1-Allgemeines

Grundsätzlich besteht die vinländische Gesellschaft auch heute noch aus einer Gemeinschaft von Freien, die sämtlich gleichberechtigt alle Entscheidungen durch Abstimmung fällen. Vom Ursprung her sind die Vinländer freie Bauern mit dem Recht, sich und ihr Eigentum notfalls mit der Waffe zu verteidigen, also auch Krieger. Es handelt sich also um Bauernkrieger, wie sie auch in vielen anderen Ländern die Grundlage für verschiedenste Stämme und Staaten bilden oder ursprünglich gebildet haben.

Als sie sich auf dem noch unzerstörten Vinland ansiedelten, besaßen sie zweifelsohne bereits eine zumindest einfache Gesellschaftsform und Organisation aus ihrer früheren Heimat, wo immer diese auch gelegen haben mag. Ebenso besiedelten sie kein bis dahin leeres Land, sondern trafen auf schon dort ansässige Gruppen der Elben und des Alten Volkes, deren zum Teil völlig anders geartete und hoch entwickelten Formen des Zusammenlebens ganz zweifellos einen mehr oder weniger großen Einfluß auf die Neuankömmlinge nahmen.

Als jedoch Vinland zerbrach und nur noch die heutigen Inseln übrig waren, endete diese Entwicklung offenbar völlig. Die noch über das Wasser aufragenden Länder bildeten ja vorher die höchsten Berge und Ebenen des ursprünglichen Vinlands und waren daher bis dahin nur an einigen wenigen Stellen besiedelt worden. Die Elben und das Alte Volk ebenso wie die Orks und ihre Artverwandten zogen sich offenbar größtenteils sehr schnell nach Hae Brâsil und Orknai zurück, so daß die übrigen vier Inseln ein fast unberührtes neues Land darstellten. Die Nordleute, die dorthin geflüchtet waren oder sich zunächst auf dem Meer in Sicherheit gebracht hatten, nahmen die Inseln daher tatsächlich nahezu wie Neusiedler in Besitz.

Soweit noch erkennbar, scheinen sie sich bei der Besiedlung und dem Neuaufbau ihrer Gesellschaft und Zivilisation im wesentlichen auf ihre eigene Tradition als Nordländer gestützt zu haben. Von den Elben und dem Alten Volk Erlerntes haben sie offenbar nur in geringem Umfang weiter benutzt, was nach den vorausgegangenen schrecklichen Erfahrungen nicht weiter verwundert, denn schließlich war ja gerade diese Welt in einer fürchterlichen Katastrophe buchstäblich untergegangen. Daher erscheint es durchaus natürlich, daß sie sich vor allem wieder auf ihre eigenen Traditionen besannen. Wieviel sie von den heutigen Besonderheiten der vinländischen Gesellschaft bereits als ererbte Gewohnheit weitergeführt haben und wieviel sie erst jetzt neu entwickelten, mag dahin gestellt bleiben oder von klugen Leuten genauer erforscht werden. Grundsätzlich erscheinen die Ereignisse aber tatsächlich so, als ob die Vinländer die Inseln wirklich neu besiedelt und dort ihre eigenständige Kultur entwickelt hätten, so daß in dieser Darstellung dies auch so beschrieben werden kann.

Wie auch sonst in nordischen Regionen häufig, lagen auf den vinländischen Inseln die ältesten Ansiedlungen überwiegend in der Nähe großer Wasserflächen, also vor allem an der Meeresküste und besonders bei großen Buchten und Fjorden sowie im Landesinneren an größeren Seen. Dies kann der Kundige selbst an heutigen Karten Vinlands noch zum Teil gut erkennen und begründet sich daher, daß in solchen Gebieten vergleichsweise günstigere Bedingungen für Ansiedlung und Landwirtschaft vorliegen. Regelmäßig herrscht hier milderes und ausgeglicheneres Klima und gibt es oft auch bessere Bodenqualitäten sowie mehr Niederschlag im Vergleich zum Landesinneren.

Da somit die meisten frühen Siedlungen mehr oder weniger direkten Zugang zum Meer hatten, entwickelte sich auch schnell der Schiffsbau und die Seefahrt. Denn der Transport auf dem Wasser ist immer sehr viel einfacher und schneller als der zu Lande, zumal häufig schroffe Gebirge und dichte Wälder diesen zusätzlich erschweren. Zugleich eröffnet das Meer zusätzliche reiche Ernährungs- und Verdienstmöglichkeiten. Zunächst natürlich bergen ja gerade kältere Gewässer im Norden geradezu unerschöpfliche Mengen an eßbaren Fischen und die an den oft felsigen Küsten besonders reichlich vorhandenen Muscheln, Schnecken und anderen Weichtiere bereichern den Speisezettel zusätzlich. Auch Tang und Seegras finden vielfältige Verwendung.

Eine wahre Göttergabe sind jedoch die wiederum im Norden am häufigsten auftretenden Meeressäuger, also Wale, Robben und Seehunde. Die Jagd auf solche Tiere verschafft nicht nur größte Mengen nahrhaften Fleisches, sondern auch zusätzlich wertvollste Gebrauchs- und Handelsgüter. Hier ist das wasserdichte und wärmende Pelzwerk der Robben und Seehunde zu erwähnen und mehr noch das hieraus gefertigte Leder – dies ist nämlich das einzige, welches von Salzwasser nicht angegriffen und geschädigt wird und wird daher überall zum Beispiel beim Schiffsbau für das stehende Gut des Tauwerks sehr begehrt. Hinzu kommen die Stoßzähne verschiedener Robbenarten sowie die des Narwals, denn sie bestehen aus dem gleichen Elfenbein, wie es ansonsten von den Elefanten und anderen Großtieren der südlichen Länder stammt. Aufgrund der gleichen Beschaffenheit können es auch die Fachleute nur an der Form und nach erfolgter Bearbeitung somit überhaupt nicht mehr unterscheiden. Weiterhin seien noch Fett und Tran erwähnt, die nicht nur der Ernährung dienen können, sondern auch zur Herstellung von Lampenöl, Leim- und Schmiermitteln, ja selbst Mitteln der Haut- und Haarpflege und mancherlei anderem.

So ist es nicht verwunderlich, daß die Vinländer über einen hochentwickelten Schiffsbau verfügen und höchst erfahrene und fähige Seefahrer sind. Ein weiteres prägendes Element der vinländischen Gesellschaft ist, daß weite Teile der Inseln bis heute völlig leblose und für menschliche Ansiedlung nicht nutzbare Gegenden bilden. So wurde schon bald für die wachsende Bevölkerung der Lebensraum knapp und gutes Ackerland zu einem kostbaren Besitz. Zunächst bot sich noch die Möglichkeit, ganz auf anderen Lebensunterhalt wie Fischerei, Viehzucht oder Forstwirtschaft auszuweichen und somit für Ackerbau ungeeignete Gebiete zu besiedeln, aber auch hier fanden sich bald die Grenzen. So wurde Land und Siedlungsraum zu einem immer knapperen und kostbareren Gut, um dessen Besitz heftige Streitereien bis hin zu blutigen Fehden entstanden, wie sie sogar heute noch bisweilen vorkommen.

Natürlich konnte man in diesen Auseinandersetzungen im Angriff wie in der Verteidigung die Erfolgsaussichten wesentlich verbessern, wenn nicht jeder für sich kämpfte, sondern man sich zu stärkeren Gruppen zusammenschloß und einem Anführer die Leitung übertrug. War dieser erfolgreich, so behielt er sein Amt in den folgenden Auseinandersetzungen und wurde die Gruppe auch in friedlichen Zeiten nicht mehr aufgelöst, denn es zeigte sich schnell, daß ein solcher Zusammenschluß auch sonst Vorteile bot.

Denn natürlich können in einer solchen Gruppe zum Beispiel Arbeiten besser organisiert und verteilt, Notzeiten besser überstanden und hauptberufliche Handwerker gemeinsam für ihre Arbeiten unterhalten werden, da sie diese besser und schneller erledigen konnten als ein Bauer, der solche Tätigkeiten nur nebenher vornimmt. Somit wurden diese Gruppen mit ihrer Arbeitsverteilung und Führerschaft zu einer dauernden Einrichtung für Kriegs- wie Freidenszeiten. Damit aber hatte sich eine Oberschicht von ständigen Anführern gebildet, die ihre Führung auch im alltäglichen Leben immer mehr zu Geltung brachten. Hierdurch entstanden sowohl der Adel wie auch die jeweiligen Gefolgschaften als feste gesellschaftliche Einrichtungen.

Auf Vinland ist dieser Ursprung aus der Führung von Kriegergruppen noch sehr deutlich daran zu erkennen, daß die Angehörigen des gesamten Adels, also unabhängig von der genaueren Position immer noch die gemeinsame Bezeichnung „Hersir“ führen, was „Heeres-„ oder besser „Kriegsherr“ bedeutet (übrigens hat der mittelländische Adelstitel „Herzog“ die wörtlich gleiche Bedeutung und somit auch den gleichen Ursprung).

Eine vinländische Besonderheit war noch, daß aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten und der hauptsächlichen Siedlungsgebiete Schiffe das eindeutig wichtigste Verkehrs- und Transportmittel bildeten. Somit lag es nahe, daß auch bei den kriegerischen Auseinandersetzungen vor allem die Wasserwege genutzt und die Kämpfe häufig direkt mit Schiffen ausgetragen wurden. Die vorhandenen schiffsbauerischen und seemännischen Erfahrungen ermöglichen schnell die Entwicklung und Herstellung besonderer Kriegsschiffe, eben der bekannten „Drachen“. Daher bildeten und bilden sich noch heute die meisten Gefolgschaften auf der Grundlage einer Schiffsbesatzung, das heißt im Durchschnitt als Gruppe von 50 – 60 Kriegern. Da die einzelnen Familien ja je nach ihrer Größe recht unterschiedliche Zahlen von Kämpfern stellen, ist die Gesamtzahl einer stärkeren Schwankungen unterlegen, be-trägt aber normalerweise etwa 300 Personen. Auf dieser oder sehr ähnlicher Grundlage haben sich natürlich die Gesellschaften auch in vielen anderen Ländern entwickelt. Hieraus entstanden zumeist immer kompliziertere Formen mit meist immer mehr verfestigten Rangfolgen und zumeist immer zentraleren Regierungen. Tatsächlich ist hier oft der ursprüngliche Beginn späterer hochzivilisierter mächtiger Reiche zu sehen. Auf Vinland aber verlief die weitere Entwicklung anders.

Der ungewöhnlich stark ausgeprägte Freiheitssinn der Vinländer zusammen mit einer für sie typischen Starrköpfigkeit ließ und läßt heute noch keine Führerschaft zu, die sich auf eine andere Grundlage als die tatsächliche besondere Eignung und Befähigung des jeweiligen Anführers selbst stützt. Dies bedeutet, daß ein vinländischer Adliger zwar seinen Titel und seine Position durch Erbgang erwerben, diese aber nur bewahren oder gar ausbauen kann, wenn er persönlich durch seine eigenen Taten laufend nachweist, daß er sie auch wirklich verdient.

Es gibt auf Vinland keinerlei lehnsherrschaftliches oder feudales System und somit auch keine Person oder Instanz, die einen Adelstitel oder gar damit verbundene Privilegien oder Besitztümer zusprechen oder entziehen könnte. Somit kann grundsätzlich jedermann jederzeit einen Adelsrang erlangen, wenn er zum Beispiel ein Schiff erwirbt oder baut, hierfür eine Besatzung anwirbt und diese ihm nach erfolgreicher Unternehmung auch weiterhin treu bleibt, also offensichtlich auf Dauer seine Gefolgschaft bildet. Zu diesem Zeitpunkt kann er sich als Adligen bezeichnen und wird auch allgemein als solcher angesehen. Seine Gefolgschaftsleute unterstellen sich ihm dementsprechend auf rein freiwilliger Grundlage, gehen hierbei jedoch keinerlei auf Dauer bindende Verpflichtung ein und erhalten eine solche auch nicht durch Gesetz oder Brauchtum auferlegt. Somit kann jeder von ihnen die Gefolgschaft jederzeit aufkündigen und dann auch nach seinem Wunsch einem anderen Adligen anbieten. Dies wird natürlich vor allem dann geschehen, wenn der anführende Adlige versagt, dem Gefolgsmann also Ruhm, Beute oder sonstige Vorteile vorenthalten bleiben, um derentwillen er ja die Bindung eingegangen ist. Hierbei spielt es ausdrücklich keinerlei Rolle, ob der Adlige tatsächlich seine Unfähigkeit bewiesen, also die Fehlschläge persönlich zu verantworten hat oder ob es sich um Unglück, höhere Gewalt oder sonstige Geschehnisse handelte, die er beim besten Willen nicht voraussehen oder verhindern konnte.

Besonders wer die ansonsten strengen Ehrvorstellungen der Vinländer näher kennt, wird sich über den offenkundigen Widerspruch wundern, daß ein solches ja sehr eigennütziges, je nach Lage sogar treuloses Verhalten die für gut und richtig befundene Regel darstellt. Nach dem noch urtümlichen magischen Weltbild der Vinländer jedoch gehört zu einem berechtigten Führungsanspruch neben der persönlichen Befähigung auch unabdingbar das entsprechende Glück, weil allein hieraus sicher erkannt werden kann, ob die göttlichen Mächte der betreffenden Adelsherrschaft zustimmen oder nicht. Der Gefolgsmann, der einen glücklosen Adeligen verläßt, verletzt damit zwar sicher allgemeine Regeln von Ehre und Treue, deren der Anführer ja gerade in solchen schlechten Zeiten ganz besonders bedarf, unterwirft sich und vollzieht aber vor allem den zweifelsohne höherrangigen Willen der Götter. Manch Außenstehender wird dies als recht schlitzohrige Ausrede bezeichnen. Jedoch würde jeder Vinländer einen solchen Vorwurf als persönliche ehrabschneiderische Beleidigung ansehen und entsprechend hitzig reagieren, da er hierüber anders denkt.

Denn zugunsten der vinländischen Ehre sei auf eine Besonderheit hingewiesen, die doch recht deutlich darauf zeigt, daß es sich um eine vielleicht manchmal angenehme, aber tatsächlich und ehrlich als gerechte Ordnung angesehen Verhaltensform handelt. Während eines Kriegszuges und besonders während eines Kampfes ist es nämlich völlig ausgeschlossen, die Gefolgschaft aufzukündigen, und zwar auch dann, wenn es den sicheren Tod bedeutet. Diese nun im Gegenteil übertrieben und unvernünftig erscheinende Treue erklärt sich aus der Überzeugung, daß der Tod in der Schlacht für einen Vinländer stets ein besonders glückliches Lebensende bedeutet, insbesondere, wenn diesem ein unerschütterlich tapferes Standhalten gerade in hoffnungsloser Lage vorausgeht. Daher kann ein solcher Tod einem Gefolgsmann Ruhm und Ehre in höchstem Maße einbringen, selbst wenn er für den Gefolgschaftsführer selbst Schmach und Schande bedeutet, zumindest, wenn er es überlebt, denn folgerichtig würde er sich völlig reinwaschen, wenn er bei dieser Gelegenheit ebenfalls als Held den Tod erleidet, gleichgültig, welch schlimme Fehler er vielleicht vorher begangen hat. Denn für den Vinländer ist es grundsätzlich wichtiger und ehrenvoller als gutes oder böses Handeln an sich, die aus einmal Geschehenem entstandenen Folgen stolz und unerschütterlich zu tragen und den einmal eingeschlagenen oder vielleicht auch schicksalhaft gefügten Weg aufrecht weiter zu verfolgen, also seinen Grundsätzen treu zu bleiben.

Der Adelsrang auf Vinland wird also ausschließlich durch eine tatsächliche entsprechende Machtposition erworben und geht bei deren Verlust auch zwangsläufig selbst verloren, und zwar allein durch allgemein geltende und streng befolgte Sitten und Brauchtum, ohne daß feste Gesetze oder damit beauftragte Personen dies überwachen und regeln. Es gibt daher auf den Inseln keinerlei Blut- oder Dienstadel im festländischen Sinne und man muß eher von einem „Funktionsadel“ sprechen.

Grundsätzlich und ausschließlich ist der Adelstitel an das Vorhandensein einer tatsächlichen Gefolgschaft aus Freien gebunden. Daher kann zum Beispiel ein Handelsherr unabhängig von Reichtum und tatsächlichem Einfluß niemals Adliger werden, auch wenn er über zahlreiche Bedienstete und Unfreie gebietet, da diese keine Gefolgschaft im vinländischen Sinne bilden. Es würde ihm auch nichts nutzen, eine Anzahl von „Huscarls“ anzuwerben. Denn solche Krieger verpflichten sich durch Eid zur lebenslangen Gefolgschaft mit somit anderen Rechten und Pflichten wie der freiwillige Gefolgsmann. Art und Tätigkeit eines Handelsherren machen es jedoch recht unwahrscheinlich, daß sich ihm tatsächlich freie Bauernkrieger oder andere typische Gefolgschaftsmitglieder anschließen.

Obwohl der Adlige seinen Gefolgsleuten und auch allen anderen Freien gegenüber sicher eine in vieler Hinsicht herausgehobene und bevorzugte Stellung einnimmt, ist diese dem Grunde nach nur auf die normale und angemessene Höflichkeit zurück zu führen, die nach allgemeiner und verständiger Ansicht jedem zukommt, der besondere Pflichten und Verantwortungen trägt. Beim Thing zum Beispiel – also eigentlich der einzigen wirklichen Instanz für politische, gesetzgeberische und rechtssprechende Entscheidungen – besitzt jeder Adlige nur seine eigene einzige Stimme, also keinen Deut mehr Recht als jeder normale Freie. Allerdings muß nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß trotz aller nach außen getragenen Betonung dieser Freiheiten und Gleichstellungen in Wahrheit die Position der einzelnen Adligen inzwischen in vielfältiger Hinsicht derart gestärkt und gesichert ist, daß ihre tatsächliche Machtstellung schon in mancherlei Hinsicht kaum weniger gefährdet werden kann als beim festländischen Feudaladel und ihre Machtausübung vielfach bereits absolutistische Formen angenommen hat. Heute wird ein Adliger seine Stellung eher infolge von Machtkämpfen mit anderen Adligen verlieren, aber abgesehen vielleicht von äußerst krassen Fällen kaum noch durch Machtentzug seitens seiner Gefolgschaft.

Bezüglich des oben angeführten Beispiels des Things bedeutet dies, daß zwar tatsächlich weiterhin grundsätzlich frei und gleichberechtigt abgestimmt wird, die anwesenden Adligen aber im großen Maße die Volksmeinung beeinflussen und bei einer nachdrücklich und geschlossen vorgetragenen Stellungnahme die Abstimmung nahezu mit Sicherheit und sehr eindeutig das gewünschte Ergebnis bringen wird. Und niemand nimmt heute Anstoß daran, daß der dem Thing vorstehende Adlige viele, vor allem einfache Streitfälle oft durch eigenen selbstherrlich gefaßten Spruch entscheidet und sie gar nicht mehr wie an sich unabdingbar der Versammlung zur Abstimmung übergibt.

Für diese Entwicklung gibt es mehrere wichtige Gründe. Zunächst hat ja eine Adelsfamilie selbst auch Interesse daran, von tüchtigen Häuptern geführt zu werden, da ja nicht nur die Bewahrung der vorhandenen Stellung wünschenswert erscheint, sondern möglichst auch deren Ausbau und Erweiterung. Sie besitzt auch reichlich Mittel und Möglichkeiten, um durch sorgfältige und zweckgerichtete Ausbildung wirklich geeignete und fähige Führungspersönlichkeiten heranzuziehen. Da der vinländische Adel immer noch sehr viel Urwüchsigkeit besitzt und bisher kaum die für manche Reiche der Mittellande typische selbstgefällige und oft geradezu weltfremde Dekadenz zu beobachten ist, gelingt dies durchweg sehr gut, so daß die Adelsherrscher in aller Regel zumindest einigermaßen befriedigende Führungsfähigkeiten besitzen und unerträgliches Versagen kaum auftritt.

Dies wird zusätzlich unterstützt durch das vinländische Erbrecht. Zwar erbt nach diesem normalerweise wie auch sonst üblich der älteste Sohn die Herrschaft, jedoch hat der jeweils regierende Adlige die Möglichkeit, statt dessen einen anderen, ihm geeigneter erscheinenden Nachfolger zu bestimmen. Bei dieser Person kann es sich zum Beispiel auch um eine Frau handeln und sie muß nicht einmal der betreffenden Familie zugehören, in diesem Fall allerdings durch Adoption in diese aufgenommen werden. Da eine solche in Vinland auch bei Erwachsenen möglich ist, bereitet dies jedoch keine besonderen Probleme. Eine nützliche Regelung hierbei ist auch der Brauch, daß der Adelsherrscher diese Nachfolgeregelung grundsätzlich nicht vorab verkündet, sondern sie schriftlich in einem Testament festhält, welches sicher in einem Tempel oder Heiligtum verwahrt und erst nach seinem Tod eröffnet wird. So wird wirksam gesichert, daß zumindest im Vorfeld mögliche Intrigen und Verschwörungen oder gar Mordanschläge nicht aufkommen können, und der neue Anführer kann von einer zunächst ungefährdeten Machtübernahme ausgehen, da sich eventueller Widerstand ja erst ab diesem Zeitpunkt neu organisieren kann. Die vinländische Adelsherrschaft hat also Formen entwickelt, die ungeachtet der natürlich vor allem eigennützigen Motive im Ergebnis für die Gefolgschaften zumeist vorteilhaft sind.

Wenn aber ein Freier seine bisherige Gefolgschaft aufkündigen will, kann dies für ihn verschiedene Möglichkeiten zur Folge haben. Er kann beschließen, unabhängig zu bleiben, also in keine andere Gefolgschaft einzutreten. Damit verzichtet er aber auf die Zugehörigkeit zu einer Schutz- und Interessengemeinschaft, die inzwischen in der vinländischen Gesellschaft so vielfältige soziale, politische und wirtschaftliche Bedeutung hat, daß dies eine schwierige Außenseiterposition mit teilweise bedeutenden Nachteilen zur Folge hätte. Selbst reiche und erfolgreiche Händler und Handwerker gehören auf Vinland normalerweise einer Gefolgschaft an, obwohl sie das wirtschaftlich gar nicht nötig hätten, da ihnen ja wie dargelegt die ansonsten denkbare andere Möglichkeit, nämlich der Aufbau einer eigenen Gefolgschaft, in der Regel nicht gelingen kann. Normal wäre daher der Versuch, sich einer anderen Gefolgschaft anzuschließen. Falls sich jedoch nicht aufgrund ganz besonderer Umstände eine Gefolgschaft vollständig auflöst, geraten einzeln austretende Personen oder Familien fast zwangsläufig in den Verdacht, besonders eigensinnig, anspruchsvoll oder gar aufsässig zu sein, denn schließlich hat ja die Mehrheit der betreffenden Gefolgschaft keinen hinreichenden Anlaß zu diesem Schritt gesehen. Jeder Adelige, dem die Gefolgschaft neu angeboten wird, wird hier zumindest einen Problemfall vermuten. Sofern das Angebot nicht sogar einfach abgelehnt wird, wird die neue Stellung gegenüber der bisherigen eine Verschlechterung darstellen, zumeist auch seitens der übrigen Gefolgschaft mit einem gewissen Mißtrauen verbunden und der Erwartung, besondere Zurückhaltung, Bescheidenheit und sogar regelrechte Bewährung zu zeigen.

Noch problematischer ist aber, daß eine neue Gefolgschaft ja auch zumeist einen Wechsel des Wohnsitzes bedeutet. Das heißt, im Gebiet der neuen Gefolgschaft muß eine neue Wohnung und die Möglichkeit zum Lebensunterhalt beschafft werden. Ein Fischer, der ein eigenes Boot samt Fangausrüstung besitzt und somit mitnehmen kann, hat es natürlich vergleichsweise einfach, da er grundsätzlich nur noch eine neue Wohnung benötigt und sich notfalls ein bescheidenes Haus selbst zusammenbauen kann. Dementsprechend gelten auf Vinland Fischer und kleine Küstenfahrer tatsächlich als besonders unruhige und widerspenstige Gefolgen.

Zumeist jedoch handelt sich um Bauern und diese benötigen einen kompletten Hof, also neben Gebäuden vor allem Ackerland. Die vinländischen Adligen sind jedoch keine feudalen Lehnsherren, die vorhandenen Höfe sind regelmäßig alleiniges Eigentum der jeweiligen Bauern und somit kann der Gefolgschaftsführer nicht einfach eine Umverteilung vornehmen, um dem Neuankömmling sein Auskommen zu sichern. Der Gefolgschaftsbewerber muß also regelmäßig in der Lage sein, selbst einen neuen Besitz zu erwerben, und selbst bei einer vorhandenen Gelegenheit wird er über die hierfür erforderlichen Geldmittel nur dann verfügen, wenn er seinen bisherigen Besitz zu einem guten Preis verkaufen konnte, was ja auch nicht immer möglich sein wird und somit zusätzliche Schwierigkeiten schafft. Selbst wenn dies alles grundsätzlich gelingt, so wird doch aus Mangel an genügend Geld oder an günstigen Angeboten die neue Lebensführung zumeist eine deutliche Verschlechterung bringen.

Der eine neue Gefolgschaft suchende Bauer muß also schon besonderes Glück haben, um in der neuen Heimat einen leerstehenden Hof erwerben zu können, was angesichts der inzwischen gegebenen Bevölkerungsdichte und erkennbaren Knappheit an Ackerboden eher die Ausnahme darstellt, oder aber, daß sein Wohnsitz zufälligerweise genau an der Grenze zwischen altem und neuem Gefolgschaftsgebiet liegt und daher nicht unbedingt gewechselt werden muß. Aus letzterem Grunde ist übrigens solche Grenzbevölkerung beliebtes Ziel bei den Macht- und Einflußkämpfen der Adelsfamilien, wobei manchmal regelrechte Abwerbung versucht wird.

Abgesehen von den genannten Ausnahmefällen würde also der Eintritt in eine neue Gefolgschaft in allzu vielen Fällen kaum eine andere Möglichkeit offenlassen, als in die Dienste eines anderen Bauern zu treten und damit die bisherige selbständige Stellung zu verlieren. Vielleicht verkauft zwar der neue Gefolgschaftsherr ein Stück ihm selbst gehörenden Landes, aber hierbei wird es sich regelmäßig um Waldgebiet oder ähnliches handeln, welches erst mühsam erschlossen werden muß. Dies würde fast sicher für Jahre ein äußerst arbeits- und entbehrungsreiches Leben und vermutlich auch die Anhäufung beträchtlicher Schulden bedeuten, was ja sogar zur Halb- oder Unfreiheit führen könnte.

Aus diesen Gründen war es daher in alten Zeiten nahezu die Regel, daß nach Aufkündigung einer Gefolgschaft nicht der Beitritt in eine neue, sondern tatsächlich ein Neubeginn in der Fremde erfolgte. Da in diesen oft unruhigen Jahren dies häufiger geschah, bildeten sich wiederholt größere Gruppen, die gemeinsam ein neues Gebiet besiedelten und neue Gemeinschaftswesen, also auch neue Gefolgschaften mit neuen Adligen begründeten. Dies waren die berühmten Landnahmen der alten Sagen und Überlieferungen.

Solche Möglichkeiten bestehen heute jedoch kaum noch. Die heute noch verbliebenen unbewohnten Gebiete auf den Inseln sind durchweg infolge Wassermangel, Klima, Bodenbeschaffenheit oder aus anderen Gründen derart lebensfeindlich, daß sich nur Verfolgte, Ausgestoßene oder sonstige Verzweifelte freiwillig dorthin begeben würden, wo nicht einmal das nackte Überleben gesichert wäre. Somit verbliebe nur eine Auswanderung über das Meer, also in die Mittellande oder andere Gebiete. Diese aber gelten den meisten Vinländern immer noch als völlig fremdartig, ja feindlich und gefährlich, also als Orte, wo man zwar ein wenig rauben oder auch handeln kann, die man aber ansonsten möglichst schnell wieder verlassen sollte.

Tatsächlich bedeutet das Aufkündigen der Gefolgschaft für die meisten Vinländer heutigentags unweigerlich ganz erhebliche Nachteile und Einbußen. Daher erfüllt diese Regelung kaum noch ihre eigentliche und ursprüngliche Aufgabe, nämlich die Macht des Adels zu kontrollieren und einzuschränken. Somit können sich die Adeligen ihrer ja über die Gefolgschaft begründeten Machtpositionen durchweg sehr sicher sein und ziemlich unbesorgt versuchen, in immer größerem Umfang und auf ihnen eigentlich nicht zustehenden Gebieten Herrschaft und Einfluß über ihre Gefolgschaften und damit das Volk zu gewinnen, ohne von diesem hieran wirksam gehindert werden zu können.

Ein erfolgreiches und häufig angewandtes Mittel hierzu beruht zum Beispiel auf recht geschickter Ausnutzung der freiheitlichen Grundsätze. Sind etwa durch Mißernten Bauern der Gefolgschaft in Not geraten, so kann der Adlige sich durchaus rechtens darauf berufen, daß er ja kein Feudalherr ist und somit keiner Fürsorgepflicht unterliegt. Hieraus folgt, daß er seine Hilfe in Form von Lebensmittel oder Geldern nur in Form eines Kauf- oder Leihgeschäftes anbietet, der Bauer sich also erheblich verschuldet. Da er aber vermutlich von keiner anderen Seite her eine solche Hilfe erhalten kann, muß er sich darauf einlassen und auch vielleicht bewußt überzogene Zahlungsbedingungen oder ähnliche harte Auflagen annehmen. Hieraus entsteht leicht und erst recht bei weiteren Notlagen eine drückende und lebenslang nicht mehr abzutragende Schuldenlast. Ob der Bauer diese hoffnungslos zu tilgen versucht oder zum Beispiel statt dessen seinen Landbesitz dem Adligen übereignet und von diesem wieder in Pacht zur Nutzung überlassen erhält, bleibt im Ergebnis gleich. Denn so oder so wird er in aller Zukunft einen oft bedeutsamen Teil seiner Einkünfte an den Adligen abgeben müssen und bleibt diesem nicht nur trotz seiner grundsätzlich weiterhin bestehenden Freiheit in einer nahezu unlösbaren Verbindung unterworfen, sondern verliert auch fast jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Natürlich ist es nach vinländischem Recht eigentlich vorgesehen, daß ein dermaßen überschuldeter Bauer seine Freiheit verliert und durch Thingbeschluß als Halb- oder Unfreier dem Adligen als Schuldsklave überantwortet wird. Der Adlige wird es jedoch aus politischen Gründen vorziehen, dies nicht zu beantragen, da ihm ein völlig von ihm abhängiger Freier, der ja weiterhin Stimmrecht besitzt und mit Waffen als Krieger dient, weitaus nützlicher ist als ein rechtloser Sklave. Tatsächlich befindet sich schon mancher scheinbar stolze und freie Vinländer in Wahrheit in einer Lage, die sich nur wenig von der eines Feudalbauern oder gar eines Leibeigenen unterscheidet.

Die nachfolgende Aufstellung der verschiedenen Gesellschaftsschichten in Vinland und vor allem die dazu gegebenen Erläuterungen sind daher mit der Einschränkung zu sehen, daß manches davon zwar grundsätzlich immer noch zutrifft, den tatsächlichen Gegebenheiten und Verhältnissen aber in vieler Hinsicht nicht mehr entspricht. Nach wie vor ergibt sich jedoch der persönliche Wohlstand eines Adligen allein aus seinem persönlichen Eigenbesitz, der regelmäßig nur einen recht kleinen Teil seines Herrschaftsgebietes umfaßt. Seine Gefolgschaft bestreitet den eigenen Lebensunterhalt überwiegend aus selbständiger Tätigkeit in Eigenrecht und Selbstverantwortung und zahlt auch keine Steuern oder ähnliche Abgaben, abgesehen von den oben genannten Einzelfällen eines Schuld- oder Pachtverhältnisses. Solche kommen aber aus den dargelegten Gründen inzwischen so häufig vor, daß die regelmäßig jeden Monat hierfür übliche Abgabe eines „Zehnten“ dem Außenstehenden durchaus den Eindruck einer regelmäßigen allgemeinen Besteuerung vortäuschen kann.

Diese ist aber in Vinland allgemein nicht üblich, und zwar vor allem deshalb, weil die Adeligen ja regelmäßig über völlig hinreichende und auch ihrer Stellung angemessene Einkünfte aus ihren eigenen Besitzungen und Unternehmungen verfügen. Und ein Staat oder ähnliches als übergeordnete eigenständige politische Einrichtung mit eigenen, nur von ihr wahrzunehmenden Aufgaben, zu deren Kostendeckung ja Steuern der Sache nach dienen, gibt es auf den Inseln weder in der Wirklichkeit noch überhaupt in den politischen Vorstellungen. Auch die Stellung des Adels und selbst der Jarlfürsten wird nur als jeweils persönliche Machtposition verstanden und geachtet, aber nicht in dem Sinne, daß etwa ein Jarlfürst die von ihm beherrschte Insel tatsächlich auch als übergeordnetes Gemeinwesen vertritt oder verkörpert. Allerdings wird so etwas von den Adeligen durchaus angestrebt, die sich zu feudalen Lehnsherren oder ähnlich absolutistischen Machthabern entwickeln wollen. Gerade die, denen besonders viele Freie durch Schuld- und Pachtverhältnisse verpflichtet sind und die hierdurch schon eine besonders starke Position gegenüber ihren Gefolgen besitzen, erliegen natürlich besonders leicht dem Anreiz, ihre sowieso schon recht absolute Macht weiter auszubauen.

Die zunehmende Bedeutung der Geldwirtschaft zeigt auch auf Vinland bereits die Folgen, daß Münzen nicht mehr nur auch wirklich vorhandenes Eigentum vertreten und lediglich dessen Kauf oder Verkauf erleichtern beziehungsweise einen Maßstab für den Wertvergleich unterschiedlicher Güter bilden, sondern Geld bereits tatsächlich eine eigene selbständige Handelsware darstellt. Es werden auch bei den Adelsrängen die jeweilig in etwa entsprechenden Titel des festländischen Feudaladels genannt. Hierbei kann der Vergleich natürlich nur mit noch relativ ländlichen Gebieten der Mittellande gezogen werden, in besonders hoch entwickelten und dicht bevölkerten Reichen sind damit natürlich häufig deutlich mehr Untertanen und höhere Macht-positionen verbunden.