4-Halbfreie

Diese besondere Stellung kann sich bei nicht allzu schwerer Verschuldung ergeben, wenn die übliche Unfreiheit unangemessen oder schlicht unpraktisch erscheint. Sie ist also bei Kriegsgefangenen nicht möglich. Üblicherweise tritt die Halbfreiheit ein, wenn nach Übertragung und Verrechnung des Besitzes die Restschuld in relativ kurzer Zeit abgedient werden könnte. In diesen Fällen besteht die Möglichkeit, auf die ja schwerwiegenden und einschneidenden Auswirkungen der Unfreiheit zu verzichten, weil sie eine unverhältnismäßige und eigentlich unnötige Belastung des Schuldners darstellen würden. Denn hier besteht die Möglichkeit, durch ein langfristiges und entsprechend vom Schuldner nicht lösbares Dienst- oder Arbeitsverhältnis die Schuld in einer auch für den Gläubiger zumutbaren Frist zu tilgen. Hierbei wird tatsächlich das Freiheitsrecht des Schuldners klar höher bewertet und dem Gläubiger entsprechend viel Geduld bis zur endgültigen Befriedigung seiner Ansprüche zugemutet. Allerdings gilt die Faustregel, daß der Schuldner bei entsprechend vernünftiger Erwartung seine Schuld noch in eigener Person begleichen können muß. Vor allem bei älteren oder in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkten Personen droht also im größeren Maße die formale Unfreiheit.

Obwohl die Bedingungen eines solchen Dienstverhältnisses naturgemäß äußerst drückend, ja unwürdig sein können, bleibt der Schuldner grundsätzlich ein Freier und ist eigentlich nur hinsichtlich seines Rechtes auf frei wählbare Art des Lebensunterhaltes eingeschränkt. Tatsächlich ist ihm jedoch die Ausübung anderer Freiheitsrechte fast völlig unmöglich, denn er wird ja zum Beispiel keinerlei nennenswerten Besitz erwerben, seinen Wohnsitz nicht frei wählen und auch keine Familie gründen und unterhalten, also heiraten können. Zudem ist er ja in vielen Fällen nur dank der Großzügigkeit seines Gläubigers und damit weniger durch eigenes Verdienst der Unfreiheit entkommen. Hinzu kommt, daß viele Adlige inzwischen nicht aus sachlichen oder vernünftigen Gründen diese Form des Abhängigkeitsverhältnisses bevorzugen, sondern weil ihnen die grundsätzlich fortbestehende Freiheit des Schuldners wie an anderer Stelle bereist angesprochen für die Vergrößerung ihrer persönlichen Macht verwertbarer und nützlicher erscheint.

Aus diesen Gründen wird die Stellung des Halbfreien auf Vinland kaum besser bewertet als die des Unfreien. Daher wird von ihm erwartet, daß er sich freiwillig wie ein Unfreier verhält, also zum Beispiel von sich aus auf das Tragen einer Waffe verzichtet, auch wenn er eine solche besitzt oder aber nicht am Thing teilnimmt und wenn doch, sich jeglicher Wortmeldung enthält und auch nicht abstimmt. Der Halbfreie tut gut daran, diesen Erwartungen zu entsprechen, denn sollte er allzu nachdrücklich auf seinen ja durchaus vorhandenen Rechten bestehen, wird ihm sehr wahrscheinlich von den Vinländern vielfältig und nachdrücklich, wohl auch handgreiflich nahegelegt werden, mehr Bescheidenheit an den Tag zu legen. Besonders widerspenstige Halbfreie sind sogar schon wahrscheinlich aus diesem Grund eines gewaltsamen Todes gestorben. Gläubiger, die tatsächlich aus vernünftigen Gründen einer Halbfreiheit zugestimmt haben, pflegen ein solches Verhalten selbst möglichst zu unterbinden, da ihnen ein arbeitsunfähiger oder gar toter Schuldner ja wenig nützt. Wenn hingegen Adlige ihre Halbfreien vor allem zur politischen Machterweiterung einsetzen wollen, ist ihnen ja im Gegenteil besonders daran gelegen, daß diese zumindestens die in diesem Zusammenhang bedeutsamen Rechte als Freie tatsächlich beanspruchen und wahrnehmen, eben zum Beispiel auf einem Thing. Somit hat sich hier eine neue und teilweise sehr heftige Form der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung aufgetan, die für die Zukunft bei der allgemein ja zu erwartenden steigenden Zahl von Halbfreien durchaus Sorgen bereiten kann.