5-Familie, Sippe, Clan und Haushalt

Wie jede Gesellschaft stellt auch die vinländische ihre einzelnen Mitglieder in ein komplexes Gefüge blutsmäßiger wie sozialer Beziehungen und Gruppierungen. Mit der äußeren und inneren Wandlung in der Geschichte eines Volkes pflegen solche Strukturen oft deutliche Veränderungen hinsichtlich ihrer Bedeutung und Funktion durchzumachen. Bei der zur Zeit noch in recht ursprünglicher Form erhaltenen vinländischen Gesellschaft bestimmen diese verschiedenen Bezugssysteme noch sehr deutlich das individuelle und Gruppenverhalten, jedoch zeigt der allgemein immer spürbarere Umbruch auch in dieser Hinsicht bereits Folgen.

Familie
Die kleinste Gruppierung, der sich ein Vinländer zugehörig fühlt, ist seine Familie. Grundsätzlich versteht man hierunter ein Ehepaar mit den ihrer Erziehungsgewalt unterstellten Kindern (also eheliche, anerkannte nichteheliche oder in die Ehe eingebrachte Kinder ebenso wie adoptierte u.ä.). Hinzu kommen einzelne Blutsverwandte ersten Grades, also meist Eltern, Elternteile oder Geschwister, die mit diesem Ehepaar fest und auf Dauer im gleichen Haushalt leben. Ebenso zählen mündig gewordene Kinder weiterhin zu dieser Familie, solange sie noch zum Haushalt gehören. Die Familie stellt also eine Gruppe eng miteinander blutsmäßig verwandter oder verschwägerte Personen dar, die eine feste, nach außen abgetrennte Wohn- und Lebens-gemeinschaft bilden.

Üblich ist es allerdings, nur dann von einer Familie zu sprechen, wenn unter den Gruppenmitgliedern zumindest eine Ehe oder ein direktes Abstammungsverhältnis besteht. Das heißt, ein verwitweter Elternteil zusammen mit einem Kind würde als Familie angesehen, zwei zusammenlebende unverheiratete Geschwister aber nicht. Hingegen stellt ein kinderloses Ehepaar ebenso eine Familie dar wie ein solches, dessen erwachsene Kinder sämtlich die Wohngemeinschaft auf Dauer verlassen haben und damit aus dieser, ihrer bisherigen Familie ausgeschieden sind.

Dies bedeutet zum Beispiel, daß auf einem großen Bauernhof die dort versammelte Gemeinschaft in mehrere Familien unterteilt werden kann, nämlich die des eigentlichen Bauers und die von verschiedenen Bediensteten. Anders herum betrachtet wird ein einzeln lebender Junggeselle niemals als Familie betrachtet, da diese eben eine Gemeinschaft zumindest zweier Personen darstellt. Er wird auch nicht seine nächste Blutsverwandschaft als seine Familie ansehen, da hier die feste Wohngemeinschaft fehlt. Diese würde er vielmehr zu seiner Sippe zählen und wenn zum Beispiel auf seinem Anwesen auch Bedienstete leben, gehörten diese zu seinem Haushalt, wobei diese Bediensteten wiederum eigene Familien innerhalb dieses Haushaltes darstellen könnten.

Im Gegensatz zu den Gewohnheiten in vielen anderen Ländern versteht der Vinländer unter einer Familie keine blutsmäßige oder durch Ehe geknüpfte Verbindung auf Dauer, sondern eine an konkrete äußere Bedingungen geknüpfte und wechselnde Gruppierung. Er wird also normalerweise im Lauf seines Lebens zumindest zwei verschiedenen Familien angehören, nämlich zunächst der seiner Eltern und später derjenigen, die er selbst durch seine Eheschließung neu begründet. Während in vielen festländischen Gesellschaften in einer Eheschließung eher das Wechseln eines Ehepartner aus seiner in die Familie des Ehegattens gesehen wird, scheiden vinländische Heiratende beide aus ihrer bisherigen Familie aus und gründen eine völlig neue und eigenständige Gruppierung. Die Verbindung zur jeweiligen bisherigen Familie bleibt lediglich über das Institut der jeweiligen Sippe erhalten, die aber über diese Heirat nicht irgendwie verwandtschaftlich miteinander verbunden werden oder gar eine neue Einheit bilden. Die durch eine Ehe geschaffene Verbindung bezieht sich lediglich auf äußere Dinge wie Besitz, Reichtum, Macht und ähnliches. Daher unterscheidet sich auch vinländische "Heiratspolitik" insbesondere der reichen und adeligen Geschlechter zwar äußerlich nicht sehr von der in vielen anderen Ländern, beruht jedoch zum teil auf grundlegend anderen Beweggründen und Zielsetzungen.

Sippe
Die vinländische Sippe entspricht in etwa dem, was in den Mittellanden häufiger als Familie oder Großfamilie bezeichnet wird, das heißt die Gesamtgruppe aller blutsmäßig miteinander verwandten Abkömmlinge eines – häufig schon legendären – Ahnenpaars. Durch Verschwägerung, also Heirat hingegen wird keine Sippenbindung hergestellt, beide Ehegatten bleiben also weiterhin Angehörige ihrer bisherigen Sippe. Gemeinsame Kinder zählen normalerweise zur Sippe des Vaters, doch gibt es hiervon zahlreiche Ausnahmen. Stirbt zum Beispiel der Ehemann, so werden noch unmündige Kinder regelmäßig von der Sippe der Frau aufgenommen, es sei denn, ein Angehöriger der Vatersippe adoptiert das Kind und nimmt es auch konkret in seine Familie auf, was aber das Einverständnis der leiblichen Mutter voraussetzt. Volljährige Kinder hingegen verbleiben in der Sippe des Vaters. Nichteheliche oder aus einer früheren Ehe der Frau stammende und in die jetzige Ehe eingebrachte Kinder verbleiben auch dann in der Sippe der Mutter, wenn sie vom neuen Ehemann adoptiert werden und hierdurch diesem gegenüber z.B. voll erbberechtigt werden.

Auch eheliche Kinder können zum Beispiel dann nicht der väterlichen, sondern müssen der mütterlichen Sippe zugerechnet werden, wenn das Ehepaar auf einem Besitz lebt, den die Ehefrau in Eigenrecht in die Ehe eingebracht hat und den der Mann lediglich in Nießbrauch nutzt. Hierdurch wird einfach verhindert, daß über die Kinder der Besitz der Muttersippe der Vatersippe zufällt. Tatsächlich dient dieses recht komplizierte System vor allem einer gerechten Regelung von Besitz- und Erbschaftsansprüchen und sichern unter anderem auch die gleichberechtigte Stellung der vinländischen Frau, da die grundsätzliche Eingliederung ehelicher Abkömmlinge in die Vatersippe ja die männliche Linie ja bereits einseitig bevorzugt.

Neben seiner eigenen Familie stellt die Sippe für den Vinländern die wichtigste und tiefste aller seiner Bindungen dar. Eine Ehe zum Beispiel ist ja von der Sache her gesehen eher ein Vertrag und jederzeit wieder lösbar, die Bindung an die Sippe jedoch beruht auf dem Blut und der Abstammung und ist unauflöslich bis zum Tod, denn selbst wenn Gesippen untereinander in bittere Feindschaft geraten, sich blutig befehden und gegenseitig totschlagen, bleiben sie nach wie vor Angehörige dieser Sippe, die lediglich Sinn und Zweck dieser Bindung, nicht aber die Bindung selbst zerstören können. Auch die gelegentliche Neugründung einer Sippe bedeutet für keinen einzigen der beteiligten Personen einen Wechsel während seines Lebens, denn sie wird, wie weiter unten erläutert, erst bei einer späteren Generation gleichsam rückwirkend vollzogen, also von dem eigentlichen Ahnenpaar dieser Sippe gar nicht mehr erlebt.

Die gleichsam heilige unauflösliche Blutsbindung der Sippe erklärt, daß hierauf nicht nur ein allgemeines verwandtschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl basiert, sondern ein uneingeschränktes Hilfs- und Schutzbündnis. Jeder Vinländer kann sich jederzeit auf den rückhaltlosen Beistand aller Sippenangehörigen verlassen und ist selbst jederzeit hierzu bereit. Das gilt auch, wenn zum Beispiel die betreffende Notlage schuldhaft verursacht, ja selbst eindeutig ein Schwerverbrechen oder sonstiges auch in den Augen der Gesippen unzweideutiges Unrecht schuldhaft begangen wurde. Es ist klar, daß bei solchen Gelegenheiten schwerste innere Konflikte für einen Vinländer zwischen seinen Ehrbegriffen beziehungsweise seiner Ehrhaftigkeit entstehen können, und viele Sagas berichten über hieraus fast unvermeidbar folgernde Tragödien. Selbst ein rechtmäßig vom Thing für vogelfrei Erklärter bleibt Angehöriger seiner Sippe, obwohl deren übrige Mitglieder wie jeder andere Vinländer der heiligen Pflicht unterliegen, ihn zu verstoßen oder gar bei einer Begegnung ohne Zögern zu erschlagen. In die-sem besonderen Fall wird es dann auch allgemein entschuldigt und nicht als verwerflich angesehen, wenn ein Vogelfreier von seinen Gesippen sogar heimlich ein wenig Hilfe erhält, etwa Mittel und Möglichkeit zu einer sicheren Flucht ins Ausland.

Es muß auch gesagt werden, daß die Sippenbindung heutzutage nicht nur bei solchen tragischen Gewissenskonflikten, sondern auch schon aufgrund eigensüchtiger materieller Interessen und Vorteile nicht immer noch den früheren hochheiligen und unverletzlichen Wert besitzt. Naturgemäß kommt dies am ehesten bei den Reichen und Mächtigen vor, da dort entsprechend mehr Geld, Macht und Einfluß auf dem Spiel steht und somit leichtfertiger tief verwurzelte Verhaltensregeln gebrochen werden können. Allerdings werden solche Taten noch keineswegs als ehrenhaft oder auch nur mit Gleichmut betrachtet, sondern allgemein als verwerflich, ja verbrecherisch angesehen. Und es ist nach wie vor hauptsächlich die nur zu begründete Furcht vor der Rache der ja offenkundig skrupellosen und zumeist mächtigen Übeltäter, daß solche Vergehen gegen die Sippentreue nur heimlich flüsternd oder aus sicherer Entfernung angeprangert werden.

Es ist klar, daß sich hierdurch nach und nach sehr mächtige und weit verzweigte Sippen bilden können. Dem wird aber in gewissem Maße entgegen gesteuert durch die Herausbildung neuer Sippen. Hierfür gibt es tatsächlich keine festen Regeln. Allein die grundsätzliche Unauflöslichkeit der Sippenbindung verbietet es ja von selbst, daß etwa ein Ehepaar beschließt, zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre beiden bisherigen Sippen zu verlassen und eine neue eigene zu begründen.

Aus dem äußeren Umstand, daß das Verlassen der bisherigen Sippe ja den Verlust der bisherigen Schutzgemeinschaft bedeutet, ergeben sich zwangsläufig zwei wichtige, ja unabdingbare Voraussetzungen. Einerseits geht der Neugründung üblicherweise eine so große räumliche Trennung voraus, daß die enge Bindung innerhalb einer Sippe und vor allem die schnelle und wirksame Hilfe in Notlagen allein aufgrund der äußeren Bedingungen nicht mehr hinreichend gewährleistet werden kann. Dies ist in der Regel der Fall, wenn der Wohnsitz auf eine andere Insel verlegt wird. Tatsächlich siedeln fast alle Sippen zwar oft weit verstreut, aber eben nur auf einer Insel., und bei Abwanderung von Angehörigen auf eine andere Insel wird schon fast selbstverständlich erwartet, daß hier dann eine neue Sippe ihren Anfang nimmt.

Daß dies aber tatsächlich erst später erfolgt, liegt wiederum an der Hauptfunktion als tatsächliche Hilfs- und Schutzgemeinschaft. Die kann aber wirksam nur dann erfüllt werden, wenn bereits mehrere Familien mit entsprechender zahlenmäßiger Stärke oder nutzbaren Möglichkeiten vorhanden sind. Von daher wäre es geradezu widersinnig, wenn sich eine einzelne Familie zu einer eigenen Sippe erklären würde. Somit ist die zweite Voraussetzung zur Neugründung einer Sippe, daß diese bereits eine mit anderen Sippen vergleichbare Stärke an Menschen und Machtmitteln aufweist, denn sehr häufig geht es bei Hilfeleistungen ja um die Unterstützung eines Gesippen in dessen Auseinandersetzung mit einem Außenstehenden und damit auch dessen Sippe.

Daher ist es selbst bei zahlenmäßig starker Nachkommenschaft und entsprechend eifriger Familienbildung frühestens zwei Generationen nach dem eigentlichen Gründer- oder Ahnenpaar üblich, die entstandene Familiengruppe als neue Sippe anzusehen. Auf jeden Fall müssen beide Sippeneltern bereits verstorben sein. Dieses sowie die noch zu schildernden Eigentümlichkeiten der Sippengründung erklären sich wohl daraus, daß die heilige, uralte, auf Blut gegründete und schon magisch-mystisch wirkende Sippenbindung sich gefühlsmäßig schlecht damit verträgt, eine solche einfach so neu zu begründen, wie man ein Schiff baut oder einen Acker erwirbt. Daher wird das Bestehen einer neuen Sippe nicht öffentlich noch womöglich unter Angabe eines bestimmten Zeitpunkts verkündet, sondern einfach ab einem geeigneten, aber hiermit eigentlich gar nicht zusammenhängenden Ereignis wie etwa einem Thing oder der Versammelung zu einem Kriegszug diese Familiengruppe einfach und übergangslos als Sippe behandelt, so als ob sie dies schon immer gewesen wäre. Dies funktioniert ganz einfach deshalb fast immer völlig reibungslos, weil tatsächlich die Verhältnisse sich bereits vorher vollständig zur Unabhängigkeit und Eigenständigkeit entwickelt haben und dies auch jedermann klar war. Auch die Besitzverhältnisse ändern sich bei dieser Gelegenheit zumeist problemlos unter allseitiger Anerkenntnis auch der bisherigen Sippen, weil auch hier bereits längst vorher Sippenansprüche tatsächlich nicht mehr ausgenutzt oder geltend gemacht werden.

Zu ergänzen ist noch, daß von den verschiedenen Gruppierungen allein die Sippe so etwas wie einen von allen Mitgliedern getragenen gemeinsamen Namen besitzt, was ebenfalls unterstreicht, daß dies die wichtigste Bindung des Vinländers darstellt. Allerdings handelt es zumeist keineswegs um einen eigentlichen Familiennamen, sondern schlicht um den Namen des jeweiligen Sippenhauptes, welcher somit auch immer wieder wechselt. Diese Sippennamen entstehen ebenfalls zwanglos und es gibt keine festen Regeln für ihre Wahl, so daß es einige Bezeichnungen gibt, die dem Außenstehenden seltsam vorkommen mögen. Etwas derbere oder regelrechte Spitznamen werden aber üblicherweise in altvinländischer Sprache geführt und daher sowieso nur von sehr wenigen wirklich verstanden.

Geographische Bezeichnungen kommen übrigens als Sippennamen auf Vinland eigentlich nur bei Adeligen vor und auch hier keineswegs immer, benennen dann aber üblicherweise den Stammsitz oder die Hauptburg dieser Sippe. Ebenfalls nur bei Adeligen ist es inzwischen beliebt geworden, statt der Bezeichnung Sippe den mittelländischen Ausdruck „Geschlecht“ zu benutzen. Dies ist wiederum einer der kleinen Hinweise darauf, daß sich auch der vinländische Adel allmählich als eine besondere und herausgehobene Bevölkerungsschicht im feudalen Sinne zu fühlen beginnt.

Clan
Der Clan wird in Vinland auch als „Stamm“ bezeichnet. Grundsätzlich meint dieser Begriff die Adelsfamilie bzw. Adelssippe einschließlich des Teils ihrer Gefolgschaft, der aufgrund besonderer Umstände als tatsächlich fest und auf Dauer gebunden anzusehen ist. Das ist am häufigsten schlicht und einfach bei Unfreien und langfristig gebundenen Halbfreien der Fall. Hinzu kommen in allerdings geringerer Anzahl auch Freie, wobei es sich fast immer um frühere Un- oder Halbfreie handelt, die durch ihre damalige langfristige Abhängigkeit so etwas wie eine „Tradition“ im Dienst bei dieser speziellen Adelsfamilie entwickelt haben, also sich selbst durch ihre Familiengeschichte weit stärker gebunden fühlen als normale Gefolgschaftsmitglieder. Äußerlich jedermann erkennbar drückt sich diese ungewöhnliche Bindung dadurch aus, daß der Familienname der Gefolgschaftsherren als Clanbezeichnung zusätzlich geführt wird. Wenn sich jemand also als „A vom Clan der B“ bezeichnet, so will er genau diese Abhängigkeit beschreiben, aber keineswegs eine direkte Familienzugehörigkeit behaupten. Diese würde durch „aus der Familie B“ oder heute üblicher „vom Geschlecht der B“ erklärt.

Etwas verwirrend hierbei ist allerdings, daß der eigentliche vinländische Ausdruck „Stamm“ inzwischen im üblichen Sprachgebrauch durchweg durch „Clan“ ersetzt wurde, dieser Begriff aber aus der Alten Sprache stammt und eigentlich etwas anderes bezeichnet. Der Clan beim Alten Volk war eine Gruppierung von Menschen unabhängig von Sippe, Verschwägerung oder sonstiger Bindung, die allein durch die besondere Verehrung einer bestimmten Gottheit und durch sonstige besondere religiöse Rituale miteinander verbunden waren. Es handelte sich also um Kultgemeinschaften, die innerhalb des Alten Volkes nicht etwa eine eigenständige Religion praktizierte, sondern innerhalb der damaligen Glaubensvorstellungen einen besonderen Schwerpunkt setzte.

Obwohl die Religion des Alten Volkes als Glaube an die „Neuen Götter“ bei den Vinländern immer größere Bedeutung gewinnt, ist diese Form von religiöser Aktivität nicht übernommen worden und konnte der Begriff des Clans daher mit der geschilderten anderen Bedeutung der besonders festen Gefolgschaftsgemeinschaft im gleichsam weltlichen Sinne versehen werden.

Interessanterweise ist der Gedanke einer solchen Kultgemeinschaft aber auch in der vinländischen Gesellschaft vorhanden, wenn auch heute nur noch in sehr schwachen Spuren. Hierbei handelt es sich um die Angehörigen eines bestimmten „Totems“, die ebenfalls keine andere blutsmäßige oder sonstige Bindung untereinander besitzen müssen. Hierbei handelt es sich letztendlich ebenfalls um eine Kultgemeinschaft, die sich aber dahingehend entwickelt hat, daß sie weniger durch regelmäßige gemeinsame Rituale oder ähnliches verbunden wird als vielmehr durch das Wissen oder besser Bewußtsein, neben ihrer menschlichen Abstammung auch eine magisch-geistige von einem göttlichen, jedenfalls nichtmenschlichen Ahnherren oder –wesen zu besitzen. Da diese Vorstellungen sehr alt und urtümlich sind und wie in sehr vielen anderen Religionen auch die Alten Götter Vinlands zunächst Tiere waren oder besser Tiergestalt besaßen und erst später sich die Menschengestalt durchsetzte, wird dieser „Totem-Ahne“ zumeist durch ein bestimmtes Tier repräsentiert. Typisch ist, daß dieses Tier dann eine gewisse Verehrung genießt und auch tabuisiert ist, also zum Beispiel nicht gejagt oder gegessen werden darf.

Auch die Clans des Alten Volkes dürften zum Teil diesen totemistischen Charakter besessen haben. So dürfte etwa die hier und da noch vorhandene Erinnerung an die alten „Hundekrieger“ nicht nur einen einfachen äußeren Namen wiedergeben, sondern tatsächlich bedeuten, daß die großen Krieger und Helden durch die Zeiten hindurch und selbst wenn sie sich gegenseitig erbittert bekämmpften und töteten, doch magisch alle durch das Totemtier des Hundes verbunden waren.

Da der Glaube an die alten Götter insgesamt auf Vinland verfallen ist und im wesentlichen nur noch in kleinen, recht willkürlich oder zufällig verstreut wirkenden und örtlich begrenzten Kulten fortbesteht, spielt auch das Totem bei den Vinland keine erkennbare Rolle mehr. Spuren finden sich zum Beispiel bei den Sippennamen, wo relativ häufig Tiere auftauchen. Sofern es sich um altehrwürdige, also weit in die Vergangenheit zurück verfolgbare Sippen handelt, kann wohl mit Recht vermutet werden, daß einige dieser Namen auf alte Totemtiere zurück gehen. Manche anders lautende Erklärung läßt sich auch unschwer als spätere, oft erkennbar mühsam konstruierte und ziemlich unglaubhafte Deutung erkennen.

Haushalt
Der Begriff Haushalt umschreibt die gesamte Gruppe von Personen, die eine geschlossene Wohn- und Lebensgemeinschaft bilden, unabhängig ihrer sonstigen jeweiligen Bindungen. Typischerweise ist das der traditionelle Bauernhof, dessen Haushalt dann neben der eigentlichen Bauernfamilie aus sämtlich sonstigen dort Wohnenden (und normalerweise Arbeitenden), also vor allem freie Bedienstete und Unfreie.

Die Dauer des Aufenthaltes spielt hierbei keine Rolle, daher zählen auch zum Beispiel kurzfristig angeheuerte Erntehelfer oder selbst durchreisende Übernachtungsgäste für die jeweilige Dauer des Aufenthaltes zum Haushalt. Da solche kurzzeitig Zugehörige natürlich in der Regel einen festen „Stamm“-Haushalt besitzen, kann ein Vinländer somit im Gegensatz zu Familie, Sippe etc. durchaus vorübergehend zwei verschiedenen Haushalten angehören. Die dauernde Zugehörigkeit zu einem Haushalt wird durch die vorübergehende zu einem anderen nämlich nicht unterbrochen oder gar beendet, um nach Rückkehr gleichsam neu begründet zu werden, sondern dauert fort. Lediglich die sich hieraus ergebenden Rechte und Pflichten ruhen vorübergehend und wirken praktisch nur für den Haushalt, bei dem man sich konkret aufhält.

Grundsätzlich sind alle Mitglieder eines Haushaltes für die Zeit ihrer Zugehörigkeit zu rückhaltloser gegenseitiger Unterstützung verpflichtet. Dies bedeutet zunächst, sich entsprechend an den notwendigen Arbeiten oder Leistungen zur gemeinsamen Existenz zu beteiligen. Einerseits haben also Bedienstete wie Gäste ihren Beitrag zum Lebensunterhalt des Hausherrn und seiner Familie zu leisten, wofür ihnen der Hausherr im Gegenzug durch Entlohnung oder Gewährung von Unterkunft und Verpflegung oder einer Kombination hieraus entsprechend den eigenen Lebensunterhalt verschafft. Das gilt tatsächlich auch für Gäste. Wenn auch der Hausherr großzügig bei Gästen auf deren grundsätzlich geschuldeten Beitrag verzichtet – üblich natürlich bei Freunden und Verwandten sowie bei hochrangigen Besuchern - , so ist es doch üblich, das ein so bevorzugter Gast von sich aus den einen oder anderen Handgriff, also zumindest symbolisch seinen Pflichtteil beiträgt. Bei längeren Aufenthalten – üblicherweise bei mehr als drei Tagen und Nächten – wird aber angemessene Mitarbeit erwartet oder aber statt dessen ein angemessenes Geschenk.

Uneingeschränkt und unabhängig von der Dauer des Aufenthaltes der oben erläuterten Form der sonstigen Gestaltung des Aufenthaltes gilt ein absolutes Recht auf gegenseitige Unterstützung bei einem Angriff auf den Haushalt oder einer sonstigen kriegerischen Auseinandersetzung. Durch die Aufnahme des Gastes in den Haushalt wird dieser während seines Aufenthaltes also auch dann absolut geschützt, wenn sich ein Angriff nur gegen ihn und überhaupt nicht gegen die Gastgeber richtet und ebenso ist er zur aktiven Unterstützung unter voller Ausschöpfung aller ihm gegebenen Möglichkeiten verpflichtet, wenn sein Gastgeber behelligt werden sollte, auch wenn er selbst mit der Sache nichts zu tun hat, also rein zufällig hineingerät. Wie man leicht erkennen kann, basiert das für die vinländische Gesellschaft ja wichtige Gastrecht praktisch auf der Institution des Haushaltes.

Der eigentliche Grund für die Einrichtung des Haushaltes als zusätzliche Form der Gruppenbindung liegt in den traditionellen Lebensbedingungen der Vinländer. Aufgrund der kargen Lebensverhältnisse siedeln ja viele Nordvölker typischerweise in Einzelgehöften mit oft größerer räumlichen Trennung voneinander, eine Siedlungsform, die in rauheren Gegenden von Vinland auch heute noch vorherrscht. Die grundsätzliche Schutzgemeinschaft der Sippe kann unter solchen Bedingungen etwa bei einem Überfall auf einen Einsiedlerhof offenkundig nicht schnell und wirksam genug Hilfe leisten. Also war es naheliegend, aus der ja oft sehr unterschiedlich zusammengesetzten Bewohnerschaft eines solchen Hofes ohne Berührung deren sonstiger Bindungen eine Gruppierung zu bilden, die so weit wie möglich die Schutzfunktionen der Sippe etc. übernimmt.

Dies war ja um so wichtiger, als die demokratisch gleichberechtigte Gesellschaft der Vinländer keine unabhängigen oder übergeordneten Schutzeinrichtungen kennt, Recht und Sicherheit also immer vom betroffenen Einzelnen oder seiner Gruppe durchgesetzt oder geschaffen werden müssen.

Welch hohen Stellenwert diese Selbstbehauptung beziehungsweise Selbstsicherung besitzt, zeigt sich auch daran, wie sehr im Zusammenhang mit einer Bedrohung des Haushaltes sonst geltende Rechte und strenge Bräuche außer Kraft gesetzt werden. Insbesondere dürfen Unfreie zum Schutz ihres Haushaltes Waffen führen und einsetzen. Dies geht so weit, daß schon bei Drohung eines Angriffes etwa nach formaler Eröffnung einer Fehde Unfreie auch in der Öffentlichkeit voll gerüstet und bewaffnet erscheinen und sogar Schwerter tragen.

Einschränkungen ergeben sich eigentlich nur aus den realen Möglichkeiten des Hausherrn zur Ausstattung seiner Haushaltsmitglieder sowie naturgemäß seinem Vertrauen zu Zuverlässigkeit und Fähigkeiten seiner Haushaltsangehörigen, ebenso auch, daß solche Maßnahmen auf die vernünftige, allen einsehbare Notwendigkeit beschränkt werden. Wenn ein Vinländer also zum Beispiel mit einer voll bewaffneten Eskorte auch von Unfreien auf einem Fest erscheint, wo es eventuell zur Schlägerei mit einer anderen Familie kommen könnte, mit der man ohne formelle Fehde einfach nur heftigen Streit hat, wird sicherlich nicht nur als Unruhestifter betrachtet worden, sondern muß damit rechnen, daß seine Unfreien nicht nur sofort und notfalls mit Gewalt ergriffen und entwaffnet, sondern auch eben wegen des ihnen grundsätzlich streng untersagten Waffentragens öffentlich beschuldigt und nach vinländischen Rechtsbrauch durchaus auf der Stelle erschlagen werden.