraus kann er bei solchen Fällen einer nicht mehr vernünftig begründbaren Einzelverantwortung nur zu dem Ergebnis kommen, daß solche Entscheidungen gemeinsam getroffen werden müssen. Und da bei einem Ehepaar nun einmal keine Mehrheitsentscheidung möglich ist, müssen beide eben zu einer einvernehmlichen Entscheidung gelangen. Tatsächlich stellen die gemeinsamen Entscheidungen für den Vinländer das ganz besondere Merkmal einer Ehe dar und unterscheiden sie von anderen Gruppierungen wie der Sippe und auch der Familie, wo ja auch unmündige Kinder nicht entscheidungs- oder in diesem Sinne gleichberechtigt sind.

Tatsächlich entscheidet sich an dieser Fähigkeit, wirklich gemeinsame Beschlüsse zu fassen und zu verwirklichen, ob eine vinländische Ehe als gut angesehen wird. Zerwürfnisse und Trennungen entstehen auch durchweg aus Auseinandersetzungen in eben diesem Bereich, da alle anderen möglichen Konfliktfelder ja wie zum Teil bereits beschrieben und unten noch weiter erläutert rein nach praktischen und vernünftigen Gesichtspunkten geregelt sind und daher das eigentliche Selbstwertgefühl und die Ehre von Mann wie von Frau grundsätzlich überhaupt nicht verletzen, also normalerweise ohne Probleme auch innerer Art angenommen und verwirklicht werden können.

Diese wirkliche Gleichberechtigung ebenso wie die gegenseitige Partnerschaft und das gegenseitige Vertrauen zeigt und bewährt sich dann auch dadurch, daß die entsprechende Neuanschaffung ja normalerweise dann wieder klar einem der grundsätzlichen Zuständigkeitsbereiche zugeordnet werden kann und auch gleichsam übereignet wird. Der jeweils andere Partner verzichtet also dann auf jegliche Verfügungs- und Entscheidungsgewalt, obwohl er zuvor einen entscheidenden, vielleicht sogar überwiegenden Anteil hierzu erbracht hat.

Das heißt, daß zum Beispiel eine Vinländerin zwar sehr wohl und unbestritten fast nur durch ihre geschickte Haushaltsführung den Zukauf eines neuen Stück Ackers ermöglicht haben könnte, es ihr aber trotzdem grundsätzlich nie in den Sinn käme, dem Mann hinsichtlich dessen Nutzung irgendwie hinein zu reden, also in dessen ausschließlichen Verantwortungsbereich. Selbst wenn bei der vorherigen gemeinsamen Vereinbarung über den Kauf vermutlich sehr genauere Absichten damit verbunden wurden, steht dem Manne dann frei, in nunmehr alleiniger Zuständigkeit unter Umständen neu und unter Umständen völlig anders zu entscheiden. Natürlich dürfte solch eine Entscheidung dann immer noch vernünftig und damit auch für die Frau einsehbar und annehmbar sein. Denn andernfalls kann unterstellt werden, daß der Mann seine Frau in irgendeiner Form hintergehen oder gar schädigen will und vielleicht schon bei der Beschlußfassung bewußt getäuscht hat. Dann aber würde die gemeinschaftliche Grundlage der Ehe selbst bereits nicht mehr gegeben oder bereits zerstört sein.

Natürlich bewirkt das gegebene oder zumindest wachsende gegenseitige Partnerschafts- und Vertrauensverhältnis einer guten Ehe auch auf Vinland, daß an sich einseitig zu treffende Entscheidungen nicht einfach gefällt und dem Partner lapidar verkündet, sondern zumindest in wichtigeren oder nicht selbstverständlichen Fällen schon vorher mit ihm besprochen werden und seine Meinung auch das Ergebnis mit beeinflußt. Tatsächlich werden die meisten Beschlüsse in einer vinländischen Ehe gemeinschaftlich getroffen.

Gleichwohl ist es für die vinländische Gesellschaft, aber auch für vinländisches Verhalten und Selbstverständnis von großer Bedeutung, daß diese Zusammenhänge trotz aller eventuellen äußerlichen Vernachlässigung noch sehr bewußt vorhanden sind. Denn gelegentlich kommen doch immer wieder wenn nicht schon Streitereien, so jedoch Uneinigkeit hinsichtlich bestimmter Angelegenheiten vor. Und hier zeigt sich zumeist beeindruckend die immer noch ungebrochene Lebendigkeit dieser Wertvorstellungen, weil nämlich dann tatsächlich der andere Partner die dann notwendige Einzelentscheidung des Verantwortlichen nicht nur annimmt, sondern auch wirklich für sich selbst übernimmt und dann auch Dritten gegenüber vertritt. Daher sollte jeder ausländische Partner oder Politiker im Umgang mit einem Vinländer stets daran denken, daß ein solcher trotz vielleicht aller äußerlicher Hinwendung zu Neuzeitlichem oder Festländischem in seinem Inneren ein Vinländer ist und bleibt.

Natürlich gehört zum Sinn und Zweck einer auch rein nach Vernunftgründen geschlossenen vinländischen Ehe die Zeugung und Geburt möglichst vieler Nachkommen, da diese ja unverzichtbarer Bestandteil des Vermehrens und der Bewahrung von Macht und Reichtum darstellen. Dies setzt aber keineswegs entsprechende gefühlsmäßige Bindungen der Eheleute voraus, sondern kann durchaus als reine „Pflichterfüllung“ der Ehegatten vollzogen werden. Wenn sich hierbei eine tatsächliche Liebesbeziehung ergib, wird dies natürlich als sehr erfreulich, aber keineswegs als unabdingbar für das Fortbestehen der Ehe angesehen. Denn wenn auch die Vinländer sexuelle Befriedigung als unabdingbar für ein ausgeglichenes Leben ansehen, so muß diese erklärtermaßen keineswegs nur über die Ehe erlangt werden, die ja wie gezeigt zunächst gänzlich anderen Zwecken dient.

Von daher werden vor- und auch außerehelicher sexueller Aktivitäten nicht nur geduldet, sondern auch ganz offen geregelt. Der vinländische Mann kann nämlich außer einer Ehe noch zwei andere eheähnliche Beziehungen eingehen, und zwar als Lediger wie als Verheirateter. Daher wird manchmal auf dem Festland von vinländischer „Vielweiberei“ berichtet, obwohl dies so nicht zutrifft.

Zunächst kann er sich eine sogenannte „Bettsklavin“ zulegen, also eine Unfreie zu keinem anderen Zweck als der Sexualpartnerschaft. Auf vinländisch spricht man von einer „Badewar“, das heißt einer „Bettdienerin“. Sofern es sich hierbei um ein Vinländerin handelt, gelten auch hier die vergleichsweise hohen Ansichten von Würde und Rechten solcher Personen. Dies bedeutet, daß die Unfreie bereits aus den sonst üblichen Gründen dem Vinländer zugehören muß und nicht einfach zu diesem Zweck gekauft werden kann, und weiterhin, daß sie damit einverstanden sein muß, denn dies zählt ja keineswegs zu den normalerweise üblichen Diensten einer Unfreien. Sofern jedoch nicht ausgesprochene Abneigung seitens der Unfreien besteht, wird diese regelmäßig einverstanden sein, da sie ja auf diese Weise ihren Status verbessern oder zumindest ihr Leben angenehmer gestalten kann, was natürlich auch für aus dieser Verbindung hervorgehende Kinder gilt, auch wenn diese lediglich zu den weiter unten behandelten „Bastarden“ zählen.

Weniger rücksichtsvoll wird eine ausländische Unfreie, also eine regelrechte Sklavin behandelt. Zwar ist Sklavenhandel, also der Kauf und Verkauf von Menschen auf Vinland verboten und wird teilweise auch streng verfolgt, jedoch wird dies gerade in diesen Fällen bisweilen als „Geschenk“ getarnt und mehr oder weniger geduldet. Tatsächlich weisen die vinländischen Gesetzte und Brauchtümer hinsichtlich der früher ja gänzlich unbekannten wirklichen Sklaverei etliche Lücken und Unklarheiten auf, sofern es sich nicht um die allerdings die Mehrheit darstellenden Kriegsgefangenen handelt, wo man recht gut Analogien zu vinländischen Kriegsbräuchen herstellen kann.

Die zweite Möglichkeit besteht in der „Nebenehe“ oder „Nebenfrau“. Dies entspricht in etwa einem offenen Konkubinat in den Mittellanden mit dem gewichtigen Unterschied, daß auf Vinland hierzu eine zwar besondere und eingeschränkte Form, aber dennoch eine regelrechte Ehe geschlossen wird und die Nebenfrau auch Anspruch auf eine Morgengabe hat. Die Nebenfrau kann jedoch niemals die Stellung, die Rechte und auch die materiellen Vorteile einer Ehefrau erlangen und die gemeinsamen Kinder gehören ebenfalls zu den Bastarden. Zwar nicht ausdrücklich verboten, aber höchst ungewöhnlich ist es auch, daß die Nebenfrau durch eine reguläre Heirat zur normalen Ehefrau wird, weil ihr bisheriger Partner entweder bis dahin unverheiratet war oder dies als Witwer beziehungsweise geschiedener wieder wird.

Auf Vinland wird eine Nebenfrau auch als „Kebse“ oder „Kebsfrau“ bezeichnet, was eine jüngere Sprachform von vinländisch „Kêfsir“ darstellt. Dies wiederum ist eine Verballhornung von „Kiusfarar“, was etwa „erwählte Gefährtin“ bedeutet.

Daher müssen und können vorhandene normale Ehefrau solche Nebenehen ihres Gatten dulden, da ihre Stellung ja auf keine Fall gefährdet ist und die sexuelle oder auch nur emotionale Komponente für ihre eigene Ehe ja eigentlich überhaupt keine Rolle spielt.

Eine Nebenfrau muß grundsätzlich eine freie Vinländerin sein und stammt daher regelmäßig aus einer niedrigeren sozialen Schicht, um so ebenfalls für sich und ihre Kinder verbesserte Verhältnisse zu erlangen. Ausgesprochene Liebe spielt hierbei nur selten eine Rolle, denn in solchen Fällen wird ihr Partner eifrig bemüht sein, seine bisherige Ehe scheiden zu lassen, was heutigentags auf Vinland relativ problemlos bewerkstelligt werden kann, wenn es wirklich gewünscht wird, wie weiter unten noch zu zeigen ist.

Diese Einrichtungen erklären auch, weshalb es auf Vinland eigentlich nie eine gewerbliche Prostitution gegeben hat. Wenn diese jetzt eher vorkommt, so hängt dies vor allem mit dem Bedarf durch dort inzwischen wohnende und aus ihrer Heimat anderes gewohnte Ausländer zusammen. Allerdings finden auch Vinländer allmählich daran Gefallen, da sich hier natürlich erhebliche Kosten einsparen lassen.

Weil tatsächlich in den meisten Ehen unabhängig von der Freiwilligkeit die Partner ein echtes Liebesverhältnis entwickeln, besteht jedoch zumeist für solche zusätzlichen Verbindungen gar kein wirklicher Bedarf und tritt zumeist nur dann auf, wenn die eigentliche Ehe besonders unbefriedigend oder gar unglücklich verläuft, aber von solcher politischen oder materiellen Bedeutung ist, daß von den beteiligten Familien und Sippen die eigentlich anstehende Scheidung verhindert und die Fortführung der Ehe praktisch erzwungen wird. Außerdem verursacht eine Bettsklavin und erst recht eine Nebenfrau erhebliche Kosten und beansprucht zudem ja auch zusätzlich mehr Zeit, als ein hart arbeitender einfacher Vinländer normalerweise aufbringen kann.

Daher treten solche zusätzlichen Beziehungen beziehungsweise Ehen fast nur bei Adeligen oder ansonsten besonders reichen Männern auf, während die überwiegende Mehrheit der Vinländer in einer normalen Einehe lebt. Da in diesen Kreisen ja wie früher erwähnt auch durchaus häufig tatsächliche Zwangsehen gestiftet werden, wird hierdurch sogar ein gewisser gerechter Ausgleich geschaffen, zumindest zunächst einmal für die Männer.

Denn die vinländische Frau ist in dieser Hinsicht weit stärkeren Beschränkungen unterworfen und hier wird es tatsächlich recht schwer, dies nicht eine Abkehr der Gleichberechtigung der Geschlechter zu erkennen. Aber auch hier liegen nüchterne Vernunftgründe vor.

Die Idealvorstellung fordert von einer Vinländerin Keuschheit, also unberührte Jungfräulichkeit vor und absolute Treue während der Ehe. Der eigentliche Grund hierfür liegt aber in den fehlenden Möglichkeiten zuverlässig wirkender Verhütungs- und Abtreibungsmethoden sowie in recht hohen Lebensgefahr für die Mutter bei Geburten.

Ein nichteheliches Kind muß natürlich von der Mutter und ihrer Familie unterhalten werden und selbst wenn der Erzeuger sich zu seiner Vaterschaft bekennt, braucht er lediglich bis zur Volljährigkeit zwei Drittel der Unterhaltskosten zu tragen und unterliegt keinerlei weiteren Pflichten. Handelt es sich bei dem Kind um einen Bastard, ist also der Vater oder die Mutter oder sind sogar beide anderweitig verheiratet, so ist auch bei Anerkenntnis nur die Familie der Mutter unterhaltspflichtig. Die für den dann ja stattgefundenen Ehebruch vorgesehenen Strafen werden später behandelt, hier geht es um die Tatsache, daß die allzu häufig unvermeidbare Folge eines nichtehelichen Verhältnisses der Familie der Frau auf jeden Fall unangenehme, oft recht beträchtliche Kosten verursacht. Daher wird Mutter auch auf keine sonstige Weise zusätzlich bestraft.

Der zweite Punkt ist hierbei die immer noch recht hohe Müttersterblichkeit bei Geburten. Wenn eine Frau nach ihrer Heirat bei der Geburt eines ehelichen Kindes stirbt, ist das zwar ein ebenso trauriger Todesfall, aber sie ihrer Familie und Sippe doch bereits durch die ja schon zustande gekommene und auch sich anschließend ja nicht völlig wieder auflösendeVerbindung einigen Nutzen erbracht. Stirbt sie hingegen schon bei einer Geburt vor ihrer Verheiratung, hat sie ihre grundsätzliche Pflicht, ihrer Sippe durch Heirat Zuwachs an Macht und R Reichtum zu verschaffen, leichtfertig um eines eigenen Vergnügens willen nicht erfüllt.

Diese zunächst etwas brutale Sichtweise zeigt sehr deutlich, daß es hier nicht um prüde Moralvorstellungen oder sexuelle Einschränkung der Frauen an sich geht, sondern allein um den Schaden, den sie ihrer Familie und Sippe in der Folge zufügen kann. Genau dies kann dem Mann aber nicht passieren, denn wenn er sie leugnet, besteht ja praktisch keine Möglichkeit, seine Vaterschaft tatsächlich zu beweisen und etwa durch das Thing feststellen zu lassen. Wenn er also ein nichteheliches Kind anerkennt, beruht der dann zu leistende Unterhaltsbeitrag ja ausschließlich auf seinem eigenen Entgegenkommen und seiner Anständigkeit.

Hieraus erklärt sich auch das vergleichsweise harte Vorgehen gegen eine Ehebrecherin, denn diese gefährdet wiederum durch ihre Lebensgefahr bei der Geburt des nichtehelichen und damit gewissermaßen nutzlosen, ja belastenden Kindes nicht nur allgemein ihre allgemeine Pflicht, durch Nachwuchs generell ihre Sippe zu unterstützen, sondern ist ja durch ihre Ehe eine noch persönlichere direkte Verpflichtung hinsichtlich ihrer eigenen engeren Familie dem Ehemann gegenüber eingegangen. Daher gibt der weibliche Ehebruch de Ehemann zwar bezeichnederweise nicht die Pflicht, aber sehr wohl das uneingeschränkte Recht auf sofortige Scheidung und die Frau muß unabhängig der sonstigen noch zu erläuternden vermögensrechtlichen Regelungen auf jeden Fall ein gesondertes empfindlichen Bußgeld entrichten.

In einigen rauhen und eher rückständigen Gegenden Vinlands darf der Ehemann seine ehebrüchige Frau ungestraft erschlagen, allerdings nur, wenn er sie auf frischer Tat überrascht, wobei er deren ja zwangsläufig ebenfalls anwesenden Partner allerdings kein wirkliches Leid antun darf als ihn vielleicht recht unsanft hinaus zu werfen. Es zeigt erneut die nüchterne Betrachtungsweise ohne jede eigentliche sexualmoralische Wertung, daß diese ja auch in den mittelländischen Gesellschaften recht häufige Regelung auf Vinland zu keiner Zeit allgemeiner Brauch oder gar Gesetz war und ist. Zuallermeist würde der Ehemann angeklagt und verurteilt werden, wenn auch nicht wegen Mordes, sondern wegen der ja zumeist zuzubilligenden Wut und Erregung lediglich wegen Totschlages.

Völlig straffrei geht eine ledige wie verheiratete Vinländerin aber in jedem Fall aus, wenn sie nachweisen kann, daß sie vergewaltigt oder aber gegen ihren Willen verführt wurde, also durch Einsatz von Liebestränken oder anderen Zauber.

Das bedeutet konkret aber umgekehrt, daß eine Vinländerin grundsätzlich ebenfalls die Freiheit beliebiger vor- und sogar außerehelichen sexuellen Kontakte hat. Sie darf sich als Ehefrau eben nicht zumindest von einem leicht erregbaren oder nachtragendem Gatten erwischen lassen und allgemein eben kein Kind aus einer solchen Verbindung heraus bekommen. Kann sie dies vermeiden, so geschieht ihr gar nichts, selbst wenn ihre Aktivitäten auf sonstige Weise und hierdurch noch so zweifelsfrei bekannt werden. Das gilt selbst für den Seitensprung einer Ehefrau, um allein hierauf begründet eine Scheidung zu erhalten, muß ihr Ehemann sie persönlich auf frischer Tat überraschen.

Dementsprechend sind die Folgen für den männliche Partner noch harmloser. Er zahlt grundsätzlich nur eine Geldbuße an den gehörnten Ehemann, die allerdings zumeist empfindlich hoch ausfallen kann, wenn er selbst auch in eigener Person verheiratet ist. Denn in diesem Fall kommt erschwerend hinzu, daß er nicht nur die eheliche Geschäftsbeziehung eines anderen Vinländer eingreift, sondern er hätte ja selbst als Ehemann mit Duldung und eigentlich sogar materieller Unterstützung seiner Frau die Möglichkeit, sich eine Bettsklavin oder Nebenfrau zuzulegen. Bei einem Unverheirateten kann man zu seinen Gunsten annehmen, daß er noch seitens seiner Familie noch keine eigentliches eigenes Vermögen erhalten hat und hierfür auch keines erhalten würde. Und falls ein Ehemann anführen würde, daß ihm dafür die Mittel fehlen würde, hätte er eben besser heiraten oder sich seinem Schicksal fügen oder sich wenigsten eine unverheiratete Liebhaberin zulegen sollen.

Es ist natürlich klar, daß auch Vinländer aus Wut, Enttäuschung, verletztem Stolz, enttäuschter Liebe und anderen Emotionen heraus tatsächlich auch anders reagieren als auf die recht kühle und nüchterne Art, wie sie aus den vorstehenden Darlegungen hervorgeht. Aber da diese Regelungen nun einmal sehr dem Charakter und der Sichtweise des Vinländers entspricht, geschieht dies vergleichsweise selten und wenn, dann kann er sich meistens dann selbst wieder beruhigen und nunmehr das erwartete Verhalten zeigen. Zudem werden andere Angehörige seiner Sippe eingreifen und ihn hierbei unterstützen, notfalls recht nachdrücklich. Beide Familien beziehungsweise Sippen pflegen bei solchen Gelegenheiten regelmäßig zur Wiederherstellung von ja im gemeinsamen Interesse liegenden ordentlichen Verhältnissen zusammen zu arbeiten.

Natürlich sind manche Risse nicht mehr zu flicken und muß manche Ehe auch als gescheitert angesehen werden. Normalerweise haben sich persönliche Empfindungen zwar dem Nutzen der Sippe unterzuordnen, aber auch nach vinländischer Auffassung gibt es bei der im Fall der Ehe ja nicht blutsmäßigen und somit unauflöslichen, sondern eher geschäftsmäßigen Bindung eines Grenze der Unzumutbarkeit, ganz wie im normalen Geschäftsleben ja auch Ehre, Anstand und Moral die eine oder andere verwerfliche Verbindung trotz lockender reicher Gewinne verhindern können.